Geschichte - Dietrich Bonhoeffer

Mutige Pfarrer in Nassau-Hessen während des Nationalsozialismus

 

 

Dietrich Bonhoeffer war und bleibt durch seinen Widerstand gegen das Unrecht während des Nationalsozialismus, seinen Lebensweg und seine Gedanken für uns heute wegweisend.
Dennoch lassen sich auch im Gebiet Hessen-Nassaus einige evangelischen Kirchenmitglieder und Pfarrer finden, die ihre Stimme erhoben. Hier hatte der Widerstand ganz unterschiedliche Gesichter: Manche lehnten in Gedanken die diktatorischen Machtstrukturen ab, die sich auch in der Kirche ausbreiteten; andere wehrten sich, das Alte Testament aus der Bibel zu streichen und einige erhoben offiziell Einspruch dagegen, als evangelische Christen jüdischer Abstammung aus der Kirche ausgewiesen werden sollten. Einige ausgewählte Ausschnitte aus den Lebensläufen von Pfarrern aus Nassau-Hessen lassen erahnen, welchen Mut, welche Geradlinigkeit, welcher Glaube, aber auch welche Ängste, Brüche und Verfehlungen die Menschen in sich bargen.

Pfarrer Karl Amborn kritisiert den "Arier-Paragraphen"

Einer von ihnen war Pfarrer Karl Amborn aus Braubach/Rhein. Als er im September 1933 auf dem nassauischen Landeskirchentag in Wiesbaden teilnahm, wurde unter anderem der "Arier-Paragraph" zur Entscheidung gestellt. Danach sollten alle "Nicht-Arier" aus dem kirchlichen Dienst entlassen werden. Als "nichtarisch" galt ein Pfarrer oder Kirchenbeamte, wenn er einen jüdischen Eltern- oder Großelternteil besaß.
Gegen den "Arier-Paragraphen" erhob als einziger Pfarrer Amborn das Wort. Er erklärte, dass er die Arierbestimmungen ablehne, da sie sich "in ihrer letzter Konsequenz auch gegen die biblischen Schriftsteller, die alle keine Arier waren," wende. Der spätere Bischof Ernst Ludwig Dietrich antwortete ihm, dass es sich hier um den Kampf gegen ein kosmopolitisches Judentum und nicht gegen das Judentum der Bibel handele.

Namen des Widerstands
Die Räume des Gemeindehauses der Bergkirche Wiesbaden sind nach Bergkirchen-Persönlichkeiten aus dem kirchlichen Widerstand benannt, um gegen den Nationalsozialismus die Erinnerung lebendig zu halten.
Die Persönlichkeiten

Der "Arier-Paragraph" wurde von allen Anwesenden, mit Ausnahme der Stimme von Pfarrer Amborn, angenommen. Mitte November 1933 gründete Amborn dann den "Not und Treuebund nassauischer Pfarrer", der zu Beginn des Jahres 1934 bereits 69 Mitglieder zählte. Mit dem Bund wollten die Mitglieder sich vor allem von den Deutschen Christen absetzen, die das "Führerprinzip" in der Kirche durchsetzen wollten. Danach sollten kirchliche Führungspositionen nicht durch eine Wahl besetzt, sondern der Bischof, Propst, Dekan, Pfarrer oder Kirchenvorsteher sollte von der jeweils nächst höheren Instanz bestimmt werden. Der Bischof der neu gegründeten "Evangelischen Landeskirche Nassau-Hessen" hatte im Februar 1934 sein Amt angetreten. Eine seiner ersten Amtshandlungen war, Gesetze zu erlassen, nach denen Pfarrer unter Ausschluss des Rechtsweges in ein anders Pfarramt versetzt werden konnten. Dies bekam auch Pfarrer Amborn zu spüren: In Braubach/Rhein eskalierten die Reibereien zwischen dem streitbaren Pfarrer und der NSDAP, die schließlich seine Versetzung forderte. Bischof Ernst Ludwig Dietrich gab die Anordnung dazu. Amborn widersprach heftig, zog aber dann doch nach Horrweiler in Rheinhessen. Wie er, versuchten auch andere Pfarrer sich gegen eine Versetzung zu wehren. Der Bischof nutzte ein Kirchengesetz über Dienstvergehen und Dienststrafrecht. Das autoritäre Verhalten Bischof Dietrichs kam bei einigen Pfarrern nicht gut an: So verweigerten 75 Pfarrer mit ihrer Unterschrift im Jahr 1934 ihm den Gehorsam.

