60 Jahre EKHN - Jahresbericht 2006/2007
Interreligiöser Treffpunkt in Bad Nauheim
Impfstoff gegen Hass und Gewalt
Gegen Vorurteile hat man in Bad Nauheim ein ebenso einfaches wie wirkungsvolles Rezept: neugieriges Fragen. Auf diese Weise räumen Juden, Christen und Muslime seit nunmehr drei Jahren mit verzerrten Ansichten auf. Im Erzählcafé Abraham erklären sie Lehre und Praktiken ihrer Religion, nehmen Ängste unter die Lupe oder drängende Probleme der Gegenwart.
Christlich-islamischer Dialog
Aktiv im Dialog
Die EKHN fördert aktiv und auf vielen Ebenen den Dialog der Religionen. Kompetente Fachleute gibt es im Zentrum Ökumene und in den Dekanaten. Die von ihnen initiierten Begegnungen vor Ort fördern das gegenseitige Verstehen und helfen beim Überwinden von Konflikten und Missverständnissen. Sie leisten einen wichtigen Beitrag beim Integrationsprozess des Islam in die hiesige Gesellschaft, der alle Beteiligten – Muslime, Christen und Konfessionslose – einbeziehen und verändern kann.
Wahrheitsanspruch und Toleranz
Die jahrelange Erfahrung im Studium des Islam und in Gesprächen mit Muslimen hat Kirchenpräsident Steinacker in dem Buch »Wahrheitsanspruch und Toleranz« zusammengefasst. Er benennt darin Möglichkeiten, wie man mit dem entscheidenden Konfliktpunkt des interreligiösen Gesprächs umgehen kann: dem Anspruch jeder Religion auf die eine eigene »absolute« Wahrheit. Die Notwendigkeit des Zusammenlebens im Geist der Toleranz bedeutet gerade nicht. der Beliebigkeit in religiösen Fragen das Wort zu reden.
Der meist von Theologen bestrittene Trialog der drei Religionen, die einen Gott in den Mittelpunkt ihres Glaubens stellen, funktioniert in Bad Nauheim als lockeres Gespräch zwischen Expertinnen und Experten der Alltagswelt. Bei den Treffen geht es um die Vermittlung von Wissen und den Austausch von Erfahrung. Manfred de Vries, Vorstand der jüdischen Gemeinde, vergleicht die Begegnungen mit einer »Impfung gegen Hass und Gewalt«. Derartige Auswüchse würden nur auf dem Boden der Unkenntnis gedeihen. Sobald sich die Menschen mit Glaubensinhalten ernsthaft beschäftigten, entdeckten sie viel Verwandtes. Zwischen den auf Abraham zurückgehenden Religionen existierten schließlich mehr Ähnlichkeiten als Differenzen. Das Café knüpft mit seinem Namen an die biblische Figur des Abraham an, der in allen drei Religionen, wenn auch mit unterschiedlichen Akzenten, als gemeinsamer Vater im Glauben an den einen Gott gesehen wird.
Pfarrer Ulrich Becke erinnert sich, wie das Erzählcafé Abraham aus einer Gesprächsreihe über die monotheistischen Religionen entstanden ist. Längst ist es eine Institution und »wird in Bad Nauheim nicht mehr übersehen«. Neben den jährlich vier Abenden, welche die Verantwortlichen in einem Kaffeehaus organisieren, kooperieren sie noch mit anderen Projekten. In Rahmen eines Netzwerks beteiligt sich das Café an Workshops für gewaltfreie Konfliktlösung an Schulen, bringt interreligiöse Feste mit auf den Weg oder berät die Stadtverwaltung bei der Planung eines internationalen Seniorenzentrums. Das erwachte Interesse des Bürgermeisters für den interreligiösen Dialog hat den Ökumenepfarrer überrascht, aber nicht verwundert. Der Kurbetrieb hat in Bad Nauheim schon immer für eine weltoffene Atmosphäre gesorgt. Die schätzt Feridun Cimen umso mehr, als die Vorbehalte gegenüber Muslimen in den vergangenen Jahren gewachsen sind. Im Vergleich zu dem, was ihm Freunde aus anderen Städten berichten, sei die »Stimmung in Bad Nauheim tolerant«. Der Ehrenvorsitzende der Türkisch-Islamischen Union ist überzeugt, dass das Erzählcafé Abraham dazu beigetragen hat. Hier hören sich die Menschen zu und können Missverständnisse klären. Zudem sind es nicht allein die bis zu 50 Gäste, bei denen die Vorurteile bröckeln. Die Zuhörer verbreiten ihre Einsichten auch im Bekanntenkreis.
Josefa Schnorr war von Anfang an dabei und erachtet die Treffen als »enormen Beitrag zur Integration«. Sie hat im Erzählcafé nicht nur Glaubensinhalte kennengelernt, sondern auch Menschen. Man grüßt sich jetzt auf der Straße und wechselt ein paar Worte. Die praktizierende Katholikin hat viel über Judentum, Islam und Protestantismus erfahren, will aber »keinen Einheitsbrei«. Trotz gemeinsamen Ursprungs und ähnlichen Sichtweisen finde sie den eigenen Glauben »nach wie vor am besten«.
An Gleichmacherei ist im »Erzählcafé Abraham« ohnehin niemand interessiert. Hier werde »keine Kompromissformel« gesucht, unterstreicht Becke. Ihm wie seinem katholischen Kollegen Hans-Joachim Wahl oder den Vertretern der jüdischen und muslimischen Gemeinden gehe es um Verständigung und Vertrauen, um »gemeinsame Wege, aber nicht auf allen Etappen«. Da sich der Trialog nicht um theologische Spitzfindigkeiten, sondern um das friedliche Zusammenleben im Alltag drehe, sei man »bislang auch noch nicht an Grenzen gestoßen«.
zurück | letzte Aktualisierung: 21.09.2007 | copyright by EKHN