Geschichte - Dietrich Bonhoeffer
Ein fünfzehnjähriges Mädchen zeichnete Niemöllers Predigten auf
Die EKHN erhält die Predigt-Nachschriften
Wie hat sie das wohl gemacht? - Das habe ich mich oft gefragt während meiner Recherchen zum Leben Barbara Loewenbergs. Hat sie die Predigten Martin Niemöllers im Gottesdienst mitstenografiert? Oder hat sie manches aus dem Gedächtnis aufgeschrieben? Hat sie die Texte im Gemeindebüro oder zu Hause auf der Schreibmaschine des Vaters niedergeschrieben?
Das alles wissen wir nicht. Aber wir wissen, dass ihr diese Predigten so wichtig waren, dass sie sie über das Exil hinaus aufbewahrte, dass sie sie wieder mit nach Deutschland brachte und der Familie Niemöller übereignete.
Und nun freuen wir uns, dass Barbara Loewenbergs Predigtaufzeichnungen der EKHN übergeben werden sollen, und hier das Archiv von Niemöller-Schriften und -dokumenten vervollständigen werden.
Wer war Barbara Loewenberg?
Sie stammt aus einem christlichen Elternhaus. Mutter Stephanie ist die Tochter eines Pfarrers aus Dresden. Als sie in Berlin den Juden Harry Richard Loewenberg kennenlernt, lässt dieser sich taufen und tritt mit der Heirat in die evangelische Kirche ein.
Zwei Kinder gehen aus der Ehe hervor. Das erste, Peter-Christian, wird von der Mutter als "das ersehnte, geliebte Kind einer großen, himmelstürmenden, ganz einzigartigen Liebe" bezeichnet. Fünf Jahre später, am 1. Juni 1920, wird Barbara geboren.
Von ihrer Kindheit und Jugend ist nicht viel bekannt. In Zehlendorf wird sie am 6. Juli 1920 getauft. Ebenfalls in Zehlendorf, in der Pauluskirche, wird sie mit 15 Jahren von Pfarrer Anz konfirmiert - zu einer Zeit, da die Familie schon regelmäßig die Gottesdienste in Dahlem besucht. Sie besucht das Lyceum Zehlendorf, das 1938 in Droste-Hülshoff-Gymnasium umbenannt wird und heute noch existiert. Mit 16 Jahren verlässt sie die Schule. Als Tochter eines ehemals jüdischen Vaters gilt sie den Nazis als "Halbjüdin" und hat daher wohl einen schweren Stand an der Schule. Sie macht eine Ausbildung als Großköchin.
Die Familie schließt sich der Dahlemer Gemeinde an, obwohl sie in Klein-Machnow im Pilzwald wohnt. Zur Familie Niemöller sind die Kontakte freundschaftlich.
Vom 19. Mai 1935 an, dem Sonntag Cantate, zeichnet Barbara Loewenberg Niemöllers Predigten auf.
Die Verhaftung Niemöllers am 1. Juli 1937 wird von der ganzen Familie als schwerer Einschnitt und Verlust eines Menschen erlebt, der für die Eltern gleichermaßen Bedeutung hatte wie für die beiden Kinder Barbara und Peter-Christian..
Auch zum Nachfolger Niemöllers, dem jungen bayerischen Pastor Helmut Gollwitzer, pflegt die Familie Loewenberg ein enges freundschaftliches Verhältnis. Gollwitzer wird zum Vertrauten und Ratgeber für Barbara, als Niemöller nicht mehr da ist. Sie sucht bei ihm Rat, als die Angst um die Eltern immer größer wird. Denn die Verfolgung der Juden in Deutschland bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die Ehe der Loewenbergs. Offenbar kommt es immer öfter zum Streit, weil Mutter Loewenberg die Existenz der Familie und besonders das Leben ihrer Kinder durch die jüdische Herkunft ihres Mannes gefährdet sieht.
Einen Tag nach der Reichspogromnacht in der Nacht vom 10. auf den 11. November 1938 klirren auch bei Loewenbergs in Klein-Machnow die Fensterscheiben. Nach diesem Überfall muss Vater Harry Richard Loewenberg über Wochen im Untergrund leben. Er findet Unterschlupf bei verschiedenen Pastoren, u.a. bei Edo Osterloh, aber auch bei einem früheren jüdischen Mitarbeiter der Zeitschrift Textil-Woche. 25 Jahre hat Harry Richard Loewenberg für die "Textil-Woche" gearbeitet und war dort Schriftleiter. Trotzdem wird er schon 1937 fristlos entlassen. Er nutzt seine Kontakte, die er anlässlich der Berichterstattung über einen Kongress der Internationalen Handelskammer in Berlin nach England knüpfen konnte und erlangt Einreisepermits für sich und seine beiden Kinder. Tatsächlich emigrieren aber nur Barbara und ihr Vater. Peter-Christian übersteht mit seiner Mutter den Krieg in Berlin.