Inzwischen hatte sich die "Bekennende Kirche" gegründet, der sich auch Pfarrer aus Nassau-Hessen anschlossen, obwohl dies der Bischof unter Androhung von Disziplinarverfahren verboten hatte. Die Pfarrer, die der Bekennenden Kirche nahe standen, unterstellten sich dem neu gebildeten Landesbruderrat als ihrer legitimen Kirchenleitung.
1936 wechselte Amborn an die Schlosskirchengemeinde in Offenbach. Während des Krieges versorgte er neben seiner eigenen zusätzlich die „Bekennende Gemeinde“ in Frankfurt-Fechenheim. Er überlebte die Zeit des Nationalsozialismus und starb 1952.

Heinrich Lebrecht: Eine Kirchengemeinde kämpft für ihren Pfarrer

Buch-Tipp:
Pfarrer Lebrechts Lebensgeschichte

Soeben erschienen ist der Nachdruck des Buches: „Verschweigen oder Kämpfen: Ein Pfarrer und seine Gemeinde im Kirchenkampf 1933 bis 1945“ von Marianne Lebrecht. Die Autorin zeichnet darin anhand von zahlreichen Dokumenten und Fotos den beherzten und kompromisslosen Kampf ihres Vaters, des Pfarrers Heinrich Lebrecht, gegen die Nazis nach.

Erhältlich ist das Buch, das 2001 erschienen und bereits seit einiger Zeit vergriffen war, zum Preis von 7,50 Euro beim Evangelischen Dekanat Reinheim, Tel.: 06162 915050).

Es waren nicht nur Pfarrer, die sich im Kirchenkampf engagierten, auch evangelische Gemeindemitglieder traten der „Bekennenden Kirche“ bei und stärkten ihren Pfarrern den Rücken. Dies verdeutlicht die Geschichte von Pfarrer Heinrich Lebrecht aus Groß-Zimmern, der nach nationalsozialistischer Ansicht „nicht-rein-arischer Abstammung“ war. Lebrecht kritisierte im Jahr 1934 in seinem wöchentlich erscheinenden „Sonntagsgruß“ die Vorstellung, dass Jesus ein Arier sei und die arische christliche Religion durch Paulus „verjudet“ worden sei. In einer späteren Ausgabe des „Sonntagsgrußes“ informierte er darüber, dass ihm im Auftrag des Landesbischofs mitgeteilt worden sei, dass die Verlesung der `Botschaft der Bekenntnissynode´ im Gottesdienst die Amtsenthebung nach sich ziehe. Bereits eine Woche später teilte er seiner Gemeinde mit: „Am Samstag, 3. November um 11.45 Uhr, bekam ich die fernrufliche Nachricht, dass ich meines `Amtes´ enthoben sei.“ Sein Sohn Karl Albrecht berichtet Jahrzehnte später, dass die Suspendierung auf Bestreben des Bürgermeisters und des Schulrektors erfolgt sei.

Als der neue Pfarrer, der den Deutschen Christen angehörte, die Amtsgeschäfte in Groß-Zimmern übernehmen wollte, blieb ihm die Kirche versperrt: Der Küster gab die Kirchenschlüssel nicht heraus. Daraufhin reiste der Ersatz-Pfarrer ab. Der Kirchenvorstand beschloss kurz darauf, dass er es ablehne, in den eigenen Räumen einen Pfarrer amtieren zu lassen, der „gegen den Willen des Kirchenvorstandes an Stelle des Pfarrers Lebrecht .... bestimmt werden sollte.“ Am Sonntag, 4. November, holte der Kirchenvorstand Pfarrer Lebrecht im Pfarrhaus ab, zog mit ihm in die Kirche ein und nahm auf beiden Seiten des Altars Platz. Die Gemeinde war so zahlreich erschienen, wie seit langem nicht mehr. Pfarrer Lebrecht schrieb dazu, dass es für ihn sehr stärkend gewesen sei, „dass die Herren des Kirchenvorstandes sich so klar und sich selbst vergessend für die Sache der Bekennenden Kirche eingesetzt haben.“

