Meldung
Die Bedürfnisse älterer Frauen im Blick
Stellungnahme des Vorstands der Evangelischen Frauen in Hessen und Nassau e.V.
zum Abschlussbericht der Konsultationsgruppe
Leben im Alter
Der Vorstand der Evangelischen Frauen in Hessen und Nassau e.V. begrüßt, dass sich die Kirchenleitung in einem ersten Schritt mit dem Zukunftsthema Alter(n) auseinandergesetzt hat und an einer Weiterarbeit zu diesem Thema interessiert ist.
Wir verknüpfen damit die Hoffnung, dass zukünftig älteren und alten Menschen in unserer Kirche die Bedeutung zugemessen wird, die sie tatsächlich haben.
Wir begrüßen den Ansatz der Arbeitsgruppe, das Thema unter den Gesichtspunkten der Lebenslagen, der Geschlechterdifferenz, der vorhandenen kirchlichen Praxis und der Personal- und Finanzentwicklung zu untersuchen, um als Kirche angemessen auf die gesellschaftlichen Veränderungen reagieren zu können.
Zur Theorie der Lebenslagen
Wir stimmen ausdrücklich zu, Alter nicht mehr nach dem nominellen Alter zu betrachten, sondern in seiner sozialstrukturellen Ungleichheit und mit seinen zur Verfügung stehenden Handlungsspielräumen.
Wir vermissen jedoch bei der Beschreibung der fünf Dimensionen der Theorie der Lebenslagen die der Familie, Partnerschaft und Generationenbeziehungen und die der Sozialen und Netzwerkbeziehungen.
. Gerade diese Dimensionen gewinnen für das Altern nicht nur als Form der sozialen Unterstützung an Bedeutung. Der im Bericht genannte Handlungsspielraum Erwerbsarbeit ist bezogen auf das Altern insbesondere mit seiner Dimension gesellschaftliche Partizipation wichtig zu berücksichtigen, z.B. für Fragen von Konzeptionen angemessener Altenarbeit.
Zur Geschlechterdifferenz
Hier fehlen uns die Dimensionen Familien-, Erziehungs-, Haus- und Pflegearbeit. Die Aufmerksamkeit auf diese gesellschaftlich unabdingbare Arbeit zu lenken, erscheint uns unverzichtbar, um vor allem die Leistung von Frauen sichtbar zu machen. Kirche und Gesellschaft rechnen nach wie vor mit dieser „heimlichen Ressource der Sozialpolitik“
, die in nicht unerheblichem Maße gesellschaftliche Probleme auffängt bzw. abmildert. Gleichzeitig sind Frauen für ihr eigenes Altern materiell und sozial gefährdet durch nicht hinreichende Unterstützungs- und Entlastungspotenziale. Trotz erheblichen Selbsthilfepotentials alter Frauen werden sie, wenn sie selber Unterstützung brauchen, immer noch als „Alterslast“ stigmatisiert.
Von daher erachten wir es als notwendig, dass bei der Betrachtung des Alterns der Blick erweitert wird um die Kategorie „Geschlecht und Alter“ als Strukturmerkmal von Gesellschaft in seinen unterschiedlichen Vergesellschaftungsformen. Denn nur die Analyse „der lebenslangen hierarchischen Komplementarität der Vergesellschaftungsformen beider Geschlechter bis zum Tod“ kann die daraus resultierenden „Lebenslagen“ angemessen beschreiben. Für die Weiterarbeit empfehlen wir, diese Perspektive mit zu berücksichtigen.
Der Bericht macht deutlich, dass bei dem Thema Alter von großen Unterschieden zwischen den Geschlechtern auszugehen ist. Diese Feststellung wirft auch ein Licht auf die zurzeit mehrheitlich in Kirche und Gesellschaft vertretene Meinung, nach der wir – zumindest in Deutschland - die volle Gleichberechtigung erreicht hätten. Der gerade erschienene Global Gender Gap Index verweist dagegen Deutschland in punkto Gleichstellung von Frauen und Männern auf den 12. Platz im weltweiten Vergleich.
Für die Weiterarbeit empfehlen wir, sehr genau auf die Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu sehen und entsprechend unterschiedliche Handlungsanweisungen zu erarbeiten.
Zur vorhandenen kirchlichen Praxis
Wenn es um die Beschreibung der gemeindlichen Altenarbeit geht, hören wir heraus, dass diese Arbeit als teilweise defizitär gesehen wird. Unsere Erfahrung zeigt dagegen, dass zum großen Teil gerade in Gemeinden schon längst auf den gesellschaftlichen Wandel reagiert wurde: durch Kooperationen, durch Maßnahmen zur Verknüpfung von diakonischen und seelsorgerlichen Arbeit, durch Arbeit mit Ehrenamtlichen auf Augenhöhe etc. Es mag der Zusammensetzung der Arbeitsgruppe geschuldet sein, dass die Wahrnehmung der Realität an der sog. Basis – aus unserer Sicht - defizitär ist.
Hier käme es bei der Weiterarbeit an dem Thema auf eine solide Bestandsaufnahme an.
Zur Situation hochaltriger Menschen
Der Bericht hat die Tendenz, hochaltrige Menschen ausschließlich sozialdiakonischen Einrichtungen zuzuordnen. Auf unserem Erfahrungshintergrund mit Gruppen alter Frauen sehen wir die Notwenigkeit von Bildungskonzepten für diese Arbeit. Es sind Räume und Ressourcen bereit zu stellen für Begegnungen und Austausch angesichts der Erfahrung von Ausdünnung von Kontakten durch Wegsterben von Weggefährtinnen und Weggefährten und andererseits der hohen emotionalen Bedeutung von Beziehungen. Bildung hat einen Beitrag zu dieser Lebensphase zu leisten als Anregung zur Selbstreflexion und einer positiven Selbstwirksamkeit angesichts des nachlassenden Körpers. Sie kann zum Verständnis der sich rapide wandelnden Umwelt beitragen und als Möglichkeit zu individueller und gemeinschaftlicher Sinnfindung dienen.
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Zur Personal- und Finanzsituation
Wir nehmen wahr, dass es eine Tendenz gibt, Stellen in der vorhandenen Altenarbeit zu kürzen zugunsten der Anschubfinanzierung von Projekten, die zur Zeit als zukunftweisend diskutiert werden, deren Ertrag jedoch noch nicht valuiert wurde. Wir wünschen uns von der zukünftigen Arbeitsgruppe, hier genau zu prüfen, ob Projekte tatsächlich das Zeug zur Nachhaltigkeit haben oder eher dem kurzfristigen medienwirksamen Interesse geschuldet sind.
Alter als Querschnittsaufgabe aller kirchlichen Bereiche
Wir bekräftigen den Vorschlag der Arbeitsgruppe zur Kooperation aller kirchlichen „Anbieter“ im Bereich
der Altersarbeit. Dabei sind institutionelle Einrichtungen der EKHN ebenso gefragt, wie Vereine, Verbände und Initiativen. Wir brauchen alle vorhandenen Kräfte, um diese Herausforderungen zu schultern.
Deshalb halten wir es auch für sinnvoll, dass ein Gesamtkonzept entwickelt wird, das den unterschiedlichen Arbeitsbereichen als Leitlinie dienen kann.
Für den Vorstand der Evangelischen Frauen in
Hessen und Nassau e.V.: Christiane Drewello-Merkel
zurück | letzte Aktualisierung: 25.03.2010 | copyright by EKHN