60 Jahre EKHN - Jahresbericht 2006/2007

Ökumene in 60 Jahren EKHN

Ökumene – das bezieht der Volksmund meist nur auf das Verhältnis zwischen der evangelischen und der katholischen Kirche. Doch Ökumene meint mehr. Im Lukasevangelium ist von einem runden Tisch die Rede, an dem sich einst Menschen von Osten, Westen, Norden und Süden versammeln werden. Auf dem Gebiet der EKHN leben bereits Christen aus allen Ländern der Erde. Sie an einen Tisch zu bringen zählt Jochen Kramm, Leiter des Zentrums Ökumene der EKHN, zu den aktuellen Herausforderungen.
Die Aufnahme der »Koreanischen Evangelischen Gemeinde im Rhein-Main-Gebiet« 2001 und der »Evangelischen Indonesischen Kristusgemeinde Rhein-Main« 2005 in die EKHN hält Jochen Kramm für den Beginn eines Prozesses, der erst in einigen Jahrzehnten voll zu ermessen sein wird. Mit ihren ausgedehnten Einzugsbereichen praktizierten die beiden Gemeinden schon heute das Zukunftsmodell der größeren Räume. Die Zahl der Gemeinden fremder Sprache und Herkunft schätzt der Leiter des Zentrums Ökumene alleine in Frankfurt auf rund 80. Zwei Drittel davon sind protestantisch. Als Vision schwebt dem Theologen eine EKHN vor, die »vergleichbar der United Church of Christ in Amerika auch als Dachorganisation für kleinere Migrantengemeinden« fungiert.

Weltweites Netzwerk durch Partnerschaften
Die globale Dimension des Christentums wird in den ökumenischen Direktpartnerschaften der EKHN erkennbar. Die erste begann 1962 mit einer Kirche in Tansania. Sie wurde 1984 in ein Netz von Direktpartnerschaften integriert, das insgesamt elf Partnerschaften mit Afrika, Asien und Amerika sowie drei Partnerschaften in Europa umfasst und in der EKHN mit den Propsteien und deren Gemeinden verknüpft. Kramm sieht den Austausch als Lernfeld, dass Christen in Asien oder Afrika »Brüder und Schwestern im Glauben sind« – selbst wenn die Auffassungen von Religion bisweilen auseinanderklaffen.
Karl-Heinz Dejung, der von 1995 bis 2004 Kramms Vorgänger war, betont: »Die Kirche war schon immer ein Global Player und Global Prayer.« Er bedauert, dass die Bemühungen um »versöhnte Verschiedenheit« zu wenig wahrgenommen würden. Das betreffe auch entwicklungspolitische Aspekte wie den Beitritt zu einer internationalen Kampagne, die für die ärmsten Länder einen Schuldenerlass erreichen will, oder das Anti-Aids-Bündnis. Von außen betrachtet galt die EKHN lange als »ökumenisches Paradies«. Sie war 1948 Gründungsmitglied des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK). Die Vorreiterrolle hatte man auch Martin Niemöller zu verdanken, der rund 150 Länder bereiste und 1961 einer der Präsidenten des ÖRK wurde. Überhaupt sei in den 60er- und 70er-Jahren Ökumene noch ein Zauberwort gewesen. Heftig wurde über den Einkaufboykott gegen die Apartheid oder den Antirassismusbeschluss gestritten. Damals, 1970, beteiligte sich die EKHN als einzige Landeskirche mit 100.000 DM an einen Sonderfonds für die Bekämpfung des Rassismus und löste damit in der gesamten EKD Debatten aus. In Hessen-Nassau sei es zu einem regelrechten Eklat gekommen, da die Gelder zum Teil auch afrikanischen Befreiungsbewegungen zugutekamen, die militärische Mittel nicht grundsätzlich ablehnten.