Obwohl die Pfarrstelle Groß-Zimmern eine „Unabkömmlichkeits-Stelle“ war, wurde Pfarrer Lebrecht zur „Organisation Todt“ eingezogen, die kriegswichtige Bauarbeiten im Deutschen Reich und im besetzten Europa durchführte. Am 5. Februar 1945 teilte der zuständige Oberfeldarzt mit, dass der Pfarrer an einer Wundrose in Folge eines Bombenangriffs gestorben sei. Doch den Sohn plagten angesichts der Exhumierung seines Vaters im Jahr 1953 Zweifel: „Das rechte Schulterblatt schien gedrückt, drei Rippen rechts gequetscht – durch Schlag oder Druck? Die Goldzähne fehlten.“ Im Hinblick auf diese Ungereimtheiten erklärte das Bundesarchiv Koblenz 1980, dass nach einer Entscheidung des „Führers“ die nicht wehrpflichtigen Halbjuden zu Arbeitsbataillonen im Rahmen der „Organisation Todt“ eingezogen wurden. Weiterhin heißt es: „Die Lager waren von Stacheldrahtzäunen umgeben und die Lagerinsassen bewacht. Die Behandlung dieser Zwangsarbeiter war in weitgehendem Maße von der Person des jeweiligen Lagerleiters abhängig.“

Pfarrer Ernst Steiner trifft sich mit Regime-Kritikern

Es waren nicht nur Mitglieder der „Bekennenden Kirche“, die ihre Stimmen gegen das Unrecht im Nationalsozialismus erhoben. So gehörte beispielsweise Pfarrer Ernst Steiner aus Hausen bei Gießen nicht der BK an. Zunächst stand er dem Nationalsozialismus durchaus positiv gegenüber, war aber auch kein Mitglied der Deutschen Christen.

Nach der "Reichskristallnacht" 1938 änderte er seine Einstellung gegenüber dem NS-System jedoch völlig und ließ sich nicht von scharfen kritischen Äußerungen zurückhalten. Er begann, sich mit Pfarrer Alfred Kaufmann, dem Maler Heinrich Will sowie dessen jüdischer Frau und anderen zu treffen, um ausländische Radiosender zu hören und die Meldungen zu diskutieren. Was die Gruppe nicht wusste: Einer ihrer Mitglieder war eine Gestapo-Agentin, die ihren Bekanntenkreis an die Geheime Staatspolizei verriet. Die Gestapo griff am 6. und 7. Februar 1942 zu.

Steiner wurde mit seiner Frau in Hausen festgenommen, nach Gießen und von dort in das Gestapogefängnis nach Darmstadt gebracht. Seine Frau wurde recht bald entlassen. Sie erhielt am 16. März die Nachricht, dass ihr Mann sich in seiner Zelle erhängt habe. Alfred Kaufmann, der zunächst zum Tode, dann aber zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt worden war, schrieb jedoch: "Ich glaube nicht daran, denn ich habe ihn oft in der Nachbarzelle schreien hören, und die Drohungen gegen den `Pfaffen´ waren alltäglich. Für mich stand fest, dass er von den SS-Wärtern totgeschlagen und nachher erhängt wurde - oder dass er direkt von ihnen in der Zelle erhängt worden ist." Die Jüdin Elisabeth Will, die zum Bekanntenkreis gehört hatte, wurde nach Auschwitz deportiert und kam dort ums Leben.

Bischof Dietrich: Von der Verblendung zur Einsicht

Pfarrer Steiner war nicht der einzige, dessen Gesinnung sich während des nationalsozialistischen Terror-Regimes änderte. Landesbischof Dietrich, der anfangs mit aller Gewalt das „Führerprinzip“ in der Kirche einführen wollte und Pfarrer Amborn sowie andere Pfarrer strafversetzen ließ, erkannte im Jahr 1938: „Die Unmöglichkeit des Führerprinzips in der Kirche habe ich in meinem eigenen Leben erfahren müssen.“ Weiterhin erzählt er einem Pfarrer, dass er nun das Spiel durchschaut habe, das mit der Kirche getrieben werde. Die Bekennende Kirche habe von Anfang an diese Machenschaften verstanden und sich von niemanden täuschen lassen.

Können wir über dieses und weniger rühmliches Verhalten aus heutiger Perspektive urteilen? Der Kirchenhistoriker Professor Karl Dienst empfiehlt, hier Vorsicht walten zu lassen. Die Menschen damals lebten unter völlig anderen Bedingungen. Es ist heute beispielsweise kaum vorstellbar, dass die Inhaftierung drohte, nur wenn jemand den britischen Radiosender BBC, also einen „Feindsender“, hörte.

Die Leitlinien der Bekennenden Kirche prägen die EKHN

Nach dem Krieg prägten die Leitgedanken der Bekennenden Kirche die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau: Martin Niemöller, eine der führenden Persönlichkeiten der Bekennenden Kirche, wurde der erste Kirchenpräsident der EKHN.

[Rita Deschner]

Zum Thema:

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