Frieden

26. August 2010

Konflikte in Krisenregionen mit dem Zivilen Friedensdienst lösen


Ausstellung informiert über die Arbeit von Friedensfachkräften

 

Wenn nichts gut in Afghanistan sein soll – was ist dann besser als ein Militäreinsatz in Krisengebieten? „Die Arbeit des Zivilen Friedensdienstes kann eine Alternative zu militärischen Interventionen sein,“ erklärte Mechthild Gunkel, Pfarrerin für Friedensarbeit in der EKHN, im Rahmen der Eröffnung der Ausstellung „Wir scheuen keine Konflikte“ am 25. August 2010 im Zentrum Ökumene der EKHN. Die Friedenspfarrerin hebt hervor: „Mit der Ausstellung zeigen wir, dass es tatsächlich möglich ist, Konflikte auf friedliche Weise zu lösen.“
Gabriele Scherle, Pröpstin für Rhein-Main, die den Eröffnungsvortrag hielt, unterstrich ihre Wertschätzung für die Arbeit der Friedensfachkräfte: „Die Aufforderung Jesu zum Frieden hat auch eine politische Dimension. Wer wissen will, wie heute die Antwort darauf aussieht, findet sie in der Arbeit des Zivilen Friedensdienstes.“

Die Pröpstin legte Lehrerinnen und Lehrern, Pfarrerinnen und Pfarrern und Bildungsverantwortlichen ans Herz, die Ausstellung selbst zu präsentieren. „So lässt sich im Unterricht oder in Gruppen und Kreisen mit Menschen über dieses Thema ins Gespräch kommen. Außerdem besteht die Möglichkeit, Friedensfachkräfte einzuladen.“

Wer auf die friedliche Lösung von Konflikten aufmerksam machen will, wird von einem breiten Angebot an pädagogischen Materialien wie dem „Werkzeugkasten“ zur Friedensarbeit, Arbeitsblättern und Büchern unterstützt.

Reale Wundergeschichten über den Frieden

„Die Heilung traumatisierter Menschen ist ein langer Prozess und funktioniert nur über Vertrauen,“ so die Erfahrung von Pfarrer Andreas Günther, der als Friedensfachkraft von Dezember 2006 bis Mai 2008 für den Zivilen Friedensdienst in Bosnien unterwegs war. Über sein Engagement und die Begegnungen mit Menschen, die durch den letzten Balkan-Krieg traumatisiert wurden, berichtete er auf der Eröffnungsveranstaltung. Die Arbeit der Organisation veranschaulichte er anhand seiner eigenen Erfahrungen:

Begegnung der Religionen: Misstrauen wandelt sich in Interesse und Respekt

„Als ich nach Derventa, einer Kleinstadt in Bosnien kam, wollten die Mitglieder der verschiedenen Religionsgemeinschaften wenig voneinander wissen. Selbst orthodoxe Christen hegten Misstrauen gegenüber den Katholiken und umgekehrt. So waren manche Christen der beiden Konfessionen sehr erstaunt, als sie erfuhren, dass die Grundlage ihres Glaubens die selbe ist: Die Heilige Schrift. Als Friedensfachkräfte bildeten wir ein Team mit Angehörigen der muslimischen, der katholischen und der orthodoxen Gemeinschaft. Mein Anliegen war es, die Menschen für das starke Friedenpotential der Religionen zu sensibilisieren und Vertrauen zu schaffen. Es war ein schöner Erfolg, als alle drei Gotteshäuser ihre Türen geöffnet haben, um Mitglieder der anderen Glaubensgemeinschaften einzuladen und über ihre Religion zu informieren.“

 

