Bericht
Atomkraftwerke taugen nicht dazu, den Umstieg auf erneuerbare Energie zu überbrücken
Worte des Umweltpfarrers auf der Montagsdemonstration in Mainz
Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung
Pfarrstelle für Umweltfragen
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55128 Mainz
Telefon: 06131 - 2874450
EKHN-Umweltpfarrer Dr. Hubert Meisinger hatte alles daran gesetzt, an der Montagsdemonstration am 21. März 2011 gegen Atomkraft in Mainz teilzunehmen. Gesundheitliche Gründe verhinderten zwar seine persönliche Präsenz, seine Botschaft vernahmen die Anwesenden dennoch. Der Mitorganisator Harald Preis hatte Meisingers Ansprache den Demonstranten vorgelesen:
Sehr geehrte Damen und Herren,
wir sind Zeugen einer furchtbaren Katastrophe in Japan. Nach Erdbeben und Tsunami schauen wir alle gespannt auf die Atomreaktoren in Fukushima. Die Entwicklungen dort sind immer noch nicht absehbar – selbst das Trinkwasser in der Region Fukushima ist so verstrahlt, dass es nicht getrunken werden darf.
Die Pfarrerin der evangelischen Gemeinde in Tokio hat in der letzen Woche ihre Gefühle so ausgedrückt:
„Das Entsetzen ist so groß und so nah, dass ich es nicht fühlen kann. Es passt in eine Seele nicht hinein.“
Unsere Gebete und unsere Solidarität gelten allen Opfern dieser Katastrophe in Ostasien. Wir fühlen mit den Menschen dort und bitten alle Christinnen und Christen, sie in ihre Gebete einzuschließen. Denn bei aller notwendigen politischen Diskussion um Kernenergie, die sofort eingesetzt hat, dürfen die Menschen nicht vergessen werden, die ihre Angehörigen durch den Tsunami verloren haben, die jetzt vor Ort als Helfer tätig sind und die alle wie wir in großer Ungewissheit auf die immer noch drohende Katastrophe blicken. Die aktuellen Nachrichten wechseln ab zwischen Hoffen und Bangen.
32 Jahre nach dem Atomunfall in Harrisburg/USA und fast 25 Jahre nach Tschernobyl werden wir auf dramatische Weise daran erinnert, dass die Atomenergie gefährlich ist und bleibt. Diese Technologie ist nicht mit 100prozentiger Sicherheit beherrschbar. Selbst wenn die Wahrscheinlichkeit eines Eintretens sehr gering ist, sagt dies nichts über den Zeitpunkt des Eintretens aus. Und die dieser Technik innewohnende zerstörerische Kraft ist unvorstellbar groß. Das erleben wir gerade sehr dramatisch.
Von daher wird es (auch politischen Entscheidungsträgern) immer deutlicher, dass jegliches Risiko vermieden werden sollte, das oberhalb einer Katastrophen-Schwelle angesiedelt ist. Kernenergie übersteigt die Möglichkeiten des Menschen zur Verantwortungsübernahme. Im Sinne des Vorsorge-Prinzips plädiere ich daher für einen Verzicht auf diese Technologie und entsprechende Änderungen in der Energie-Politik der Bundesregierung. Jetzt erfolgte Änderungen in der Energiepolitik dürfen kein politischer Notschalter angesichts bevorstehender Wahlen sein, sondern müssen auf eine stärkere Förderung regenerativer und damit schöpfungsgemäßer Energien hinauslaufen. Es gibt diese Alternativen der Energieversorgung.
Als Christinnen und Christen tragen wir Verantwortung vor Gott für den Menschen und die gesamte Natur. Diese Verantwortung erfordert einen nachhaltigen Klimaschutz. Er ist nur mit einem neuen Energiekonzept möglich, das einen schnellen und konsequenten Umstieg auf Erneuerbare Energien verfolgt. Atomkraftwerke taugen nicht dazu, diesen Umstieg zu überbrücken, weil sie sich nicht ausreichend flexibel steuern lassen. Sie behindern den Aufbau eines Stromnetzes, das auf dezentrale und regenerative Energiegewinnung ausgerichtet ist. Das Abschalten von Biblis A ist ein gutes Zeichen in dieser Richtung – hoffentlich über das Moratorium hinaus. Beide Atommeiler in Biblis liegen in einem durch Erdbeben gefährdeten Gebiet und sind beispielsweise gegen Flugzeugabstürze nicht ausreichend gesichert. Allerdings müssen – das darf nicht vergessen werden – sozialverträgliche Lösungen für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gesucht und gefunden werden.
Ein zukunftsfähiger Umgang mit Energie ist nicht nur eine politische und technische Herausforderung. Er bedarf zugleich eines grundlegenden ökonomischen, sozialen und kulturellen Wandels. Dieser Wandel kann als Chance für ein gerechteres Miteinander von Mensch und Umwelt und eine friedliche weitere Entwicklung allen Lebens auf der Erde begriffen und ergriffen werden - damit nicht wieder ein Entsetzen entstehen kann, das in eine Seele nicht hineinpasst.
Auch in der EKHN finden deshalb an vielen Orten Gottesdienste für Japan statt – im Internet können Sie sich ausführlich darüber informieren.
Ich wünsche Ihrer Mahnwache und dem Montagsspaziergang einen guten und friedlichen Verlauf.
Mit hoffnungsvollen Grüßen,
Hubert Meisinger
Rita Deschner
zurück | letzte Aktualisierung: 22.03.2011 | copyright by EKHN