Andacht

9. Juli 2010


Gute Förderung als Basis für ein tolles Mannschaftsspiel

Radio-Andacht der Berliner Pfarrerin Angelika Obert für den Deutschlandfunk

 

Auch eingefleischte Fussballverächter kommen nicht dran vorbei: Die deutsche Elf hat in Südafrika einen tollen Auftritt hingelegt. Trotz der Niederlage gegen Spanien. Die wirklich noch junge Mannschaft hat oft genug glänzend gespielt, beflügelt von einem Teamgeist, der Unglaubliches möglich machte. Wir hatten unser Sommermärchen. Christlich gedacht, könnten wir es sogar ein pfingstliches Erlebnis nennen. Wenn ein Team so über sich hinauswächst, dass man sich die Augen reibt und es nicht fassen kann, sind wir doch schon nah dran an dem Wunder, das wir zu Pfingsten feiern: dass alle zueinander finden, obwohl sie verschiedene Sprachen sprechen.

Fahne: Multikulturelle Verbundenheit statt Triumph

Wir dürfen uns noch immer freuen: Alle die schwarz-rot-goldenen Fahnen und Fähnchen, die in diesen Tagen die Häuser und die Autos schmücken, sie stehen jetzt zwar nicht mehr für Triumph, aber immer noch für Qualität. Für ein deutsches Gemeinwesen, von dem wir kaum zu träumen wagten: Multikulturell verbunden, inspiriert, fröhlich, einsatzfreudig.
Fröhliche Verbundenheit gab es auch zu Hause unter den Fans. Mit wunderbaren Begleiterscheinungen: Zum Beispiel, dass die größte deutsche Fahne auch heute noch gerade da hängt, wo wir sie am wenigsten vermutet hätten: In der Sonnenallee in Berlin-Neukölln, im berüchtigten Problemkiez, wo vorwiegend arabisch stämmige Familien zu Hause sind. Der gebürtige Libanese Youssef Bassal hat sie anfertigen lassen und zwei Mal erneuert, nachdem linke Autonome sie ihm kaputt gemacht hatten. Ein kleiner Dank sei das, sagt er, an das Land, das ihm Sicherheit und Freiheit gegeben hat. Ganz so mustergültig dankbar verhalten sie sich nun nicht alle in der arabisch-stämmigen Community in Neukölln. Aber immerhin: Mit blitzendem Lächeln versicherte ein Jugendlicher von dort vor der Fernsehkamera: Er fühle sich jetzt schon ein bisschen deutscher als vor der WM.

Fußball als Band zwischen Villenviertel und Problemkiez

Auch ich habe mich in diesen Tagen ein bisschen deutscher gefühlt, ein bisschen lieber deutsch als sonst. Das verbindet mich mit dem arabisch-stämmigen Jungen. Beide haben wir ja recht besehen nichts dafür getan. Beide verdanken wir das einer Mannschaft, die halbe-halbe aus Migrantensöhnen und eingeborenen Deutschen besteht.
Was für eine schöne Parallelwelt der Fußball doch ist, wenn er uns eine Zeitlang von unserm eigenen Tun und Treiben entlastet und die ganze, disparate Gesellschaft in einem gemeinsamen Interesse zusammenführt. Plötzlich ist es da, das Band zwischen Villenviertel und Problemkiez, zwischen Jugendzentrum und Seniorenheim: Wo wir auch sind, alle identifizieren wir uns mit den Laufleistungen und Abwehrkämpfen der elf begabten, hoch trainierten jungen Männer, die für Deutschland das Spiel auf dem Rasen machen. Und wir trauern gemeinsam, wenn sie es nicht hinbekommen.

Top-Leistung durch Top-Förderung

Dass die deutschen Spieler oft überzeugt haben, kommt nun aber nicht aus bloß heiterem Himmel. Es ist die Frucht einer bis ins Letzte ausgefeilten Förderung und Unterstützung, die jedem Spieler seit Jahren zuteil wird: Psychologen, Ärzte, Köche, Trainer und Berater aller Art bahnen den Fußballhelden den Weg zur Höchstleistung im Mannschaftsspiel. Da wird an nichts gespart.
Wenn ich das bedenke, möchte ich allerdings gern weiter träumen. Wie herrlich wäre es, wenn es solchen unbedingten Förderungswillen für alle Kinder in unserm Land gäbe. Wenn uns nichts zu teuer wäre, damit jedes Kind sich gut entwickeln kann, wenn alles dran gesetzt würde, damit aus jeder multikulturellen Schulklasse eine Gemeinschaft wird, die sich auf schönes Mannschaftsspiel versteht.

Wie sehen die Mannschaftsqualitäten im Alltag aus?

Aus den meisten würde natürlich nie ein Sami Khedira oder ein Thomas Müller – so wenig wie aus uns. Aber es wäre doch noch viel schöner als ein WM-Titel, es wäre ein wirklich pfingstlicher Traum für uns und unsere Kinder: Wenn jeder und jede im eigenen Team sich gefördert wissen dürften, wenn auch im Alltag einer für den andern rennen und bereit stehen würde.
Wie müssten sie aussehen, unsere Mannschaftsqualitäten im Alltag? In der Schule, am Arbeitsplatz und zu Hause?


Angelika Obert