ACKs: runder Tisch zu Hause
Es war auch die EKHN, die 1966 im Rhein-Main-Gebiet die bundesweit erste Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (ACK) initiierte. Mittlerweile gibt es sie überall, ihre Bundeszentrale ist in Frankfurt. Auf regionaler Ebene bilden die ACKs seither eine basisnahe Plattform für den Austausch zwischen den evangelischen, katholischen, orthodoxen und freien Kirchen. Vor ein paar Monaten erst haben sich die ACK Rhein-Main und der Ökumenische Rat Nordhessen zur ACK Hessen-Rheinhessen zusammengeschlossen und damit die ökumenische Arbeit in diesem Großraum wesentlich gestärkt. In diesen ACKs wurde die eigentliche Basisarbeit für das verbesserte Verhältnis zwischen Protestanten und Katholiken geleistet, erinnert sich Paul Löffler, der von 1985 bis 1995 das frühere Amt für Mission und Ökumene in der EKHN leitete.

Entprovinzialisierung
Das Hauptanliegen des Amts für Mission und Ökumene war es, an der Basis, in Gemeinden und Dekanaten, ein neues Verständnis von Ökumene als »Entprovinzialisierung der EKHN« zu etablieren. Auch wenn Ökumene zuweilen mühsam ist: Der Blick in die Geschichte offenbart große Fortschritte. Heute selbstverständlich anmutende Fortbildungsprogramme der EKHN etwa für Leitungspersonen von Migrantengemeinden oder die interkulturelle Schulung für Beamte der Bundespolizei wären vor 20 Jahren undenkbar gewesen. Jochen Kramm sieht für die Zukunft drei Schwerpunkte: Zum einen sei das die »Weltverantwortung« der Kirchen in Anbetracht von Globalisierung, Nord-Süd-Gefälle und Klimadebatte. Zum zweiten gehe es um die »Interkulturalität des Evangeliums«, also um die Öffnung von Glaube und Kirche für andere Kulturen. Und drittens um den interreligiösen Dialog mit Juden und Muslimen.

Vom Amt für Mission und Ökumene zum Zentrum Ökumene
1968 gründete die EKHN das Amt für Mission und Ökumene. 1978 entstand in Frankfurt die Ökumenische Werkstatt, die internationale Begegnungen organisierte, Projekte für ökumenisches Lernen anbot und für ausländische Studierende Zimmer vorhielt. Beide wurden 1984 miteinander verbunden. 2001 gingen sie im Zentrum Ökumene der EKHN auf, zu dem die fünf Fachbereiche Bildung und Begegnung, Frieden und Konflikt, Entwicklung und Partnerschaft, Zeugnis und Dialog sowie Ökumenische Diakonie gehören.

Mission heißt Auskunft geben
Der Name für das neue Zentrum, in dem der Begriff »Mission« nicht mehr vorkommt, löste intensive Diskussionen aus. Mission ist ein unverzichtbarer biblischer Auftrag an alle Christen. Aber was bedeutet er im Dialog mit Juden und Muslimen, die ihre eigene religiöse Wahrheit haben? Zudem ist das in der Kolonialzeit geprägte Missionsverständnis, das von einer geistlichen und geistigen Dominanz der europäischen Länder ausgeht, längst theologisch verworfen worden. Der christliche Missionsauftrag wurde von der Synode definiert als »Auskunft geben über die Hoffnung, die in uns ist«. Dieses Missionsverständnis betont Mission als Dialog auf Augenhöhe.
Die EKHN hat 1971 mit vier weiteren westdeutschen Kirchen das Evangelische Missionswerk Südwestdeutschland gegründet. So ist die EKHN durch weltweite Kontakte und Partnerschaften international vernetzt. Außerdem ist die EKHN Mitgliedskirche in der Vereinten Evangelischen Mission.

Zentrum Ökumene
Leitung: Pfarrer Dr. Jochen Kramm
Praunheimer Landstraße 206
60488 Frankfurt
Telefon (069) 97651811
E-Mail info[at]zoe-ekhn.de
www.zentrum-oekumene-ekhn.de