Bericht - mit Statements

02. November 2006

Bibelhaus präsentiert die ältesten, erhaltenen Quellen des Neuen Testamentes

Die Ausstellung steht unter der Schirmherrschaft des Hessischen Ministerpräsidenten und des Kirchenpräsidenten der EKHN



Ab dem 4. November 2006 bis zum 30. April 2007 ist die Sonderausstellung „Alles ECHT. Älteste Papyrus-Schriften zur Bibel aus Ägypten“ im Bibelhaus am Frankfurter Museumsufer offen. Die Ausstellung führt an die ältesten erhaltenen Quellen des Neuen Testamentes heran - die Originale sind erstmalig in Deutschland zu sehen. Gezeigt werden 72 Originale aus dem 3. bis 9. Jahrhundert nach Christus. Dazu zählt das berühmte Chester Beatty-Fragment, dem wichtigsten Papyrus für das Matthäusevangelium. Die Exponate sind damit zugleich auch frühe Belege des Schrifttums aus der Kulturgeschichte der Menschheit. Es sind Papyri, Pergamente, Tonscherben als Schriftträger und mehr. Sie werden im Stil der Erlebnisdidaktik anschaulich, kreativ und zum aktiven Gestalten einladend präsentiert.
Die Ausstellung steht unter der Schirmherrschaft von Ministerpräsident Roland Koch und Kirchenpräsident Prof. Dr. Peter Steinacker.

 

Prof. Dr. Dr. h.c. Peter Steinacker,
Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau,
zur Eröffnung der Ausstellung:

In der Bibel finden wir das großartige Zeugnis von der Liebe und vom Erbarmen Gottes gegenüber uns Menschen. Die Bibel zu verstehen sowie ihre Botschaft weiter zu geben, in Wort und Tat, das ist die zentrale Aufgabe der Kirche. Insofern arbeitet das Bibelhaus mit seiner Ausstellung „Alles Echt“ am Zentrum unseres Auftrags. Es führt uns mit der Ausstellung so nahe an die historischen Zeugnisse von Jesus Christus heran, wie das nach heutigem Stand nur möglich ist.

In den vergangenen Monaten sind einige neue Bibelausgaben mit neuen Übersetzungen oder Übertragungen veröffentlicht worden: Bibel in gerechter Sprache, Volxbibel, Basis-B-Bibel, usw. Jede neue Übersetzung ruft Diskussionen hervor, die mit großer Heftigkeit geführt werden. Das zeigt, wie wichtig diese Texte für gläubige Menschen sind. Die Bibel wird als Glaubensgrundlage, als Heilige Schrift verteidigt.

Gerade weil das stimmt, muss die Kirche immer wieder vermitteln, dass die Bibel nicht direkt und in der heutigen Form vom Himmel gefallen ist. Dazu ist diese Ausstellung sehr gut geeignet.

Das Neue Testament, um das es hier in der Ausstellung geht, erzählt von Jesus Christus und der Glaubensbewegung, die sich auf ihn beruft. Obwohl man in den Evangelien zahlreiche Zitate von Jesus nachlesen kann, ist bei keinem gewiss, ob es wirklich original ist. Sollte es schon zu Lebzeiten schriftliche Zeugnisse von Jesus oder seinen Jüngern gegeben haben, so sind sie verschollen. Die ersten schriftlichen Zeugnisse, die heute noch bekannt sind, stammen vom Apostel Paulus und sind fast 30 Jahre nach dem Tod von Jesus verfasst. Das älteste überlieferte Evangelium, also eine Darstellung des Lebens von Jesus, ist wohl erst 70 Jahre nach seinem Tod geschrieben worden.

Rund 2000 mühsame Jahre haben die biblischen Texte in feuchten Gemäuern überdauert. Sie haben Menschen getröstet, aufgerüttelt und die Kirche in Atem gehalten. Die Bibel als Ganze ist uns nur erhalten, weil sie Generationen lang abgeschrieben wurde. Fleißige Mönche konnten die Bibel im Verlauf ihres Lebens vielleicht zwei oder drei Mal abschreiben. Manchmal taten sie es mit Fehlern, manchmal mit Kommentaren, manchmal in Ausschnitten. Dabei sind viele Varianten entstanden. Erst seit gut 500 Jahren, seit es den Buchdruck gibt, ist es relativ leicht geworden, die Bibel zu erhalten und zu verbreiten. Heute ist die Bibel das wohl meist gelesene Buch und in über 2400 Sprachen übersetzt.

Die moderne Bibelwissenschaft ist seit 100 Jahren intensiv damit beschäftigt, diesen Entstehungsprozess zu rekonstruieren und möglichst nahe an die Originaltexte heranzukommen. Die schriftliche Grundlage unseres Glaubens ist eine Art Puzzle. Und einige der ältesten Teile davon können Sie heute hier sehen.

