Gegen rechts
Die Werbemethoden rechtsextremer Gruppen auf Schulhöfen
Experten und Kirchenvertreter tauschten sich aus
„Schulhof-CDs“, die rechtes Gedankengut musikalisch verpacken – fast jeder Jugendliche hat schon einmal davon gehört. Rechtsextreme Gruppen, vorwiegend Parteien und so genannte Kameradschaften, setzen sie als Werbemittel ein, um Jugendliche gezielt anzusprechen und für die eigene Organisation zu gewinnen. Aber ist jeder, der rechte Musik hört, gleich ein Rechtsextremer? Dieser und anderen Fragen rund um Jugendkultur und rechtes Gedankengut ging ein Podiumsgespräch im Rahmen des evangelischen Jugendkirchentages „go(o)d days“ in Rüsselsheim nach.
Rechte Inhalte subtil verpackt
Immerhin gut die Hälfte der Jugendlichen aus Hessen und Rheinland-Pfalz kennt das Phänomen. Und waren die ersten Musik-CDs noch eindeutig mit antisemitischen und neonazistischen Inhalten bestückt und deswegen indiziert, sind die rechten Inhalte heute subtiler verpackt, handeln von Volk, Vaterland und Verherrlichung des Deutschen.
Einladungen als Einstieg in die Radikalität
Aus Sicht von Reiner Becker, Politikwissenschaftler und Rechtsextremismus-Forscher an der Uni Marburg, lassen sich Rechtsextremismus und rechtes Gedankengut aber nicht in einen Topf werfen: „Nicht jeder, der rechte Musik hört, ist gleich extremistisch“, sagt der Experte, der sich in seinem Forschungsgebiet vor allem den Zielgruppen Jugend und Familie widmet. Dennoch seien Werbeaktionen rechter Gruppen unter Schülern als Einstieg in die Szene nicht zu unterschätzen. „Und zwar dann, wenn auf den Erstkontakt über die Musik eine Vertiefung erfolgt“: Gesprächsangebote, die Einladung in Gruppen oder zu Veranstaltungen seien dann möglicherweise das Tor in die Radikalität.
Rechtsradikale missbrauchen den Wunsch der Jugendlichen, sich von den Erwachsenen abzuheben
Dabei nutzten rechte Organisationen aus, dass Jugendliche sich in einer Phase der Selbstfindung befänden und nach Zugehörigkeit, Idealen und einem eigenen Stil suchten, der sie von der Welt der Erwachsenen abhebe, fand Becker in einer Studie über rechte Cliquen heraus. „Dass Rechtsextremismus etwas ,Verruchtes’, den Reiz des Verbotenen und damit der Exklusivität an sich hat, macht ihn für manchen Jugendlichen noch attraktiver, weil sich damit Rebellion ausdrücken lässt“ – für junge Männer und Frauen übrigens nahezu gleichermaßen. Beckers Forschungen haben ergeben, dass Frauen in rechten Cliquen jedoch eher die Rolle der „Einheizer“ übernehmen, „zuschlagen tun dann aber die Jungs“.
Ausstieg ist schwierig
Mit einer „regelrechten Erlebniswelt“ aus so genannten „großen Fahrten“, Kameradschaftsabenden und Konzerten werde die Bindung dann weiter intensiviert. „Und je tiefer sie da drin sind, desto schwieriger kommen sie wieder raus.“ Aus Sicht Beckers ist das mehr als eine Binsenweisheit, sondern traurige Realität, wie Ausstiegswillige am eigenen Leib erführen.
Rechte Tendenzen öffentlich machen / rechts orientierte Jugendliche annehmen
Wer sich rechtem Gedankengut unter Jugendlichen entgegen stellen wolle, dem empfiehlt Becker zum einen, entsprechende Tendenzen etwa an Schulen nicht unter den Teppich zu kehren, sondern zu thematisieren und so öffentlich zu machen. Vor allem aber gehe es darum, rechte Jugendliche nicht auszugrenzen und anzuprangern, sondern als tolerante Jugendorganisation auf sie zuzugehen, ihnen Halt in den eigenen Gruppen zu geben und deutlich zu machen: „Wir brauchen Dich auch.“
Über konstruktive Werte wie Toleranz, Menschenrechte und Demokratie sprechen
Michael Ziegler, katholischer Jugendarbeiter aus Bürstadt und Diözesanleiter der Katholischen Jungen Gemeinden (KJG) im Bistum Mainz, stellte in Südhessen zusammen mit Gleichgesinnten dem musikalisch verpackten rechten Gedankengut eine Alternative für Demokratie und Toleranz entgegen: Mit ihrer eigenen Schulhof-CD „respect“, auf der unter anderem die Band „Silbermond“ zu hören ist, gingen sie auf Schulhöfe und in Klassenzimmer, sprachen mit Schülern und Lehrern über rechtes Gedankengut, stellten Arbeitshilfen für Lehrer und Gruppenleiter zur Verfügung. „Uns ging es vor allem darum, nicht einfach nur ,gegen rechts’ zu sein, sondern auch deutlich zu machen, wofür wir stehen“ – nämlich für Toleranz, Menschenrechte und Demokratie.
Aufgaben kirchlicher Jugendarbeit
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Für Pfarrerin Gabriele Scherle, die als Pröpstin für Rhein-Main auch die evangelische Kirche im Frankfurter „Römerberg-Bündnis“ gegen Rechts vertritt, ist „alle Jugendarbeit Prävention“ gegen das Abdriften in rechtes Gedankengut, wenn sie Jugendliche motiviere, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, andere zu respektieren, sich zu engagieren und echte Gemeinschaft zu erleben. Es sei gerade die Aufgabe der kirchlichen Jugendarbeit, dafür Räume zu eröffnen und vor allem echtes Interesse an der Lebenswelt und den Erwartungen junger Menschen zu zeigen. „Wir sind unseren Jugendlichen in den letzten 25 Jahren eine Menge Antworten auf Fragen nach Gott und Glauben schuldig geblieben.“ Zudem müsse sich die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) mit der Frage auseinandersetzen, „ob wir unser Geld lieber in Gebäude oder in Menschen investieren“, erklärte die Pröpstin zur Frage nach langfristig zurückgehenden Finanzmitteln und der Prioritätendebatte in der EKHN.
[Presseteam des Jugendkirchentages ]
zurück | letzte Aktualisierung: 05.06.2008 | copyright by EKHN