60 Jahre EKHN - Jahresbericht 2006/2007
Christlich-jüdischer Dialog in 60 Jahren EKHN (Teil 1)
Das Entsetzen über den Massenmord an Juden machte die evangelische Kirche nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst stumm. Erst am 8. April 1948 kam der Bruderrat der Bekennenden Kirche in Darmstadt zusammen und veröffentlichte sein »Wort zur Judenfrage«. Allem Entsetzen zum Trotz wiederholt er darin – zwar im Tonfall etwas verschämt, aber in der Sache klar – die alten Denkmuster der christlichen Judenverachtung. Der Text deutet indirekt den Holocaust als Teil des Gottesgerichtes an den Juden, die Christus nicht angenommen hätten.
Erst die EKD-Synode in Berlin-Weißensee etablierte 1950 eine völlig neue Denkweise. Sie bekennt »die bleibende Erwählung der Juden« durch Gott, auch über Jesus Christus hinaus, und eine Mitschuld am Holocaust. Die Synode macht sich damit die Sicht des Internationalen Rates von Christen und Juden zu eigen. Der hatte 1947 betont, in beiden Teilen der Bibel werde derselbe Gott bekannt. Damit würde dem christlich motivierten Antijudaismus der Boden entzogen. In der EKHN formulierte Pfarrer Adolf Freudenberg dazu die Schwalbacher Thesen und machte sie zur Grundlage des Religionsunterrichtes.
1972 zeigte der Internationale Rat von Christen und Juden großes Vertrauen in die Entwicklung des Täterlandes Deutschland und übersiedelte von London nach Heppenheim. Dort bezog er das Wohnhaus des berühmten Religionsphilosophen Martin Buber. Bis heute unterstützt die EKHN die Arbeit des Rates finanziell.
Nach dessen internationalem Vorbild entstanden ab 1948 in Deutschland regionale Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Im Gebiet der EKHN wurden es zwölf – die erste 1949 in Frankfurt. Sie befassen sich mit theologischen Fragen, erinnern an das jüdische Leben in Deutschland und treten für Versöhnung ein. 1950 gründeten sie den Koordinierungsrat für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Deutschland. Auch ihm bietet das Gebiet der EKHN Heimat, denn er nahm seinen Sitz in Bad Nauheim. Der Koordinierungsrat veranstaltet die jährliche Woche der Brüderlichkeit und ehrt seit 1965 mit der Buber-Rosenzweig-Medaille Menschen, die sich für Demokratie und die Beziehung zwischen Juden und Christen sowie gegen Rassismus engagieren.
In der EKHN
1953 gründete sich unter dem Vorsitz von Freudenberg der Arbeitskreis Kirche und Israel in Hessen und Nassau. Er verbreitet die neuen theologischen Einsichten, damit sie in den Religionsunterricht und in die liturgischen Texte der Gottesdienste eingehen. Dazu gibt es Ausstellungen, den Materialdienst sowie Tagungen und Studienreisen zu Stätten jüdischen Lebens in Europa und Israel.
1983 wurde mit maßgeblicher Hilfe der EKHN an der Universität in Frankfurt die Martin-Buber-Stiftungsprofessur eingerichtet. Jüdische Dozentinnen und Dozenten vermitteln seither Studierenden Kenntnisse über das Judentum.
Einmalige Veränderung des Grundartikels
1992 ergänzte die Synode zum ersten Mal den Grundartikel der EKHN, die Grundlage ihres Bekenntnisses. Angehängt wurde: »Von Blindheit und Schuld zur Umkehr berufen, bekennt sie neu die bleibende Erwählung der Juden und Gottes Bund mit ihnen. Das Bekenntnis zu Jesus Christus schließt dieses Zeugnis ein.« Damit ist ein christlich motivierter Antijudaismus in der EKHN ausgeschlossen. Dafür hatten sich insbesondere die Synodalen Dr. Bettina Kratz und Pfarrer Gerhard Wendland sowie Prof. Dr. Martin Stöhr, Oberkirchenrat Dr. Hans-Martin Beckmann, Dr. Eleonore Siegele-Wenschkewitz und Dr. Gert Otto eingesetzt. Der Arbeitskreis Kirche und Israel hatte dafür wichtige Vorarbeit geleistet.
Eine mutige Frau
Zur Geschichte des christlich-jüdischen Dialogs in der EKHN gehört auch Charlotte Petersen aus Dillenburg. Sie setzte sich für Juden ein, die das Konzentrationslager Wapniarka in Rumänien überlebt hatten. Medizinische Versuche deutscher Ärzte hatten vielen Insassen die Gesundheit dauerhaft zerstört. Durch eine Gesetzeslücke drohten sie keine Entschädigung zu bekommen. Petersens Wapniarka-Hilfswerk erwirkte mithilfe der EKHN eine Rente für die Betroffenen.
Das große Schweigen
In der deutschen Gesellschaft gab es lange Zeit keine andere Kraft als die christliche, die sich dem sechsmillionenfachen Mord an Juden gestellt hätte. Das große Schweigen, das nur das Tagebuch der Anne Frank 1952 kurzfristig durchbrach, beendete erst der studentische Protest der 68er-Zeit.
Für den Dialog in den Nachkriegsjahren gab es zunächst nur wenige jüdische Ansprechpartner, da fast alle tot oder emigriert waren. Seit 1990 sorgt ein Zustrom von Juden aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion für neue Themen. Ihnen ist Integration wichtiger als Diskussionen über Fragen theologischer Art.
Christlich-jüdische Gesellschaften in der EKHN:
• Dillenburg
• Wetterau
• Gießen/Wetzlar
• Limburg
• Hochtaunus
• Main-Taunus
• Mainz
• Wiesbaden
• Frankfurt
• Offenbach
• Seligenstadt
• Darmstadt
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zurück | letzte Aktualisierung: 21.09.2007 | copyright by EKHN