Freundschaftsspiel mit ehemaligen Kriegsgegnern

„Eines Tages kam zu unserem lokalen Team ein Serbe, der im Krieg sein Bein durch eine Mine verloren hat. Nach dem Krieg ist er in eine tiefe Depression gefallen, doch dann hat er in einem Veteranenbund Gleichgesinnte gefunden, mit denen er Volleyball im Sitzen spielt. Die Erfahrung, trotz dieser Behinderung Menschen begegnen und sich bewegen zu können, erlebteer als einen wichtigen Schritt seiner Traumaheilung. Der serbische Veteran hatte in einem Traumazentrum erfahren, wie sich Traumatisierungen auf Menschen auswirken und was es bedeutet, wenn sie sie in ihre Familien tragen. Diese Erfahrungen bringt er nun in seine Veteranen-Sportgruppe ein. Es hat über ein Jahrzehnt gedauert, bis er sagte: `Das war die erste Nacht, in der ich richtig durchgeschlafen habe.´
Dann entstand die Idee, gegen eine kroatische Veteranenmannschaft zu spielen. Nach dem Spiel saßen dann die Männer, die während des Krieges auf gegnerischen Seiten gekämpft hatten, zusammen und tranken gemeinsam Raki. Übrigens: Wenn ich von Veteranen spreche, dann sind das oft Menschen in meinem Alter – Mitte dreißig.“

Voraussetzung für Respekt: Die andere Wahrheit gegenseitig gelten lassen

Mechthild Gunkel
Quelle: EKHN/Desch
Pfarrerin Mechthild Gunkel erklärt anhand der Ausstellungs-Plakate, wie Friedensfachkräfte im Nahen Osten, Kambodscha und im Kongo den Dialog zwischen (ehemaligen) Gegnern ermöglichen

Welche innere Haltung braucht es, um Feindschaft und Hass schmelzen zu lassen? „Ich begegne den Menschen mit der Haltung eines Seelsorgers, das heißt: urteilsfrei,“ erklärt Pfarrer Günther. Grundsätzlich sieht er Konflikte nicht als etwas Negatives, sondern als Chance zur Entwicklung. Aber er betont: „Gewalt verhindert Entwicklung!“ Deshalb sei es wichtig, die unterschiedlichen Perspektiven der Menschen, die an einem Konflikt beteiligt sind, zu hören und sie als Wahrheit für die Betroffenen gelten zu lassen. „Auch wenn meine Wahrheit eine andere ist, ist es dann möglich, respektvoll miteinander zu leben.“ In den Begegnungen spürte er, welche nachhaltige Wirkung diese Arbeit haben kann. „Als ich ankam, herrschte eine große Depression im Land. Und die Menschen ahnten: Wenn wir das Vergangene nicht aufarbeiten, werden sie in 50 Jahren wieder einen Krieg haben. Großes Potential für friedliche Gemeinschaftserlebnisse habe ich vor allem bei Begegnungsprojekten mit Jugendlichen erfahren.“ Heute arbeitet Andreas Günther als Pfarrer in der Gießener Lukasgemeinde und freut sich: „Hier kann ich einfach in den Wald gehen ohne zu befürchten, auf eine Mine zu treten.“

Der Zivile Friedensdienst

Was hinter dem Zivilen Friedensdienst steckt, erklärte Bernd Rieche: „Wir sind eine Gemeinschaftswerk mit staatlichen und nicht-staatlichen Partnern. Unsere Arbeit wird vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung finanziert.“ Seit 1999 seien für den Dienst mehr als 500 speziell ausgebildete Friedensfachkräfte in rund 50 Ländern im Einsatz. Sie behandeln traumatisierte Menschen, bringen die Anliegen benachteiligter Gruppen in die Öffentlichkeit oder begleiten ehemalige Soldaten auf dem Weg ins zivile Leben.

Die Ausstellung ist bis Mitte Januar im Zentrum Ökumene zu sehen und kann dann ausgeliehen werden. Nachdrucke der Plakate können jederzeit kostenlos bestellt werden. Umfangreiches Unterrichtsmaterial ist ebenfalls vorhanden.

 

[Rita Deschner / MG]