Bericht

 

9. März 2009

"Gottes Wort soll ungebunden sein, damit es uns losbinden kann"

Zeitzeugengespräch mit dem Sohn Martin Niemöllers

 

Heinz-Hermann Niemöller
Quelle:EKHN/Desch
Lebendig erzählte der promovierte Mediziner Heinz-Herrmann Niemöller von seinem Vater

Die Reduzierung auf das Wesentliche, seine Souveränität und seine militärisch-strategische Denkweise seien starke Züge der Persönlichkeit seines Vaters gewesen, berichtete Dr. Heinz-Hermann Niemöller, der Sohn Martin Niemöllers, am 6. März in der Evangelischen Stadtakademie in Frankfurt am Main. Anlass war eine Veranstaltung der Hessischen Kirchengeschichtlichen Vereinigung am 25. Todestag von Martin Niemöller. Während der NS-Zeit war dieser ein führendes Mitglied der Bekennenden Kirche, wurde 1937 verhaftet und seit 1938 als persönlicher Gefangener Adolf Hitlers bis zum Kriegsende in Konzentrationslagern gefangengehalten. Von 1947 bis 1964 war er der erste Kirchenpräsident der EKHN.

Nach einem einführenden Grußwort des Kirchenpräsidenten der EKHN, Dr. Volker Jung, und einem Vortrag von Privatdozent Pfarrer Dr. habil. Michael Heymel schilderte Dr. Heinz-Herrmann Niemöller in einem Zeitzeugengespräch mit der Historikerin Anette Neff, wissenschaftlicher Projektmitarbeiterin im Zentralarchiv der EKHN, wie er seinen Vater erlebt hat. Seine Erfahrungen veranschaulichte er den Zuhörern mit einigen Beispielen:

Der souveräne Stratege in gefährlicher Situation

Gottstein und Niemöller Vergrößerung Zwei Mediziner im Gespräch vor Beginn der Veranstaltung: Prof. Dr. Ulrich Gottstein (links) und Dr. Heinz-Herrmann Niemöller (rechts)
Gruppenbild Vergrößerung Christian Niemöller, der Enkel Martin Niemöllers und seine Frau (Mitte) wurden gerade von Kirchenpräsident Dr. Jung (links) und Kirchenarchivdirektor Holger Bogs (rechts) begrüßt
Ute Knie Vergrößerung

Pfarrerin Ute Knie, die Leiterin der Evangelischen Stadtakademie, begrüßte die Gäste

 

Plenum Vergrößerung Gäste der Veranstaltung der der Hessischen Kirchengeschichtlichen Vereinigung
Kirchenpräsident Jung Vergrößerung Kirchenpräsident Jung sprach das Grußwort
Michael Heymel Vergrößerung In seinem Vortrag konzentrierte sich Pfarrer Dr. Michael Heymel auf die Predigten Martin Niemöllers
Anette Neff und Heinz-Hermann Niemöller Vergrößerung Die Historikerin Anette Neff mit Dr. Niemöller im Gespräch
Heinz-Hermann Niemöller Vergrößerung Heinz-Herrmann Niemöller berichtete über die Zeit des Nationalsozialismus und die ersten Anfänge in Hessen und Nassau
Quelle: EKHN/Desch

„Nachdem mein Vater aus dem Gerichtsgebäude Moabit nach Sachsenhausen transportiert wurde, ist er dem Lagerkommandanten vorgestellt worden. Auf dessen Schreibtisch entdeckte mein Vater seine eigene Bibel und sein Gesangbuch. Der Kommandant sagte, dass er nicht wisse, was er mit ihm machen solle, da er noch keine Direktive erhalten habe. Daraufhin antwortete mein Vater: `Wenn Sie keine Anweisungen haben, dann gebe ich ihnen jetzt eine: Geben Sie mir sofort meine Bibel und mein Gesangbuch zurück!´ Und er erhielt tatsächlich die beiden Bücher zurück.“

Zusammenhalt in der Familie

Der Mediziner, der unter anderem in den USA in Yale gearbeitet hat, erinnerte sich, dass seine Familie sich während der Gefangenschaft seines Vaters große Sorgen um dessen Gesundheitszustand gemacht habe. Eines Tages habe dann seine Schwester Herta mit einer Freundin einen Brief an Adolf Hitler geschrieben. Er sei in diesem Stil verfasst worden: „Lieber Führer, kannst du nicht etwas für Pfarrer Niemöller tun, er sitzt im Konzentrationslager Sachsenhausen bei Wasser und Brot.“ Diesem Brief folgten zwei unterschiedliche Reaktionen: Nach ein paar Tagen erhielt Frau Niemöller einen Anruf aus der Reichskanzlei. Man erinnerte sie daran, dass es unter Strafe stehe, Details aus den KZs nach außen zu geben. Die zweite Reaktion kam aus dem KZ selbst: Der Vater erhielt plötzlich die doppelte Nahrungsration. „Das war möglicherweise lebensrettend,“ so der Sohn. Einen Teil der Portionen konnte Martin Niemöller sogar einem anderen Häftling abgeben.