Doch mit der Rekonstruktion der Texte ist es nicht getan. Die Buchstaben der Bibel sind nicht Gottes unmittelbares Wort. Wir können in ihnen aber mit Hilfe des Heiligen Geistes Gottes Wort erkennen. An dieser Stelle unterscheidet sich die Bibel grundsätzlich vom Koran. Der steht fest, Wort für Wort. Und zwar in Hocharabisch. Das verstehen zwar Muslime in Indonesien, der Türkei und Pakistan nicht. Aber dafür gibt es keine Übersetzungsprobleme. Die Bibel steht dagegen mitten im Getümmel der Übersetzungen, Interpretationen und möglicher Missverständnisse. Gottes Liebe ist über alle Zeiten hinweg dieselbe. Doch Menschen müssen diese Liebe für sich, für ihre Zeit, für ihre Sprache immer neu entschlüsseln. Dazu kann die Ausstellung ermuntern und ermutigen. Insofern ist die Bibel kein Museumsstück. Sie ist ein Schatz, dessen Wert immer neu gefunden werden muss.

Für Theologinnen und Theologen ist es ein Traum, diese Fragmente hier einmal aus der Nähe zu sehen. Christen können hier den frühesten erhaltenen Zeugnissen des Glaubens begegnen. Auf bibliophile Menschen warten frühe Zeugnisse des Büchermachens.

Die Exponate verdienen über die Grenzen unserer Kirche hinaus Deutschland weite Beachtung. Als EKHN sind wir froh darüber, dass sie hier in unserem Bibelwerk gezeigt werden und dass sie die Frankfurter Museumslandschaft bereichern.

 

 

Prof. Dr. Wolfgang Zwickel,
Seminar für Altes Testament und Biblische Archäologie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz,
zur Eröffnung:

Die Bibel – ein kulturelles Erbe

Kein anderes Buch hat die westliche Welt so sehr geprägt wie die Bibel. Unsere Kultur ist eigentlich ohne biblisches Wissen nicht vorstellbar. Die gesamte europäische Literaturgeschichte ist durchzogen von biblischen Themen und Anspielungen, ein Besuch in einer der großen Bildergalerien der westlichen Welt bleibt ohne entsprechende Kenntnis der Inhalte vieler auf den Bildern wiedergegebener Stoffe unverstanden, in der Architektur wurden immer wieder biblische Elemente (z.B. Kopien des himmlischen Jerusalems oder die Kreuzessymbolik im Kirchenbau) aufgegriffen. Aus diesem Grund ist es notwendig, die Bibel als ein Themenfeld unserer Kultur der Öffentlichkeit immer wieder vor Augen zu führen.

Die Bibel erfordert wissenschaftliche Auseinandersetzung

Man kann und darf die Bibel nicht auf eine reine persönliche Sache begrenzen. Wird der Umgang mit der Bibel zur reinen persönlichen Glaubenssache, wird die Bibel individuell und konturenlos. Mit der Präsentation einer wissenschaftlichen Ausstellung versuchen wir, gesicherte Grundlagen zur Bibel zu präsentieren. Damit soll die Bibel nachvollziehbar werden. Nur wer über entsprechende Informationen verfügt, der kann auch qualifiziert sich an der Diskussion beteiligen. Ein wichtiger Aspekt ist daher die Vermittlung solchen Grundlagenwissens.

Ohne die Bibel ist unsere heutige Sprache kaum vorstellbar

Die Bibel spielt bei der Entstehung unserer Schrift und unserer Traditionsüberlieferung eine zentrale Rolle. Als vor über 5000 Jahren in Ägypten und Mesopotamien die ersten Schriftzeugnisse verfasst wurden, war dies ein wesentlicher kultureller Fortschritt in der Menschheitsgeschichte. Aber sowohl Hieroglyphen als auch Keilschrift konnte nur eine Oberschicht lesen und schreiben. Eine erste Vereinfachung fand dann im Raume Syrien/Palästina im späten 2. Jahrtausend v.Chr. statt, als unser heutiges Alphabet „erfunden“ wurde. Die biblischen Texte sind die wichtigsten Überlieferungen aus jener Zeit, und sie haben viele Jahrtausende überdauert. Die biblischen Texte als ein zentraler Textbestand waren für die westliche Welt vielfältig die Grundlagen für das Lernen von Lesen und Schreiben vieler Gelehrter. Und sie waren eine zentrale Grundlage für die Entstehung des Buches, denn der Codex – unser heutiges Buch – wurde anfangs fast ausschließlich von Christen verwendet, während sonst die Leder- und Papyrusrollen viel gebräuchlicher waren. Wir bieten in dieser Ausstellung daher einen Überblick über die gesamte Geschichte der Schriftentwicklung von den Anfängen bis zu den Papyri und zum Codex, und damit einen Überblick über die Entwicklungsgeschichte des Schreibens und Lesens.

Mit Kleinigkeiten auf Entdeckung gehen

Viele der ausgestellten Papyri sind auffallend klein und auf den ersten Blick nur von geringer Bedeutung. Und trotzdem hängt gerade an diesen kleinen Exponaten oft viel, denn sie sind ein Beleg für die gute Textüberlieferung der Bibel. Kein anderes Buch der Antike ist auch nur annähernd so gut überliefert wie die Bibel. Während wir etwa vom Matthäusevangelium hier einen Papyrus aus dem 3. Jh. n.Chr. zeigen, haben wir von anderen antiken Schriftstellern vollständigere Textüberlieferungen erst ab dem 8. oder 9. Jh. Dies zeigt, dass die Bibel ein wichtiger literarischer Text in den vergangenen beiden Jahrtausenden war.

 

[Silvia Meier / RD]