Bericht
Friedhof für Fußballfans oder menschliche Asche in Amuletten?
Haltung der Kirche zum Wandel der Bestattungskultur: Propst fordert neue liturgische Formen und eine Reform des Friedhofs- und Bestattungswesens
Spätestens seitdem der Hamburger Fußball-Bundesliga-Club HSV plant, in der Sichtweite seines Stadions einen eigenen Friedhof für seine Fans zu errichten, ist klar: Die Bestattungskultur wandelt sich. Die Erdbestattung auf dem Friedhof, bei der der Verstorbene in einem Sarg in sein Grab herabgelassen wird, wird zunehmend zur Seltenheit. Heute wird bereits bei 70 Prozent der Verstorbenen eine Feuerbestattung durchgeführt.
Friedwald: Grabpflege soll nicht zur Last werden
„Auch die Variante Friedwald ist in unserer Landeskirche immer stärker gefragt,“ erklärte Pfarrer Dr. Klaus-Volker Schütz, Propst für Rheinhessen. In einem Friedwald lassen sich Bäume erwerben, neben deren Wurzeln die Verstorbenen bestattet werden.
„Wir wollen unseren Kindern später nicht zur Last fallen. Sie sollen nicht ständig Blumen gießen, den Grabschmuck austauschen,“ begründete ein 54-Jähriger seine Entscheidung gegenüber dem Propst, sich in einem Friedwald bestatten lassen zu wollen.
Plädoyer für einen öffentlichen Zugang zum Grab
„Niemand lebt für sich allen, niemand stirbt für sich allein.“
Apostel Paulus
Im Brief an die Römer
Doch wie reagiert die evangelische Kirche auf diese Entwicklungen?
In seinem Vortrag am 15.11.2007 in der Ingelheimer Burgkirche antwortete Propst Schütz:
„Ein Verstorbener ist kein Privateigentum. Die öffentliche, uneingeschränkte Erinnerung an eine Person muss sichergestellt bleiben.“ Darum möchte die Kirche an der Möglichkeit einer religiös geprägten Bestattungsfeier am Grab festhalten. Mit dieser Aussage distanziert sich der Propst von Bestattungsformen, die keine öffentliche Trauer zulassen würden, wie die anonyme Bestattung, die Ascheverstreuung, die Urne zu Hause, die Asche im Amulett, die Bestattung im eigenen Garten, die Weltraumbestattung, die Ascherakete und die Diamantpressung.
Bei der Einrichtung von Friedwäldern sei dafür zu sorgen, dass sie öffentlich zugänglich und als Begräbnisstätte eindeutig gekennzeichnet seien.
Individuelle Wünsche der Angehörigen und des Verstorbenen berücksichtigen
„Es ist für unsere Kirche erfreulich, dass sich Menschen heute stärker damit auseinandersetzen, wie ein Verstorbener ihrer Familie bestattet werden soll,“ betonte Propst Schütz. Deshalb seien neben Altbewährtem auch neue liturgische Formen gefragt, wie die häusliche Trauerandacht im Sinne der Aussegnung. Um den unterschiedlichen Wünschen Rechnung zu tragen, empfahl er außerdem eine angemessene Reform des Friedhofs- und Bestattungswesens.
Gewinnstreben darf nicht zu Lasten der Menschenwürde gehen
„Unsere Kirche will sich der fortschreitenden Ökonomisierung des Bestattungswesens verweigern,“ erklärte der leitende Geistliche aus Rheinhessen. Er kritisierte, dass der Tod für Kommunen und Bestattungsunternehmen zunehmend mit Gewinnstreben verbunden sei. „Man will etwas verdienen.“ Allerdings dürfe dabei die Menschenfreundlichkeit nicht auf der Strecke bleiben. Deutlich kritisierte er, dass Pfarrer auf Großstadtfriedhöfen genau zwanzig Minuten haben, um eine Trauerfeier „abzuwickeln“. „Mehr Zeit hieße zwei Termine buchen; damit kämen auf die Angehörigen die doppelten Kosten zu.“
Beim Umgang mit Sterben und Tod müsse für einen Christen das Thema Menschenwürde im Sinne der Gottesebenbildlichkeit im Zentrum stehen, unterstrich der Propst.
[Rita Deschner]
zurück | letzte Aktualisierung: 22.11.2007 | copyright by EKHN