Martin Niemöller in Hessen und Nassau

Die erste Station Martin Niemöllers in Hessen sei eine Villa in der Wiesbadener Parkstraße gewesen, berichtete Heinz-Herrmann Niemöller. Dort sei sein Vater durch die Amerikaner interniert gewesen. In Büdingen erhielten die Niemöllers schließlich in dem Schloss des Fürsten Ysenburg eine Wohnung. Zuvor hatte Martin Niemöller bei der amerikanischen Besatzung die Freilassung des Fürsten Otto, den er getraut hatte, erwirkt.
Schließlich beschrieb Heinz-Hermann Niemöller die Haltung seines Vaters zu seinem Amt als Kirchenpräsident der EKHN: „Er hat sein Amt als eine Aufgabe angesehen, die ihm von Gott gegeben wurde, als eine Berufung im besten Sinne. Sie oblag nicht nur allein seiner Entscheidung, sondern der Gnade Gottes.“

Die Predigten Niemöllers

Thomas Mann über die Dahlemer Predigten Niemöllers:
„Ich habe sie mit Gefühlen gelesen, für die Sympathie ein sehr schwacher Ausdruck ist, mit Ergriffenheit, mit der gleichen Erschütterung, die die Hörer im überfüllten Kirchenschiff durchbebte, als sie gesprochen wurden und die zu vollständig ungemeinen Szenen führte, zu ganz unzeitgemäßen Vorgängen, wie dass die Menschen draußen auf dem Pflaster vor der Kirche auf ihre Knie fielen und den Luther-Sang anstimmten:  `Eine feste Burg ist unser Gott.´“

„In seinen Predigten hielt sich Niemöller streng an den biblischen Test, er kam direkt und ohne Umschweife zur Sache und der Inhalt war auch für den schlichten Zuhörer fassbar,“ so beschrieb der Tehologe PD Dr. habil. Michael Heymel in seinem Vortrag die Qualität der Predigten Martin Niemöllers. Heymel arbeitet derzeit über die Dahlemer Predigten, die das Zentralarchiv der EKHN aufbewahrt. Am 13. Oktober 2005 war die Sammlung um die Mitschriften von Barbara Löwenberg, einer Konfirmandin Niemöllers, ergänzt worden. Die Tochter eines evangelischen Christen jüdischer Herkunft hatte unter der Kanzel in Berlin-Dahlem 58 Predigten mitstenographiert, anschließend transkribiert und die Texte ins Ausland geschmuggelt.

Die Wirklichkeit im Licht des Evangeliums wahrnehmen

Die Ursache der erschütternden Wirkung von Niemöllers Predigten war, dass er immer wieder damit anfing, Jesus neu zu entdecken, er zog sich nicht auf konventionelle Gedanken zurück, so Heymel. In diesem Zusammenhang zitierte er Niemöller: „Die stumme Kirche, die nicht mehr sagt, wozu sie da ist, verleugnet sich selbst.“ Heymel hob das besondere Treueverhältnis Niemöllers, seinen Glauben an Jesus Christus hervor: Jesus Christus sei derjenige, dem wir allein zu vertrauen und zu gehorchen haben. Über den Ärger einiger evangelischer Christen während des Nationalsozialismus, dass Gott durch seinen Sohn ausgerechnet im jüdischen Volk Mensch geworden sei, entgegnete Niemöller: „Wir sollen und müssen wieder lernen, dass Gottes Wort ungebunden sein soll, damit es uns losbinden kann.“ Und so verkündete Niemöller die Weisungen des Evangeliums, auch wenn sie der herrschenden Meinung widersprachen.
Während in seinen Predigten die Verkündigung des Evangeliums im Vordergrund stand, äußerte sich Niemöller in Reden und Diskussionbeiträgen als Christ zu aktuellen, politischen Themen und bezog scharf pointiert Stellung. Wegweisend sei sein Stuttgarter Vortrag „Weg ins Freie“ im Jahr 1946 gewesen. Heymel erinnerte, dass Niemöller in einprägsamen Bildern die Zuhörer aufforderte, die Schuld ihres Volkes zu übernehmen.

Bedeutung heute

„Seine Bereitschaft zur Umkehr ist für mich der stärkste Eindruck, der sich mir  in der Begegnung mit Martin Niemöller aufdrängte,“ so Dr. Michael Heymel. Außerdem hob er die Fähigkeit Niemöllers hervor, die biblischen Texte auf die Gegenwart zu beziehen. Zukunftsweisend sei Niemöller darin gewesen, Jesus Christus immer wieder neu als Herrn zu predigen, vor dem wir uns in allen Lebensbereichen zu verantworten hätten.

Kirchenpräsident Jung über die Bedeutung Niemöllers

Dr. Volker Jung, der Kirchenpräsident der EKHN, wies in seinem Grußwort auf die Bedeutung Niemöllers für die Gegenwart hin. „Als EKHN sind wir immer wieder gefordert, uns in unseren aktuellen Debatten auch mit der Persönlichkeit und den Positionen Niemöllers auseinander zu setzten,“ betonte Jung. Hier nannte er Diskussionen um die Kirchenordnung und friedensethische Fragen. Der Kirchenpräsident erläuterte:„Was er gedacht und gesagt hat, hat dabei keinen normativen Anspruch. Das hätte er selbst von sich gewiesen. Normativ war auch für ihn allein Gottes Wort.“ Abschließend machte er auf eine Einsicht Niemöllers aufmerksam, die auf den Solidaritätspostkarten unter seinem Portrait abgedruckt waren. Sie sei auch für gegenwärtig zu treffende Entscheidungen relevant:

„Wir haben nicht zu fragen, wie viel wir uns zutrauen; sondern wir werden gefragt, ob wir Gottes Wort zutrauen, dass es Gottes Wort ist und tut, was es sagt!“

 


[Rita Deschner / KAD Holger Bogs]