Interview

13. August 2003

Berufsperspektive: Religion unterrichten

Frankfurter Studienleiterin: "Der Religionsunterricht bietet die Möglichkeit, junge Menschen zu begleiten


"Besonders an Berufsschulen, Haupt- und Realschulen gibt es in Hessen-Nassau zu wenig Religionslehrerinnen und Religionslehrer; aber auch in Grundschulen und Gymnasien werden noch ReligionslehrerInnen gebraucht", berichtet Karin Frindte-Baumann, Studienleiterin des Religionspädagogischen Amtes in Frankfurt am Main.

Um für das Studium der evangelischen Theologie auf Lehramt zu werben, stellte die EKD ein Informationspaket zuammen. Informationsbroschüre, Flyer und Internetangebot bieten Denkanstöße zu Inhalt und Zukunftsaussichten sowie Kontaktadressen für Schulabgänger nach dem Abitur. Die Broschüre klärt, welche Voraussetzungen ein Studierender mitbringen sollte.
Zu Beginn des neuen Schuljahres beabsichtigt die Frankfurter Studienleiterin diese Broschüre an Oberstufenschüler verteilen lassen. In einem Interview berichtet sie, wie die EKHN die Studierenden unterstützt und welche künftigen Entwicklungen das Fach möglicherweise betreffen.

Gibt es unterstützende Angebote der Kirche für die Studierenden, bzw. für Religionslehrer?

Frindte-Baumann: Ja, die gibt es. An den drei Hochschulen im hessen-nassauischen Kirchengebiet, an denen Studierende das Erste Staatsexamen für das Lehramt machen können, gibt es unterschiedliche Angebote. An den Unis in Mainz, Frankfurt am Main und Gießen finden beispielsweise Studientage und Einführungsveranstaltungen für Lehramtsstudierende statt. In Gießen begleitet eine Pfarrerin in Zusammenarbeit mit dem Religionspädagogischen Amt die Studierenden. Sie bietet auch Gottesdienste an. Das Theologische Konvikt in Frankfurt und Mainz hat für künftige LehrerInnen und PfarrerInnen Schulpraktika und Studienreisen im Angebot.

Die Kirche ist daran interessiert, möglichst früh mit den Studierenden Kontakt aufzunehmen. Ihnen soll das Gefühl vermittelt werden, dass es wichtig ist, dass es sie gibt und dass die Kirche ihnen hilft, Religionsunterricht zu halten. In den zehn Religionspädagogischen Ämtern der EKHN kann bereits während des Studiums die Bibliothek genutzt werden. So wissen die künftigen JunglehrerInnen, wohin sie sich wenden können, wenn es um Schulfragen geht.
Durch die Kontaktangebote des Religionspädagogischen Amtes und der Kirche können die Studierenden viel Hilfestellung und Beratung bekommen, sie müssen sie nur nutzen.

Welche Funktion hat das Religionspädagogische Amt?

Frindte-Baumann: Es bietet zum einen umfangreiches Wissen: In einer Bibliothek lassen sich beispielsweise Unterrichtsentwürfe zu den Lehrplänen finden. Zum anderen kümmern sich die Studienleiterinnen und Studienleiter um den gesamten Religionsunterricht in der Region. Das Gespräch mit den Schulleitungen über die Abdeckung des Religionsunterrichtes oder den Einsatz der PfarrerInnen an den Schulen ist eine Aufgabe unter vielen.

Abiturienten haben möglicherweise selbst einen eher etwas langweiligen Religionsunterricht erlebt. Gibt es neue Konzepte oder Methoden, die Schwung in den christlichen Schulunterricht bringen?

Frindte-Baumann: Die jungen LehrerInnen, mit denen ich spreche, berichten im Gegenteil von einem hochinteressanten Religionsunterricht, den sie besonders in der Oberstufe erfahren haben. Ich stelle immer wieder fest, dass über den Religionsunterricht neue LehrerInnen gewonnen werden.

Lassen sich Schüler überhaupt noch für Glaubensfragen begeistern?

