60 Jahre EKHN - Jahresbericht 2006/2007

Interkulturelle Schulung für die Bundespolizei

In Fremden den Menschen sehen

Beamte der Bundespolizei kommen täglich mit vielen Menschen aus anderen Ländern und Kulturen zusammen. Dabei kann es zu Konflikten kommen, bei denen kulturelle Unterschiede eine Rolle spielen. Damit die Beamten angemessen darauf eingehen können, vermittelt das Zentrum Ökumene der EKHN, in Zusammenarbeit mit der Bundespolizei, seit neun Jahren kulturübergreifende Fortbildung.

»Die Beamten sind oft in einem tiefen inneren Konflikt«, weiß Jean-Félix Belinga Belinga. Der aus Kamerun stammende Theologe ist im Zentrum Ökumene Referent für interkulturelle Bildung. Er und der deutsch-iranische Polizeihauptkommissar Reza Ahmari führen die Kurse mit den Beamten der Bundespolizei vom Frankfurter Flughafen durch. Die haben Einreisende zu kontrollieren, sie haben Flüchtlinge zu überprüfen und Ausländer aus dem Land zu schaffen. Ihr Arbeitsplatz ist eng, die seelische Belastung oft groß, denn ihre Maßnahmen sind bei den Einreisenden nicht beliebt und treffen manche Menschen hart. Das wissen die Beamten und müssen sie als ausführende Behörde dennoch durchführen.
Daran können auch die Kurse nichts ändern. Sie können aber den Beamten ein Gespür dafür vermitteln, welche kulturellen Unterschiede hier mitunter aufeinanderprallen. Belinga Belinga sieht darin eine Chance, an die Würde des Menschen – und zwar aller Beteiligten – zu erinnern. Zusammen mit den Beamten geht er der Frage nach, wie sich Menschen, die einander begegnen, ernst nehmen können, auch und gerade wenn der eine den anderen dabei in der Hand hat. Für ihn ist das die entscheidende Chance und Aufgabe der Kirche an dieser Stelle.
Die Kurse sind beliebt, denn es hat sich herumgesprochen, dass die Beamten dort nicht an den moralischen Pranger gestellt werden, sondern hilfreiche Erfahrungen und Erkenntnisse über sich und die kulturelle Tiefendimension des Menschen gewinnen.
Belinga Belinga geht davon aus, dass man von der jeweiligen Kultur immer nur die Spitze eines Eisbergs sehen kann. Hinter der fremden Kleidung, den Festen, der Folklore, den Essgewohnheiten, der Musik und der fremden Sprache blieben eigene Vorstellungen von Gerechtigkeit und Autorität, von Liebe und Religion, von Familie und Individualität weithin verborgen. Besonders heikel sei die jeweilige Religion. Werde sie verletzt, tue das den Betroffenen besonders weh. Dafür möchten die Kursleiter mit Übungen und anhand von Beispielen sensibilisieren. So ermuntern sie die Beamten, zunächst ihr eigenes Leben zu betrachten, ihre Gewohnheiten, ihr Familienleben, ihre Hobbys. Daraus destillieren die Kursleiter dann ihre, die deutsche Kultur heraus. Die Beamten erfahren sich erstmals bewusst selber als Kulturschaffende, sagt Belinga Belinga, das macht sie offener für Fremdes.
Eine einfache Übung deckt geheime Klischees auf. Ein großer Ball, auf den ein Globus gedruckt ist, wird herumgerollt. Wer ihn festhält, guckt, auf welchem Land seine Finger gelandet sind. Dann sagt er zwei Assoziationen dazu: »China – Aufschwung, Hundeesser«, »Südafrika – Aids und exotische Tiere«. Nicht immer ist schmeichelhaft, was dort geäußert wird. Aber es deckt Gedanken auf, die da sind und die im Hinterkopf eine Rolle spielen, wenn ein Beamter einem Menschen aus diesem Land begegnet. Und das wird seine Ausstrahlung beeinflussen, erkennen die Beamten.

Minos gegen Majos
Mit einem Rollenspiel fühlen sich die Beamten in einen kulturellen Grundkonflikt ein. Als Vertreter der Völker der Majos und der Minos erleben sie den Unterschied zwischen einer Ich-Gesellschaft und einer Wir-Gesellschaft. Die Minos sind ein traditionelles Volk mit einem Häuptling an der Spitze, der allein ihre Anliegen nach außen vertritt. Sie sind stolz auf ihre Kultur und leben im engen Verband ihrer Großfamilie. Die Majos dagegen sind modern, sie leben in einer Demokratie. Jeder redet für sich und gestaltet sein Leben individuell. Die Völker leben zusammen auf einer Insel und kämpfen aufgrund einer Naturkatastrophe ums Überleben. Die Weltbank will ihnen helfen, wenn sie sich auf ein Hilfsprogramm einigen. Die Völker müssen verhandeln. Die Minos erleben dabei, dass ihre Tradition und ihr Stolz nichts zählen. Sie müssen stumm dabei sein, denn nur ihr Häuptling spricht für sie. Dabei erleben sie, wie er von den vielen Stimmen der Majos übertönt wird.
Am Ende, erzählt Belinga Belinga, gewinnen fast immer die Majos, weil sie viel mehr reden und viel selbstbewusster auftreten. Bei der Auswertung müssen die Beamten, die im Spiel Minos waren, dann erst einmal Dampf ablassen. Sie erzählen, wie schrecklich es gewesen sei, passiv bleiben zu müssen, während der eigene Häuptling die gemeinsame Sache nicht ordentlich vertreten habe. Das Empfinden von Ohnmacht und Wut sei groß. Danach können sich die Beamten besser in Menschen einfühlen, die nicht zur westlichen Kultur mit ihrer Betonung des Individualismus und der persönlichen Freiheit gehören, sondern zu Gesellschaften, in denen die Familie, die Sippe, das Volk und die Heimat wichtiger sind als der Einzelne. Sie erkennen, wie wichtig diese Lebensgrundlagen für die eigene Lebensplanung und das eigene Lebensgefühl sind. Diese Erkenntnisse werden mit Vorträgen über Länder und Kulturen angereichert und anhand von Fallbeispielen aus der Praxis überprüft. Das Seminar ist ein Kontrapunkt der Sensibilität für Beamte, die oft Vorgaben ihrer Behörde ausführen müssen, die ihnen als Mensch nicht leicht fallen.

Zentrum Ökumene
Jean-Félix Belinga Belinga
Praunheimer Landstraße 206
60488 Frankfurt
Telefon (069) 976518-43
E-Mail belinga-belinga[at]zoe-ekhn.de
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