Ausblick und Bilanz des scheidenden Kirchenpräsidenten
Interview mit Prof. Peter Steinacker
Am Ende dieses Jahres geht Prof. Dr. Peter Steinacker, der Kirchenpräsident der EKHN, in den Ruhestand. 1993 wurde er in dieses Amt gewählt und war damit auch der Vorsitzende der Kirchenleitung, des Leitenden Geistlichen Amtes und des Theologischen Prüfungsamtes dieser Kirche. Über seine Zeit an der Spitze der EKHN und über seine persönliche Zukunft und die Entwicklungen in der EKHN befragte ihn der Redakteur des Gemeindebriefes der Luthergemeinde Mainz.
Herr Steinacker, offiziell beenden Sie Ihren Job als Kirchenpräsident erst am 15. Februar, aber bereits zum Jahresende gehen Sie in Ruhenstand. Freuen Sie sich drauf oder spüren Sie Wehmut, bald nicht mehr Kirchenpräsident zu sein?
Peter Steinacker: Da das kein Job ist, sondern eine große und großartige Aufgabe, schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Zum einen bin ich gerne Kirchenpräsident gewesen und werde sicher einiges und einige Menschen vermissen. Zum anderen verlangt diese Aufgabe dem Amtsinhaber sehr viel an geistlicher, geistiger, körperlicher und emotionaler Stärke ab. Ich freue mich deshalb auch ein bisschen darauf, das Amt abgeben zu können und mehr Zeit für selbstbestimmte Interessen zu haben.
Volker Jung wird Ihr Nachfolger. Vor der Wahl hieß es, er habe gegen die beiden anderen Kandidaten, Sigurd Rink und Wolfgang Gern, nur Außenseiter-Chancen. Waren Sie überrascht, dass Jung es doch geschafft hat und das bereits nach zwei Wahlgängen?
Peter Steinacker: Da ich es für eine selbstverständliche Pflicht gehalten habe, mich aus dem Wahlverfahren völlig herauszuhalten, bitte ich um Verständnis, dass ich mich auch jetzt nicht dazu äußere. Volker Jung wird auch mein Kirchenpräsident sein und ich freue mich darüber.
Was schätzen Sie an Volker Jung? Wo sehen Sie seine Stärken?
Peter Steinacker: Er ist ein guter Theologe, der seine kirchliche Praxis und seinen persönlichen Glauben intensiv theologisch reflektiert. Er kennt die EKHN sehr gut und weiß, worauf es ankommt. Er ist ein im Ton verbindlicher und in der Sache klarer Gesprächspartner. Er ist inhaltlich aufgeschlossen und wird viele Kooperationspartner begeistern und für die Kirche gewinnen. Er ist Marathonläufer. Das zeigt schon sein Durchhaltevermögen und seine Durchsetzungsfähigkeit.
Vor welchen Herausforderungen stehen die EKHN, die Kirchenverwaltung und der neue Kirchenpräsident?
Peter Steinacker: Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verändern sich schnell. Die Kirche muss darauf dynamisch reagieren – mit der Bereitschaft zu Veränderungen. Damit tut sich die EKHN schwer. Und zwar strukturell wegen der komplizierten Entscheidungsstrukturen und emotional, weil es so schwer fällt, lieb gewordene und wert geschätzte Arbeitsbereiche zu verändern, zu reduzieren oder gar aufzugeben. Veränderungsprozesse dauern in der EKHN sehr lange. Derzeit überlagern sich derzeit einige davon. Das schafft eine hohe Belastung. Der neue Kirchenpräsident muss im Rahmen seiner beschränkten Möglichkeiten dazu beitragen, dass diese Prozesse bald zu einem guten Abschluss kommen. Volker Jung hat gesagt: „Wir haben zu viele Baustellen.“ Darum wird er sicher Gebäude fertig stellen und die Baustellen überflüssig machen.
Wenn Sie jetzt zurückschauen auf Ihre Zeit an der Spitze der EKHN? Gibt es etwas, auf das Sie stolz sind, es erreicht zu haben?
Peter Steinacker: Was ich erreicht habe, wurde immer mit anderen erreicht. Der Kirchenpräsident ist in die vielfältige Arbeit der EKHN, die viele Menschen leisten, eingebunden. Deshalb bin ich dankbar für viel Vertrauen, viel Kollegialität und viel Engagement, das ich erleben, begleiten und auch etwas fördern konnte. Einiges, das mir besonders am Herzen lag, will ich nennen: Die Schulgründungen machen mir große Freude. Die Rückbesinnung auf theologische Arbeit, die an vielen Stellen zu sehen ist, zum Beispiel die theologische Ausrichtung der Pädagogik in den Kindertagesstätten. Die Strukturreformen halte ich für notwendige Schritte in die richtige Richtung. Die neu geknüpften Gesprächsfäden und Kooperationen zu anderen gesellschaftlichen Institutionen wie der Bundeswehr, der Frankfurter Oper, den Unternehmer- und Sportverbänden und vielen anderen. Auch die Neuordnung und Belebung unserer ökumenischen Partnerkirchen in vielen Ländern der Welt war mir wichtig und ist gut gelungen. Wichtiges ist auch im Dialog mit den Muslimen geschehen.
Und an welches Ereignis denken Sie gerne zurück?
Peter Steinacker: Mein Leben als Kirchenpräsident war randvoll mit interessanten Ereignissen, die erinnerungswürdig sind. Ein Höhepunkt war sicher die 14tägige Fahrt auf dem Nil, wo wir täglich intensive theologische Gespräche mit hochrangigen islamischen Theologen der Universität Kairo hatten. Auch der erste Moment war wichtig: meine Amtseinführung zusammen mit meinem damaligen Stellvertreter Hans Helmut Köke, dem ich ungeheuer viel verdanke und dessen Tod mich bis heute sehr schmerzt. Der Frankfurter Kirchentag war großartig. Bewegt hat mich auch der Auftritt vor der Synode der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Hier haben wir eine Brücke für die Zukunft geschlagen.
Verraten Sie uns auch, was Sie schnellstens und am liebsten vergessen würden?
Peter Steinacker: Wenn da etwas war, dann habe ich es schon vergessen.
Und was werden Sie jetzt mit Ihrem Ruhestand anfangen?
Peter Steinacker: Mehr Zeit mit meiner Frau, meiner Tochter, meinem Schwiegersohn, meinen Enkeln und mit unseren Freunden verbringen. Neben meiner Professur in Marburg habe ich einen Lehrauftrag an der Frankfurter Universität angenommen. In Ruhe lesen möchte ich. Und ein Buch will ich schreiben über die Frage, wie wir theologisch denken können, dass es einerseits verschiedene Vorstellungen von Gott in den Religionen gibt – und das haben wir zu akzeptieren – und andererseits bekennen können, dass es nur einen Gott gibt. Diese Frage ist mir aus meinen vielen interreligiösen Begegnungen offen geblieben. Sie ist eine zentrale Anfrage an unseren monotheistischen Glauben und unsere Toleranz.
Herr Kirchenpräsident, vielen Dank für das Gespräch.
[Luthergemeinde Mainz/SK/RD]
zurück | letzte Aktualisierung: 18.12.2008 | copyright by EKHN