Bericht
Biopatente können die Lebensgrundlagen des Menschen gefährden
Landwirtschaftsexpertin der EKHN ruft zur Unterschriftenaktion gegen das Schweine-Patent auf
Kann ein Tier als menschliche Erfindung gelten, damit eine einzige Firma daran Geld verdienen kann? Die Frage ist nicht abwegig, denn das Europäische Patentamt hat im Juli 2008 dem Unternehmen Newsham Choice Genetics, einer Tochterfirma von Monsanto, ein Patent auf konventionell gezüchtete Schweine erteilt. Deshalb fordert Dr. Maren Heincke, die Referentin für den ländlichen Raum im Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung dazu auf, Unterschriften für das Einspruchsverfahren zu sammeln. Die Unterschriften-Aktion organisiert die Initiative „Kein Patent auf Leben!“ in München, an die die Listen bis zum 10. April 2009 geschickt werden sollen.
Das Patent auf Schweine
Hinter diesem Patent steckt die Entdeckung, dass eine bestimmte Kombination von Genen einen hohen Fleischzuwachs bei Schweinen auslöst. Seit vielen Jahren werden allerdings Schweine auf dieses Merkmal hin gezüchtet, deshalb kommt die entsprechende Gen-Variante bereits jetzt in allen Schweinerassen und einem Großteil der Mastschweine vor. Nun hat Newsham Choice Genetics das Patent auf diese bestimmte Gensequenz erhalten und ist deshalb berechtigt, exklusiv damit Geld zu verdienen – obwohl diese Genkombination nur vorgefunden wurde, sie wurde nicht gentechnisch manipuliert. Durch das Patent hätte außer dieser Firma also niemand mehr das Recht, Hausschweine mit diesem Genabschnitt selbständig und unabhängig zu züchten.
Unterschriftenliste (PDF, 8 KB)
Bitte bis zum 10. April 2009 senden an:
„Kein Patent auf Leben!“ Frohschammerstr. 14
80807 München
Hintergrund: "Gehören Schwein und Kuh bald nicht mehr uns allein?" von Dr. Maren Heincke (PDF, 24 KB)
Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung
Ländlicher Raum
Albert-Schweitzer-Straße 113-115
55128 Mainz
Telefon: 06131 - 2874447
Telefax: 06131 - 2874411
Besonders problematisch ist, dass die patentierten Schweine nicht von anderen Schweinen zu unterscheiden sind. „Deshalb könnten je nach Beweislast in Zukunft auch Lizenzen für Schweine anfallen, die ohne dieses Verfahren gezüchtet wurden“, schreibt die Initiative „Kein Patent auf Leben!“ in einem Informationspapier.
Nutztiere als kulturelles Erbe der Menschheit
„Ein Hausschwein ist keine Erfindung eines Menschen!“ betont die Landwirtschaftsexpertin. Auch ein gezüchtetes Tier sei nicht von Menschen erschaffen, sondern es sei aus bereits vorhandenen Tieren entstanden. Züchtungserfolge seien das gemeinsame kulturelle Erbe der Menschheit, oft hätten Landwirte und Gärtner jahrhunderte lang daran gearbeitet. „Diese Biopatente sind ein falscher Weg. Zumal sie den Unterschied zwischen einer Erfindung und einer Entdeckung verwischen“, erklärt sie. Denn eigentlich seien Patente ein gewerbliches Schutzrecht für Erfindungen, die sich auf unbelebtes Material beziehen.
Achtung vor dem Leben
Vor allem aus christlicher Sicht sei es unhaltbar, Biopatente zu erteilen. Maren Heincke unterstreicht: „Menschen und Tiere gehören gemeinsam zur Schöpfung Gottes. Dies schließt die Achtung vor dem Leben ein.“ Firmen, die Lebensgrundlagen privatisieren, um für sich einen maximalen finanziellen Gewinn zu erreichen, verhalten sich also im harten Widerspruch zu dieser Haltung.
