Bericht

26. Mai 2005

Kirchenpräsident beschreibt Rückkehr der Religion

Kirche müsse auf veränderte Situation in der Gesellschaft reagieren


„Wo geht es mit der Kirche hin und wie ist die Lage der Kirche in der Gesellschaft?“ Diese Fragen stellte Kirchenpräsident Dr. Peter Steinacker gleich zu Beginn den gut 120 Delegierten der beiden Dekanatssynoden Bad Schwalbach und Idstein in Taunusstein-Hahn am vergangenen Mittwoch.
Seit dem 11. September 2001 sei eine „Rückkehr der Religion“ zu beobachten, so der leitende Theologe der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). Spätestens seit diesem Tag an sei auch die Kirche wieder stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Zwar sei die Kirche niemals verschwunden und immer in der Öffentlichkeit tätig gewesen, dies sei aber bedauernswerter Weise nicht so deutlich vernommen worden, wie man sich das wünsche.

Religion ist in die Politik zurückgekehrt

Steinacker sieht einen Grund für den Rückkehr der Religion ins öffentliche Bewusstsein darin, dass die Religion in die Politik zurückgekehrt sei. Gerade der Islam sei in den letzten Jahren wieder erstarkt und dieser kenne keine Trennung zwischen Staat und Religion. Aber auch die Erneuerung der Politik in den USA habe religiösen Charakter. So habe die amerikanische Führung für die Kriege in Afghanistan und Irak auch religiöse Begründungen gewählt.
Dass die Religion und speziell das Christentum aus dem öffentlichen Bewusstsein zurückgedrängt wurde, hat für den ehemaligen Gemeindepfarrer aus dem Rheinland mehrere Gründe. Religion bestimmte noch vor hundert Jahren die Gesamtheit der persönlichen Lebensführung und wurde nicht nur als Freizeitaktivität verstanden. Alle menschlichen Kulturleistungen wurden „zur Ehre Gottes“ getan. Diesen Satz schrieben beispielsweise Kaufleute immer über ihre Buchführung. Mittlerweile sehen die Kulturleistungen in sich selber einen Sinn und Religion sei nicht mehr im Zentrum, sondern nur noch ein Sektor.

Das Christentum ist in den Freizeitbereich abgewandert

Man könne leben, ohne Gott zu integrieren. „Religion ist in den Freizeitsektor abgewandert Das ist eine dramatische Verkürzung!“ Das habe zur Folge, dass Kirche in entscheidenden Ebenen oftmals nicht mehr präsent sei. Steinacker gab zu bedenken, dass das Christentum zudem nicht auf den Verlust der einstigen Monopolstellung gefasst war. Heutzutage befinde man sich in einer „Sinndeutungskonkurrenz“. Der 62 jährige ermutigte die Delegierten mehr über andere Gruppierungen und Religionen zu erfahren, um klar Stellung beziehen zu können.
Als Reaktion auf die veränderte Situation bezeichnete Steinacker die bereits 1988 begonnenen Reformbemühungen der EKHN.

Kirche muss mit ihrer Botschaft näher am Menschen sein

Als deren oberstes Ziel nannte er: „Die Evangelische Kirche muss mit Ihrer Botschaft näher bei den Menschen und deren veränderter Lebenssituation sein.“ Zudem müsse die Stimme der Kirche in der Gesellschaft und Öffentlichkeit deutlicher positioniert werden, andernfalls drohe die Gefahr der Versektung.
Um näher bei den Menschen zu sein, dort hinzugehen wo sie mit ihren Sorgen und Nöten sind, wage man deshalb einen Spagat zwischen der Stärkung der Kirchengemeinden einerseits und des Dekanats als geistlicher Größe andererseits. Kirchengemeinden könnten heute nicht mehr alles alleine machen, deshalb müsse das Dekanat Vernetzungen fördern und die Präsenz der Kirche in der Region stärken.

Großer Erfolg evangelischer Schulen

Die wichtigsten Handlungsfelder der Kirche, um nahe bei den Menschen sein zu können, seien der Gottesdienst und die Verkündigung, die diakonische Arbeit, die Seelsorge sowie die Ökumene und die Bildungsarbeit. Letztere habe man z.B. durch die Gründung einer Ehrenamtsakademie oder von Evangelischen Schulen vorangetrieben. Der Erfolg sei überwältigend, sagte Steinacker zu den Delegierten der Kirchengemeinden. „Es ziehen ganze Familien in den Einzugsbereich der Schulen, um ihre Kinder dort anzumelden.“

Priestertum aller Gläubigen stärken

Eine weitere wichtiger Aufgabe sei es Nichttheologen „zeugnisfähig“ zu machen. Ihnen schrieb Steinacker eine besondere Glaubwürdigkeit zu. „Gerade die Nichttheologen sind im Betrieb und im Alltag die überzeugenderen. Ihr Zeugnis ist für viele sehr viel eindrucksvoller.“ Kirche müsse es im Blick auf den voranschreitenden Traditionsabbruch gelingen ihre Mitglieder zeugnisfähiger zu machen, „sonst verlieren wir Hände und Füße“, zitierte der promovierte Theologe Martin Luther.

[Christian Weise]