Geschichte
Das Zentralarchiv der EKHN
Für Familienforscher und Kirchenhistoriker ist das Archiv eine Fundgrube: Von der Reformation bis zur Gegenwart geben Urkunden, Kirchenbücher und andere Dokumente Hinweise auf die eigene Geschichte sowie auf die der EKHN und ihrer Vorgängerkirchen.
Kirchenverwaltung der EKHN
Zentralarchiv
Ahastraße 5 a
64285 Darmstadt
Telefon: 06151 - 366363
Telefax: 06151 - 366394
zentralarchiv@ekhn-kv.de
Öffnungszeiten Lesesaal:
Dienstag: 13-16 Uhr
Mittwoch: 10-16 Uhr
Donnerstag: 10-16 Uhr
Die Gründung
Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau ist noch gar
nicht so alt: Erst 1947 erblickte sie in Friedberg das Licht der Welt.
Dort waren Delegierte der drei Landeskirchen aus Nassau, Hessen und Frankfurt
zum „Kirchentag“ versammelt,
dem Vorgänger der späteren Kirchensynode. Einstimmig bestätigten
sie am 30. September 1947 die umstrittene Vereinigung der drei Landeskirchen,
die schon 1933 unter dem Druck der Nationalsozialisten erfolgt war. Im „Kirchenkampf“ hatten
während des Dritten Reichs in ganz Deutschland die Mitglieder der
Bekennenden Kirche für kirchliche Unabhängigkeit gestritten gegen
die Deutschen Christen, die für eine Anpassung an den nationalsozialistischen
Staat eintraten.
mehr
Mit der Wahl von Martin Niemöller (1892-1984) zum ersten Kirchenpräsidenten, dem früheren U-Boot-Kommandanten, Berliner Pfarrer und persönlichen Gefangenen Adolf Hitlers im Konzentrationslager Dachau, einem führenden Vertreter der Bekennenden Kirche, wurde zugleich eine Richtungsentscheidung getroffen: Viele ihrer Amtsträger verstanden sie fortan als eine Kirche in der Tradition der Bekennenden Kirche mit ihrem Aufbau der Kirche von der Gemeinde her (und nicht etwa vom Bischof, einem Leitungsgremium oder einer Behörde) und ihren „bruderrätlichen“ Leitungsstrukturen (Schwestern waren damals noch weniger im Blick).
Der Landesherr bestimmt die Konfession
Aber natürlich beginnt die
Geschichte der EKHN nicht im Jahre 1947. Die drei Vorgängerkirchen
brachten jeweils ihre eigene Geschichte und Eigenart in das neue Gebilde
ein. Der konfessionelle „Flickenteppich“ in
Deutschland mit seinen Landeskirchen ist eine Folge der Reformation, in
der festgelegt wurde, dass der Landesherr die Konfession seiner Untertanen
bestimmen konnte. Dieses Prinzip wurde erst im 19. Jahrhundert in Folge
der napoleonischen Kriege aufgehoben, so dass die heutigen Landeskirchen
zum Teil noch die Grenzen des 19. Jahrhunderts wiederspiegeln und kaum
mit den Grenzen der Bundesländer übereinstimmen.
Hessen: Impulse für den evangelischen Glauben
Im Gebiet der Landgrafschaft Hessen hatte Landgraf Philipp der Großmütige
schon 1526 die Reformation eingeführt. Bis heute wirksame Impulse
für alle reformatorischen Kirchen gab der von ihm berufene Reformator
Martin Bucer, der unter anderem die Konfirmation mit vorhergehendem Katechismusunterricht
einführte. Auch die Mitwirkung von Ältesten und die Einrichtung
von Synoden gehen auf Bucer und Philipp zurück.
weitere Informationen
zu Philipp dem Großmütigen
Nassau: Lutheraner und Unierte einigen sich
Der bedeutendste Impuls aus dem Herzogtum
Nassau liegt in der ersten Union Deutschlands zwischen Lutheranern (die
auf die Reformation Martin Luthers zurückgeht) und Reformierten (die
auf die Reformation Ulrich Zwinglis und Johannes Calvins zurückgehen),
die 1817 in Idstein beschlossen wurde. Zuvor hatten sich die beiden Konfessionen
innerhalb des Protestantismus jahrhundertelang zum Teil erbittert bekämpft.