Es ist eine schwere Zeit für Barbara, zumal sie sich in dieser Zeit von ihrer Mutter gegenüber ihrem Bruder manchmal zurückgesetzt fühlt. So schreibt sie an Gollwitzer:
"...nicht einmal angesichts der Tatsache: ,Also in ungefähr acht Wochen ist Barbara fort' und man weiß doch nicht, ob und wann man sich einmal wiedersieht - gibt es das bissel einfache Liebe, nach der ich mich so sehne. Bei PC gibt es seit fünf Jahren schon die Tränen: "wenn der Junge mal fort ist." Und bei mir ja nur Propagandareden, Nützlichkeitserwägungen, außerdem das tägliche Geschrei und Gezanke."
Zwei Tage vor ihrer Abreise besucht Barbara Loewenberg ihren letzten Gottesdienst in der Dahlemer Annenkirche, wo Helmut Gollwitzer über Luk. 7, des Hauptmanns Knecht, predigt. Er gibt ihr anlässlich der Abendmahlsfeier den Text aus Jesaja 35, 10 mit auf den Weg, an den sie sich auch in späteren Jahren immer wieder erinnert: "Die Erlösten des Herrn werden wiederkommen und gen Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein..."
Am 28. April 1939 verlässt Barbara Loewenberg das Haus im Pilzwald mit Ziel England. Der Vater liest am Frühstückstisch den 23. Psalm. Die Familie bringt Barbara zum Schlesischen Bahnhof an den Zug. Über Holland reist sie nach England in eine vorerst ungewisse Zukunft - mit Angst im Herzen aber auch mit Gottvertrauen. In ihren zwei Koffern trägt sie auch die Manuskripte der Niemöller-Predigten mit sich.
Ein bisschen schämt sie sich für ihre Angst, wie sie in einem Brief an Gollwitzer schreibt:
...wie recht hatte doch Martin Niemöller, wenn er immer sagte: "Es ist das Menschenherz ein trotzig und verzagt Ding, trotzig, wo es gehorchen sollte, und verzagt, wo es aus Gottes Befehl Glauben schöpfen sollte. Ach, daß wir doch immer verzagen und nicht auf das Wort hören, in dem Gott zu uns von seinem guten und gnädigen Willen redet.
Wie so viele junge jüdische Mädchen, die aus Deutschland ausreisen konnten, arbeitet auch Barbara Loewenberg In England zunächst als Haushaltshilfe. Harry Richard Loewenberg kann einen Monat später das Land verlassen. Seine Tochter empfängt ihn und bewirtet ihn mit ihrem ersten selbst verdienten Geld.
Durch die Kontakte ihres Vaters kann sie beim Direktor der Manchester Grammar School als Kindermädchen unterkommen und so mehr als "Küchenenglisch" lernen. Sie lernt in jener Zeit viele neue Freundinnen und Freunde kennen, zu denen sie zeitlebens Kontakt halten wird.
Im Januar 1944 stößt sie als 13. Studentin zu den Auszubildenden im "Wistow Training Centre For Post War Christian Service". Diese Ausbildungsstätte war auf Betreiben von Pfarrern deutscher Auslandsgemeinden sowie nach England emigrierter Pfarrer - viele davon "nichtarischer" Herkunft - gegründet worden. Unterstützt wurde das Unternehmen vom anglikanischen Bischof George Bell, der auch für viele Verfolgte der Bekennenden Kirche die Ausreise nach England ermöglicht hatte. Eine englische Adelsfamilie, Lord und Lady Cottesloe, stellen für die Ausbildungsstätte den größten Teil ihres Landsitzes in Leicestershire in Mittelengland zur Verfügung.
In dem Haus, das idyllisch an einem See gelegen ist, verlebt Barbara Loewenberg eine schöne Zeit. Auf eine Fotografie des Hauses schreibt sie in späteren Jahren: "Barbaras ganz persönlicher Landsitz".