Unabsehbare Folgen
Für die Landwirtschaft und die Verbraucher hätten Biopatente keinerlei Vorteile, den Nutzen ziehe allein die Firma. Mögliche Folgen wären:
- Einzelne Firmen erhielten Monopolstellungen, denn sie könnten anhand der Biopatente alle damit verbundenen kommerziellen Anwendungen kontrollieren. Wenige Großkonzerne würden die Produktionskette vom Saatgut zum Lebensmittel bestimmen.
- Wer Macht über die Produktionskette der Nahrung bekäme, hätte auch politischen Einfluss. Denn die Ernährung gehört zu den wesentlichen Grundlagen menschlichen Lebens. Somit könnten Biopatente die Ernährungssicherheit bedrohen.
- Landwirte würden große finanzielle Verluste haben, da sich die Preise für Zuchttiere und Saatgut verteuern.
- Die Verbraucher würden höhere Lebensmittelpreise zahlen.
- Landwirte würden verklagt, da zum Teil deren Tiere und Pflanzen nicht von den patentierten Lebewesen zu unterscheiden seien.
- Die Vielfalt von Tier- und Pflanzenrassen würde abnehmen, da züchterische Initiativen rückläufig wären, denn Tier- und Pflanzenzucht würde zunehmend teurer und komplizierter werden.
- Aufgrund der abnehmenden genetischen Vielfalt könnten einzelne Tierrassen bei ökologischen Veränderungen geschwächt werden.
„Die Zuhörer auf meinen Informationsveranstaltungen zum Thema Biopatente können oft kaum glauben, was hier geschieht, denn es widerspricht dem gesunden Menschenverstand. Manche fühlen sich bedroht, da die Politik hier gravierend versagt“, erzählt die evangelische Landwirtschaftsexpertin. Sie erklärt, dass diese Entwicklung durch Entscheidungen des Europäischen Patentamtes begünstigt wurde. Denn das Amt finanziert sich aus Patentgebühren und hat somit ein Interesse, viele Patente zu erteilen. Allerdings werden Patente eigentlich für Erfindungen erteilt, nicht für Entdeckungen im Bereich der Biologie. Dennoch hat das Amt neben dem Schweine-Patent auch Patente auf Rinder mit erhöhter Milchleistung, Tomaten und Brokkoli erteilt.
Für Biotechnologie-Unternehmen wie Monsanto lohnt sich das Geschäft mit den Grundlagen des Lebens: Im letzten Geschäftsjahr (September 2007 bis September 2008) betrug der Reingewinn 2 Mrd. Dollar. Auch die Aktien stiegen, im ersten Quartal des neuen Geschäftsjahres hat sich der Gewinn je Aktie verdoppelt.
Politisches Engagement
Um diesen Prozess aufzuhalten, setzt Maren Heincke auch auf Gespräche mit Politikern. Auf Initiative des Landes Hessen habe dann schließlich die Agrarministerkonferenz einen Beschluss gegen Biopatente und das Klonen von Tieren gefasst. „Diesen Worten müssen nun Taten folgen“, so die engagierte Expertin. Ziel sei es nun, das Bundesjustiz- und Bundeslandwirtschaftsministerium aufzufordern, eine Reform der EU-Biopatent-Richtlinie anzustreben, um Gesetzeslücken zu schließen. Heincke hat eindringlich den hessischen Landwirtschaftsminister auf dieses Problem hingewiesen.
Gegen das Biopatent auf Brokkoli und Tomaten hat Maren Heincke bereits Unterschriften für einen Einspruch gesammelt. Nun erwartet sie in 2009/2010 ein Urteil der Obersten Beschwerdekammer. „Die Entscheidung gilt als Grundsatzurteil und wird wegweisend für diesem Bereich sein,“ erklärt Heincke die Bedeutung. Für sie ist die Sache klar: „Biopatente müssen verboten werden!“
[Rita Deschner / MH]
zurück | letzte Aktualisierung: 16.01.2009 | copyright by EKHN