In Nassau entstanden zur gleichen Zeit auch die ersten Simultanschulen,
in denen römisch-katholische
und evangelische Kinder gemeinsam unterrichtet wurden und nur getrennten
Religionsunterricht hatten: Den mussten, wie bis heute üblich,
die Pfarrer mit wöchentlich vier Pflichtstunden halten. Dieses
Modell – kirchlich
verantworteter Religionsunterricht in der staatlichen Schule – ist
heute in den meisten Bundesländern verwirklicht.
mehr zur Geschichte Nassaus
Frankfurt: Zentrum pietistischer Frömmigkeit
Die freie Reichsstadt Frankfurt am Main ist kirchengeschichtlich vor allem wegen des Wirkens von Philipp Jakob Spener von Bedeutung. Er war ab 1666 für zwei Jahrzehnte „Senior des lutherischen Predigerministeriums“, was vergleichbar dem heutigen Dekaneamt ist. Seine „Pia desideria“, die übersetzt „fromme Wünsche“ bedeutet, wurde zur Programmschrift des deutschen Pietismus. Seine „collegia pietatis“ (etwa = Glaubensgesprächsgruppen) entwickelte sich zum Vorbild für pietistische Kleingruppenfrömmigkeit in aller Welt. Geistliche Kompetenz nicht nur ordinierten Amtsträgern, sondern auch den normalen Gläubigen zuzutrauen ist Erbe und bleibender Auftrag des Pietismus.
Ein weiterer Beitrag zur Kirchengeschichte verbindet sich eher zufällig mit Frankfurt: Hier entwarf der Schweizer reformierte Theologe Karl Barth im Hotel „Basler Hof“ am 16. Mai 1934 den Text der Barmer Theologischen Erklärung, einem bedeutenden Bekenntnis des 20. Jahrhunderts, während die lutherischen Vertreter in der Arbeitsgruppe, die sich zur Vorbereitung der Barmer Bekenntnissynode getroffen hatten, einem ausgiebigen Mittagsschlaf frönten.
Eine streitbare Gemeinschaft gestaltet Gegenwart und Zukunft
Die gesellschaftlichen
Veränderungen und Konflikte der letzten Jahrzehnte
haben auch die EKHN bewegt – und die Menschen in der EKHN haben in
ihnen ihren Glauben und seine Konsequenzen in unterschiedlicher Weise zu
formulieren versucht.
Beispielhaft seien genannt: die Auseinandersetzungen um die Wiederbewaffnung
der BRD, um Atomwaffen und Atomenergie, um Nachrüstung und Startbahn
West, um Niemöllers Moskaureise mitten im Kalten Krieg und um die
Mitgliedschaft von Pfarrern in der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP).
Diese „politischen Themen“ haben viel Staub aufgewirbelt und
die Kirche zuweilen an den Rand der Spaltung gebracht.
Andere, eher „theologische Themen“, wurden nicht minder kontrovers und bisweilen emotional diskutiert, wie zum Beispiel die Frage der Frauenordination (mit der Wahl von Helga Trösken zur Pröpstin wurde 1988 die erste Frau in Deutschland in ein bischöfliches Amt berufen), der Grundartikeländerung zur Frage „der bleibenden Erwählung der Juden und Gottes Bund mit ihnen“ oder der Einführung einer gottesdienstlichen Begleitung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften.
In all diesen Themen ging es den meisten Beteiligten letztlich um die Frage, wie das Evangelium den Menschen der Gegenwart zeitgemäß nahegebracht werden kann, ohne seinen Kern aufzugeben. Diese Frage steht auch hinter der Debatte um angemessene kirchliche Strukturen, die seit den neunziger Jahren intensiv geführt wird. Und schließlich ist – bei allem notwendigen Streit – die Geschichte der Kirche die Geschichte des Rufs zur Versöhnung an alle Menschen.
Thomas Kluck
zurück | letzte Aktualisierung: 14.09.2007 | copyright by EKHN