Durch ihre Ausbildung als Großköchin kann sie die Voraussetzung für die Ausbildung mit Leichtigkeit erfüllen. Denn die Studierenden sollen zu ihrem Unterhalt selbst beitragen, indem sie halbe Tage arbeiten. Barbara Loewenberg bekocht und versorgt die kleine Studierendengemeinde und geht in der übrigen Zeit ihrem Studium nach.
Im Januar 1946 schließt sie in Wistow mit einer Prüfung die Ausbildung zur "Pfarrgehilfin" ab.
1949 kommt Barbara Loewenberg nach Deutschland zurück. Zusammen mit ihrer Mutter zieht sie nach Kempten im Allgäu. Der Vater wohnt in München, wo er beim Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung arbeitet.
Die Hoffnung, ihre in England erworbenen Fähigkeiten als Pfarrgehilfin anwenden zu können, erfüllt sich nur zum Teil. Zwar stellt der Münchner Landeskirchenrat sie mit Urkunde vom 23. September 1949 ein. Jedoch gilt sie nur als "katechetische Hilfskraft", die entsprechend schlecht bezahlt wird. Ihre Ausbildung wird nicht anerkannt.
Sie gibt im Bezirk des evangelischen Pfarramtes Kempten Religionsunterricht in den Volksschulen und in einigen Berufsschulklassen. Im September 1952 erkrankt sie schwer und kann mehrere Wochen ihrer Arbeit nicht nachkommen. Im März 1953 wird ihr - da sie ihren Dienst nicht mehr ausüben kann - gekündigt.
Von nun an wird Barbara Loewenberg zwar weiterhin das tun, was ihr Freude macht, nämlich junge Menschen unterrichten. Aber sie tut es nicht mehr im Dienst der Kirche und nicht mehr in dem Fach, das sie erlernt hat und das sie liebt: Religion.
Ihr großes Talent, ihre Sprachbegabung, wird nun zu ihrem Beruf. Sie unterrichtet an einer Mittelschule in Kempten Englisch, später auch an der Volkshochschule. Als ihre Mutter immer hinfälliger wird, weil eine schwere Arthrose sie quält, gibt sie den Schulunterricht auf und unterrichtet nur noch Privatschüler.
1960 zieht die Familie Loewenberg wieder in ein eigenes Zuhause. Der Vater hat im Wilhelm-Löhe-Weg in Kempten ein Siedlungshaus gebaut - ähnlich dem im Pilzwald von Klein-Machnow.
In diesem Jahr trifft sie auch Martin Niemöller wieder. Er kommt nach Kempten und hält einen Vortrag im Kornhaus - leider ist uns das Thema nicht überliefert. Im gleichen Jahr besucht sie Niemöller in Wiesbaden.
Barbara Loewenbergs Mutter stirbt 1966. Zwei Jahre später stirbt der Vater an Leberkrebs.
Barbara Loewenberg unterrichtet jetzt wieder als halbe Kraft am Mädchengymnasium, was ihr viel Freude macht. Sie pflegt ihren geliebten Garten und reist mindestens einmal im Jahr nach England, wo sie Freunde besucht und das ihr - wie sie in einem Brief an Helmut Gollwitzer schreibt - "immer mehr zur Heimat wird".
Sie hält - wenn auch lockeren - Kontakt zu Martin Niemöller. Zu seinem Geburtstag am 14. Januar schreibt sie ihm jedes Jahr. Sein Tod 1984 bewegt sie tief. Durch 50 Jahre, so schreibt sie nach seinem Tod, sei er ihr ein väterlicher Freund gewesen. Seine "menschliche Wärme, seine rührende Treue und Anhänglichkeit bis in die letzte Zeit hinein sind mir immer wieder Anlaß zum Danken". (12.4.84 -> Gollwitzer)
Eine nicht erkannte und zu lange fehltherapierte Gallenblasenentzündung schwächt Barbara Loewenberg sehr und greift das Herz an. Zwar gesundet sie so weit, dass sie mit ihrer besten Freundin wieder eine Reise in ihr geliebtes England unternehmen kann, wo sie ausgiebig einer weiteren Begabung - der Fotografie - fröhnt. Doch richtig gesund wird sie nicht mehr. Ein Herzinfarkt - ebenfalls zunächst nicht erkannt - wirft sie erneut aufs Krankenlager.
Am 12. März 1989 stirbt Barbara Loewenberg und wird an der Seite ihrer Eltern auf dem städtischen Friedhof in Kempten beigesetzt.
Lieselotte Wendl
zurück | letzte Aktualisierung: 14.09.2007 | copyright by EKHN