Frieden
Dem Grau der israelisch-palästinensischen Mauer mit den Farben des Friedens begegnen
Christliche Schule in der Westbank droht abgeschottet zu werden / Ausstellung über Kunstwerke auf der Mauer
In dieser Schule lebt die Hoffnung auf Frieden im Nahen Osten: Im Schülerzentrum „Talitha Kumi“ bei der palästinensischen Kleinstadt Beit Jala unterrichten eine christliche Religionslehrerin und ein Lehrer für islamische Religion einmal pro Woche gemeinsam die Schüler der elften Klasse. Die christliche Privatschule, die auch muslimische Schüler aufnimmt, hat sich den achtungs- und rücksichtsvollen Umgang mit den Mitmenschen zum Ziel gesetzt – unabhängig welcher Religion er angehört. Doch nun ist diese Schule davon bedroht, eingemauert zu werden.
Mit Kunst die Gewalt überwinden
Die Sperrmauer, die israelisches von palästinensischem Gebiet trennt, rückt näher. Pfarrer Andreas Goetze, einer der Nahostexperten in der EKHN, erklärt: „Schülerinnen und Schüler, Arbeitskräfte in Talitha Kumi, die nicht in der Bethlehem-Region leben, können dann die Schule nicht mehr erreichen. Talitha Kumi wird tatsächlich abgeschnitten von ihren Olivenplantagen, die sich dann jenseits der Mauer befinden, aber die noch ganz in der Westbank liegen. Diese Mauer ist ein weiteres Beispiel für Landenteignungen.“ Doch Andreas Goetze unterstreicht auch, dass die Mauer helfe, die Sicherheitsinteressen der Israelis zu wahren. Anlass für den Bau waren Selbstmordattentate militanter Palästinenser. So äußerten Israelis dem Pfarrer gegenüber, dass ihr Leben durch ein ständiges Gefühl der Bedrohung belastet sei. So fahren beispielsweise einige auf ihrem täglichen Weg zur Arbeit an Orten vorbei, an denen Menschen durch Terrorangriffe ums Leben kamen. Die Mauer gewährleiste nun, dass Israelis ein gefahrloseres Leben führen können.
Veranstaltungs-Tipps:
Bilder an der Mauer:
Eine Fotoausstellung
vom 26. April bis 28. Mai (PDF)
weitere Veranstaltungen zum interreligiösen Dialog
Ev. Emmausgemeinde Jügesheim
Berliner Straße 2
63110 Rodgau
Telefon: 06106 - 3673
Telefax: 06106 - 644005
ev.emmausgemeinde.juegesheim@ekhn-net.de
www.emmaus-juegesheim.de
Noch lässt die Lösung für Nahost, mit der Israelis und Palästinenser gut leben können, auf sich warten. Doch es gibt Künstler, die die Gewaltspirale phantasievoll durchbrechen wollen. Zusammen mit israelischen und palästinensischen Friedensaktivisten setzen sie mit ihren Bildern auf dem grauen Beton der Mauer ein Zeichen. "Die Lage ist schlimm, aber wir lassen uns nicht vom Hass überwinden. Dem Grau der Mauer begegnen wir mit den Farben des Friedens. Denn jede Mauer wird mal brechen", sagte einer der Jugendlichen aus der evangelischen Schule Talita Kumi.
Ausstellung mit Begleitprogramm in Rodgau-Jügesheim
Die Evangelische Emmausgemeinde, in der Andreas Goetze als Pfarrer arbeitet, präsentiert nun Fotos dieser Kunstwerke in der Ausstellung „Bilder an der Mauer“ im Evangelischen Gemeindezentrum in Rodgau-Jügesheim vom 26. April bis zum 28. Mai 2009. Eine Reihe von Begleitveranstaltungen, wie Konzerten, Filmabenden, Vorträgen und Gesprächen mit Gästen aus dem Libanon und aus Palästina eröffnen die Gelegenheit, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und etwas über Hintergründe des Nah-Ost-Konfliktes zu erfahren.
