60 Jahre EKHN - Jahresbericht 2006/2007
Christlich-jüdischer Dialog in 60 Jahren EKHN (Teil 2)
Eigentlich hatte man »Gastarbeiter« nach Deutschland gerufen. Es kamen aber Menschen. Und mit den ersten Türken kam 1961 auch der Islam. Aber erst nach Jahrzehnten, als deutlich wurde, dass viele dieser Menschen und ihre Kinder in Deutschland bleiben würden, wurde der Islam ein öffentliches Thema. 1981 veranstaltete die Akademie Arnoldshain unter dem Titel »Abrahams Kinder« ein Seminar über die drei monotheistischen Religionen des Judentums, des Christentums und des Islam. Der Rückgriff auf Abraham, der in allen drei Religionen – wenn auch auf verschiedene Weise – hoch geachtet wird, ist bis heute ein beliebter gemeinsamer Anknüpfungspunkt. Die EKHN bemühte sich auf verschiedenen Ebenen um Kontakte zu islamischen Gemeinschaften. Das war und ist allerdings aus drei Gründen schwierig: Erstens gibt es aufgrund der vielfachen Zersplitterung des Islam oft keine klaren Ansprechpartner. Zweitens sind Kultur und Religion jeweils auf unterschiedliche Weise verwoben. Drittens haben beide Kulturen unterschiedliche Auffassungen über den Sinn und die Methode von Gesprächen ausgeprägt. Die vom heutigen Protestantismus gepflegte offene und argumentative Auseinandersetzung steht in der Tradition der europäischen Aufklärung.
1999 reiste eine EKHN-Delegation unter Führung von Kirchenpräsident Peter Steinacker nach Kairo und führte während einer Schiffsreise auf dem Nil theologische Gespräche mit Scheich Tantawi, dem Großmufti der Al-Ahzar-Moschee, einer der höchsten islamischen Autoritäten. Dabei entstand die Idee eines Austauschprogramms. Die EKHN schickte 2001 den Theologen Jochen Kramm und die Theologin Anja Harzke für ein Jahr zum Kontaktstudium nach Kairo. Der Gegenbesuch blieb aus. 2005 und 2007 wurde ein neues Konzept umgesetzt, bei dem mehr Personen als damals – und für eine kürzere Zeit – Erfahrungen im interreligiösen Dialog sammeln. Der neue Ort dafür ist Beirut im Libanon, wo das Thema interreligiöser Dialog bereits seit über 2.000 Jahren aktuell ist.
Kirchenpräsident Peter Steinacker hat nach der Nilreise die Theologie des Islam weiter studiert und gilt heute als einer der führenden evangelischen Kenner dieser Materie. Seine rege Vortragstätigkeit dazu hat er 2006 unter dem Titel »Wahrheitsanspruch und Toleranz« in einem Buch zusammengefasst.
Zusammenleben vor Ort
Örtliche oder regionale Konflikte wie etwa beim Bau einer Moschee in Dillenburg zeigten: In Teilen der deutschen Bevölkerung gibt es große Vorbehalte und großen Beratungsbedarf. 1993 schuf die EKHN deshalb die Stelle eines interkulturellen Beauftragten. 2001 kam eine Stelle für den interreligiösen Dialog hinzu. Im Zuge der Strukturreform 2001 erhielten die Dekanate auch Stellenanteile für ökumenische und interreligiöse Fragen.
Einzelne Gemeinden, vor allem in Dietzenbach, Langen und Heppenheim, sowie Dekanate wie in Offenbach und Frankfurt nahmen den besonders hohen muslimischen Bevölkerungsanteil in ihrer Kommune zum Anlass, den interreligiösen Dialog zu einem ihrer Arbeitsschwerpunkte zu machen und damit das Zusammenleben und die Integration vor Ort zu fördern. Dieser Aufgabe widmen sich auch viele Erzieherinnen, denn in evangelischen Kindertagesstätten ist das interreligiöse Zusammenleben Alltag. Viele Muslime schicken ihre Kinder dorthin, weil das Thema Gott und Glaube dort einen festen Platz hat.
Islam integrieren
Die EKHN erkennt an, dass Deutschland ein multireligiöses Land geworden ist. Der Islam ist eine in Deutschland beheimatete Religion geworden. Die EKHN verfolgt das Ziel eines interreligiösen Dialogs auf Augenhöhe, bei dem sich die Partner auch etwas zumuten, und sieht als gemeinsame Basis dafür das Grundgesetz. Sie unterstützt die Einbindung der Muslime in die freiheitlich-demokratische Grundordnung. Dazu hält sie unter anderem Kontakt zur Islamischen Religionsgemeinschaft in Hessen und begrüßt die Gründung des Koordinierungsrates der Muslime.
zurück | letzte Aktualisierung: 21.09.2007 | copyright by EKHN