Frieden

4. Juni 2010

Politisches Engagement für internationale Jugendbegegnungsstätte in Palästina erreicht Etappensieg


Evangelischer Palästinenser kämpft um sein "Zelt der Völker"

 

Daoud Nasar, evangelischer Christ und Palästinenser, kämpft mit seiner Familie um sein Land, zu dem die internationale Jugendbegegnungsstätte „Zelt der Völker“ gehört. Es liegt einige Kilometer südlich von Bethlehem in den vom Staat Israel besetzten Gebieten. Die israelische Militärverwaltung hatte angeordnet, die Bauten auf dem Grundstück abzureißen.
Nun haben vorerst politisches Engagement und Solidarität einen Etappensieg erreicht: „Der Oberste Gerichtshof Israels hat eine einstweilige Verfügung veranlasst, damit das Militär vorerst nicht mit der Zerstörung der Gebäude beginnt“, so lauten die Zeilen in einer E-Mail von Daoud Nasser, die er Vertretern der Evangelischen Kirche in Deutschland am 3. Juni 2010 geschrieben hat. Zuvor hatten evangelische Christen wie EKHN-Pfarrer Andreas Goetze dazu aufgerufen, Sodidaritässchreiben zu senden.

Die Solidaritätsaktion

Hintergrund ist, dass die israelische Militärverwaltung angeordnet hat, Bauten des Projektes „Zelt der Völker“, die auf Daoud Nassers Grundstück im Westjordanland nahe Bethlehem stehen, abzureißen. Zunächst wurde der förmliche Widerspruch gegen den Abriss von der Besatzungsverwaltung zurück gewiesen.

Doch dann meldete sich Bischof Martin Schindehütte, der Leiter der Hauptabteilung „Ökumene und Auslandsarbeit“ im Kirchenamt der EKD zu Wort. Der Bischof protestierte gemeinsam mit anderen Kirchenvertretern bei der israelischen Botschaft in Berlin und forderte eine Aufhebung der Anordnung. Dem Rechtsanwalt des Palästinensers Daoud Nasser ist es schließlich gelungen, Berufung beim Obersten Gerichtshof Israels einzureichen, um die geplante Zerstörung zunächst zu unterbinden. „Ich glaube, dass durch all den Druck, durch eure Reaktionen, durch die Briefe, die ihr an eure Regierungen und an die israelischen Stellen geschickt habt, die einstweilige Verfügung erreicht werden konnte“, schrieb Nassar. Nun hat allerdings die Militärbehörde 60 Tage Zeit, Einspruch zu erheben. Nassar vermutet, dass eine Gerichtsverhandlung bevorsteht.

Begegnungsstätte für junge Menschen

Der Hügel der Familie Nasar gilt als der letzte Hügel zwischen Jerusalem und Hebron, den die jüdischen Siedler noch nicht besetzt haben. Daoud Nasar sagt: „Es ist eine feindselige Nachbarschaft. Doch wir weigern uns, Feinde zu sein“. Dieser Spruch ist auf einem Stein auf dem Weg zum Weinberg eingemeißelt: in Arabisch, Englisch und Deutsch. Deshalb heißt der Berg „Tents of Nations“ und deshalb wird auf diesem Land mit seinen 4000 Olivenbäumen, unzähligen Weinstöcken und Aprikosenbäumen mit einheimischen und ausländischen jungen Menschen gefeiert, gekocht, diskutiert, gelernt, Theater gespielt.

Palästinensischer Eigentümer mit Besitzurkunde

Das Grundstück auf dem Hügel gegenüber der israelitischen Siedlung Newe Daniel gehört nach offiziellen Dokumenten seit 1916 der Familie Nasar. „Als unser Urgroßvater diesen Hügel kaufte, regierte noch der Sultan. Die aus dem Osmanischen Reich stammende Besitzurkunde müssen sogar die jüdischen Siedler anerkennen“. Daoud Nasar, geboren 1970, spricht ausgezeichnet Deutsch. Er hat in TALITA KUMI, der evangelisch-lutherischen Schule bei Bethlehem, sein Abitur gemacht und später die Hotelfachschule in Linz/ Österreich absolviert.

Teure Neuregistrierung des Besitzes

Die israelische Militärverwaltung versuchte über Jahre, der Familie das Landstück wegzunehmen und der Siedlung Newe Daniel zuzuschlagen. Nur mit Hilfe internationaler Unterstützung und der lutherischen Kirche konnte mit der Zahlung von 15.000 USD das Eigentum der Familie Nasar bei den israelischen Behörden neu registriert werden. Und das, obwohl die Familie bereits im Besitz rechtsgültiger Papiere war. Doch nach der Neuregistrierung änderte die Besatzungsmacht umgehend die Zoneneinteilung der Westbank. Plötzlich war es „illegal“, baulichen Veränderungen auf dem Grundstück vorzunehmen.

Die Regel: Die meisten Palästinenser verlieren ihr Land

Andere palästinensische Familien haben ihr Land bereits verloren. Der Staat Israel erklärt dann das Grundstück für ein militärisches Sperrgebiet, nach einer Weile kommen jüdische Siedler mit Wohnwagen, für die dann schnell Wasser- und Stromleitungen gelegt werden. Schließlich werden erste Häuser gebaut und wieder ist ein Hügel in der Westbank erfolgreich in jüdischer Hand.

Unterstützung von europäischen Juden

Von europäischen Juden nahm der evangelische Palästinenser allerdings positive Signale wahr: Nachdem jüdische Siedler 250 Olivenbäume auf seinem Land gefällt haben, kam Hilfe: „Die Europäischen Juden für gerechten Frieden in Palästina“ erfuhren von der Zerstörung und stifteten 250 neue Olivenbäume und kamen auch, um beim Pflanzen zu helfen. „Das ist unvergesslich“, meint Nasar, „man kann etwas gegen die Spirale der Gewalt tun“.

Blick in die Zukunft ausgerichtet

Die Familie Nasar hat sich entschlossen, den Kampf um ihr Eigentum mit dem Aufbau eines Friedensprojektes zu verbinden. Im Februar dieses Jahres wurde eine für die Region zukunftsweisende Solarenergieanlage installiert. Geplant ist, in Zusammenarbeit mit der Organisation „Grünhelme“ Lehrwerkstätten einzurichten.

 

[Andreas Goetze / Rita Deschner]