Bilder an der Mauer:
Eine Fotoausstellung
vom 26. April bis 28. Mai (PDF)
Appell an Weltgemeinschaft, aktiv zu werden
Einige Mauer-Künstler beabsichtigen mit ihren Bildern, dass sich die Weltöffentlichkeit für den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern interessiert. So sprayen beispielsweise zwei palästinensische Akademiker aus Ramallah SMS-Botschaften von Menschen aus unterschiedlichen Ländern der Erde auf den Beton. Könnte die Weltgemeinschaft überhaupt etwas im Hinblick auf eine friedliche Lösung bewirken? Engagiert antwortet Pfarrer Andreas Goetze: „Die Weltgemeinschaft könnte vieles tun!“ So sollten keinesfalls antisemitische Äußerungen geduldet werden, hier seien vor allem die Vertreter arabischer Staaten gefordert, aber auch die gesamte Weltgemeinschaft. Außerdem sollten alle Staaten die Existenz Israels und seine Sicherheitsinteressen anerkennen und unterstützen.
Deutlich solle man sich von rechtsradikalen Politikern, die derzeit in der israelischen Regierung sind, absetzen und sich nicht mit ihnen treffen. Die Unterstützung des Staates Israel solle mit der Umsetzung der UN-Resolutionen verknüpft werden. Insbesondere gehe es um einen Stopp des Siedlungsbaus und von Landenteignungen und um die Forderung nach ungehinderter Wareneinfuhr von Lebensmitteln und Medikamenten z.B. in den Gaza-Streifen. Es sei für die Region nicht friedensfördernd, wenn in der UNO mit zweierlei Maß gemessen werde. Schließlich tritt der evangelische Nahostexperte dafür ein, die demokratisch gewählte palästinensische Regierung insofern anzuerkennen, dass man mit ihr Gespräche führe. Dazu gehöre die Unterscheidung zwischen dem politischen Arm der HAMAS und ihren militärischen Flügeln.
Einschätzung der politischen Lage
Die Mauer im Heiligen Land
Seit dem Jahr 2002 wird eine rund acht Meter hohe Sicherheitsmauer gebaut, die israelisches von palästinensischem Gebiet trennt. Ziel war es, die israelische Bevölkerung vor den terroristischen Angriffen militanter Palästinenser zu schützen. Denn der Staat Israel hat wie jedes andere Land auch das Recht, innerhalb sicherer Grenzen existieren zu können. Wenn die Barriere fertig gestellt ist, wird die sie rund 700 km lang sein. Allerdings verläuft sie teilweise nicht genau entlang der "Grünen Grenze" von 1967, sondern reicht streckenweise weit in palästinensisches Land und orientiert sich mehr an den illegal gebauten jüdischen Siedlungen und den Wasserressourcen als an der völkerrechtlich akzeptierten Grenze.
Gegenwärtig werden allerdings weitere jüdische Siedlungen auf palästinensischem Gebiet geplant. Auch die Worte des Außenministers der neu gewählten israelischen Regierung, Avigdor Lieberman, stimmen Pfarrer Goetze nachdenklich. So hat der Außenminister zu seinem Amtsantritt im Frühjahr 2009 erklärt, dass Israel sich auf einen Krieg vorbereiten müsse, um Frieden zu erzielen.
„So lange Landenteignungen so weitergehen wie bisher, werden die Palästinenser in zunehmend kleiner werdenden Enklaven leben, wirtschaftlich und politisch ohne Chance. Dem radikalen Potential, das dann hochkommt, versucht die israelische Regierung mit Härte zu begegnen“, umreißt Andreas Goetze die Lage. Er hält es deshalb für möglich, dass sich die Spirale der Gewalt irgendwann überdrehen könnte und sich der Konflikt verschärfen könnte. „Israelische Friedensgruppen sagen deshalb auch: es ist gerade für die Sicherheit und das Überleben des Staates Israel wichtig, einen souveränen Staat Palästina zu haben - und zwar als politische Einheit auf der Westbank und mit dem Gaza-Streifen“, erklärt Goetze. Allerdings müsste Israel seine Landenteignungen dafür rückgängig machen und käme um den Konflikt mit den Siedlern nicht herum.
Einen Hoffnungsschimmer gibt es: Die Kunstwerke auf der Mauer drücken selten Hass oder Rachegelüste aus. Eher machen sich Ironie, manchmal Witz bemerkbar, oft auch der Optimismus, dass dieses Bauwerk nicht von langer Dauer sein wird.
[Rita Deschner / AG / DB]
zurück | letzte Aktualisierung: 30.04.2009 | copyright by EKHN