Frindte-Baumann: Ja. Sie lassen sich begeistern, wenn sie erkennen, dass Glaubensfragen mit ihrem eigenen Leben zu tun haben. LehrerInnen müssen also gesprächsbereit sein, um auf Aspekte aus der Lebenswelt der Schüler einzugehen, damit sie Impulse mit unterschiedlichen Glaubensthemen geben können.

Welche Bedeutung haben die unterschiedlichen Schulformen für das Unterrichten?

Frindte-Baumann: Normalerweise suchen sich die AbiturientInnen das Lehramt aus und überlegen dann, welche Fächer sie studieren. Die Schulform hat mit dem Fach Religion genauso viel zu tun, wie andere Fächer auch. Es gibt aber Besonderheiten in den einzelnen Schulformen, auf die sich die Studieren einstellen müssen.
In der Grundschule legen die Lehrerinnen und Lehrer die Basis für den christlichen Glauben, den heute nicht mehr die Familie vermittelt. Die Schülerinnen und Schüler machen Bekanntschaften mit biblischen Geschichten und lernen durch Erfahrung.
In der Gesamtschule und im Gymnasium stehen Fragen des christlichen Glaubens, wissenschaftliche Aspekte und auch Kirchengeschichte im Vordergrund. Die besondere Situationen an Gesamtschulen ist, dass dort sehr viele Schüler aus anderen Religionen zusammenkommen. Im Vordergrund seht eine Erziehung zur Dialogfähigkeit gegenüber den Mitgliedern einer anderen Religion.
An der Berufschule geht es bei ReligionslehrerInnen um die Begleitung von jungen Erwachsenen in ihren Lebensfragen.

Ein Statement bitte: Soll Religionsunterricht weiterhin in der Schule stattfinden oder sollen alle Schüler das Fach Ethik besuchen und christliche Lehre auf freiwilliger Basis nur in der Kirchengemeinde am Nachmittag erfahren?

Frindte-Baumann: Natürlich Religion soll weiterhin in der Schule als ordentliches Lehrfach seinen Platz haben! Meiner Ansicht nach gehört Religion als Bildungsauftrag in unsere Kultur bereichert das Schulleben. Die SchülerInnen lernen ihre christliche Tradition kennen und setzen sich mit ihr auseinander.
Allerdings sollten die Schulen das Fach Ethik als Alternative für diejenigen Schüler anbieten, die kein Mitglied der Kirche sind und den Religionsunterricht nicht besuchen wollen. Freistunden halte ich für keine gute Lösung.

Wie wird sich in Zukunft der Religionsunterricht entwickeln?

Frindte-Baumann: Ich denke, dass Religion weiterhin ein ordentliches Lehrfach bleibt. Allerdings sind immer weniger SchülerInnen Mitglieder der evangelischen Kirche. Wo Lehrerinnen und Lehrer selbstbewusst und kreativ ihren Unterricht machen, hat der Religionsunterricht immer einen Platz in der Schule. Ich habe den Eindruck, dass seine Bedeutung mehr von den Lehrerpersönlichkeiten als von politischen Entscheidungen abhängt.

Welche Wünsche haben Sie als Studienleiterin für den Religionsunterricht?

Frindte-Baumann: Religionsunterricht sollte sich ökumenisch weiter öffnen, wenn er seinen Platz an der Schule behaupten will. Außerdem sollten andere Religionen wie der Islam auch in der Schule unterrichtet werden. Das Ziel ist gegenseitiges Verständnis und fundiertes Wissen über den anderen.
Der Rückzug auf die eigene Konfession ist meiner Ansicht nach der falsche Weg. Dass heißt aber auch, dass man das Eigene kennen sollte, bevor man sich mit dem Anderen auseinandersetzt. Ich fordere keine Mischreligion.

Bitte ein Schlusswort!

Frindte-Baumann: Religionsunterricht bietet die Möglichkeit, junge Menschen in ihrem Leben zu begleiten und diese Möglichkeit sollte ausgiebig genutzt werden.
Außerdem kann das Unterrichten dieses Faches den LehrerInnen selbst viel Freude machen - wenn sie selbst für das stehen, was sie unterrichten.

Das Interview führt Rita Deschner

Links zum Thema