Bericht

30.September 2011


Erntedank: Beherzt zu Obst und Gemüse mit kleinen Macken greifen

Kirchenpräsident sieht Erde als großartiges Geschenk Gottes

 

„Der Umgang mit Lebensmitteln in unserer Konsumgesellschaft trägt skandalöse Züge,“ sagt der Kirchenpräsident Dr. Volker Jung anlässlich des Erntedankfestes vor dem Hintergrund  des Filmes „Taste the waste“ und der Aktion „Teller statt Tonne“ von Brot für die Welt. Die Initiatoren der Aktion wiesen darauf hin, dass 15 Mio. Tonnen genießbare Lebensmittel in Deutschland pro Jahr weggeworfen werden. Allerdings zeigt Volker Jung Verständnis: “Es braucht Zeit, unsere Gewohnheiten umzustellen.“
Gerade deshalb findet er es auch in diesem Jahr wichtig, Erntedank zu feiern. Das Fest könne dazu beitragen, die Erde wieder als das zu begreifen, was sie sei: ein großartiges Geschenk Gottes.
Am ersten Sonntag im Oktober feiern Christen das Erntedankfest. Einige Kirchengemeinden in Rheinhessen richten den Fest-Termin allerdings an der Weinlese aus.
Zum Thema „Erntedank Heute“ hat Kirchenpräsident Dr. Volker Jung einige Fragen in einem Interview mit Salome Richter, Mitarbeiterin der EKHN-Online-Redaktion, beantwortet.

Warum ist es auch heute wichtig, dass wir als Christen Erntedank feiern?

Volker Jung: Mich freut es, dass Erntedankgottesdienste seit Jahren geradezu einen Boom erleben. Das zeigt mir, dass sich heute viele Menschen Gedanken über ihr Verhältnis zur Natur machen. Christinnen und Christen verstehen die Erde als eine Gabe Gottes - als Gottes Schöpfung. Erntedank kann dazu beitragen, die Erde wieder als das zu begreifen, was sie ist: ein großartiges Geschenk Gottes. Das heißt, wir dürfen sie bebauen und uns über die Erträge freuen. Wir haben aber auch den biblischen Auftrag, die Erde zu bewahren. Es geht deshalb darum, sie künftigen Generationen in einem guten Zustand zu überlassen. Auch daran dürfen wir an Erntedank erinnern.

In den Film „Taste the waste“ und bei der Aktion „Teller statt Tonne“, an der sich Brot für die Welt beteiligt, geht es darum, dass in Deutschland im Jahr 15 Mio. Tonnen Lebensmittel weggeworfen werden. Oft entsprechen sie den ästhetischen Ansprüchen der Kunden nicht. Zum Beispiel ist eine Gurke zu krumm oder eine Kartoffel zu verschrumpelt. Was denken Sie darüber?

Volker Jung: Der Umgang mit Lebensmitteln in unserer Konsumgesellschaft trägt skandalöse Züge. Was übrig bleibt, wird oft weggeworfen, weil es für den Handel so am Einfachsten ist. Nur ein kleiner Teil der Lebensmittel wird beispielsweise von den sogenannten „Tafeln“ noch verarbeitet und kommt Bedürftigen zu Gute. Das ist aber eine Frage, die nicht nur an die Lebensmittelhändler geht, sondern jeden als Verbraucher direkt betrifft. Unsere Gewohnheiten umzustellen, braucht Zeit. Ich hoffe, dass durch Aktionen gegen Lebensmittelverschwendung etwa von „Brot für die Welt“ ein neues Bewusstsein dafür einsetzt, dass der Teller immer Vorrang vor der Tonne haben muss.

Wenn wir an Erntedank für Gottes gute Schöpfung danken: Kann diese innere Haltung auch Auswirkungen auf unser Verhalten bezüglich des Klimawandels haben?

Volker Jung: Zumindest sollte es zum Nachdenken führen. Wer die Erde als Gottes Schöpfung versteht ‑ als sein Geschenk  an uns Menschen, das Generationen überdauern soll ‑ der wird sie mit anderen Augen sehen. Der wird dann auch darüber ins Grübeln kommen, wie er heute mit den Ressourcen umgeht. Bleiben wir beim Beispiel Ernährung. Ich kann mich fragen, wie und wo die Produkte erzeugt wurden: Muss ich zum Beispiel die Orange aus Süditalien kaufen, wo bei uns das Obst im Spätsommer und Herbst mit Händen zu greifen ist? Beispiel Verkehr: Muss ich für jede Fahrt das Auto nehmen oder geht es auch einmal mit der Bahn oder sogar dem Fahrrad. Experten können heute übrigens sogar den Kohlendioxydausstoß einer Suchanfrage im Internet berechnen. Durch die erhöhte Leistung von Computern und Netzwerken sollen dann jeweils bis zu zehn Gramm Kohlendioxyd anfallen. Das Internet kommt inzwischen auf einen ähnlich hohen CO2-Ausstoß wie der Flugverkehr.

Sie sehen: Es gibt heute fast nichts im Leben, das mit unserem Klima nichts zu tun hätte. Und fast überall gibt es noch Verbesserungsmöglichkeiten, wenn wir uns noch stärker bewusst machen, dass unsere Welt und ihre Ressourcen ein Geschenk sind, das für alle reichen soll. 

4.  Welchen Stellenwert hat in diesem Zusammenhang der Klimaschutztag der EKHN?

Volker Jung: Genau da setzt auch unser gesamtes Klimaschutzprogramm in der Kirche an, wozu der erste Klimaschutztag gehört. Wir müssen zunächst schauen, wo wir das Klima belasten. Dazu gehören die Fragen danach, wie gut unsere Gebäude isoliert sind, wie ich den nächsten Gemeindeausflug plane, welche Materialien ich für das Pfarrbüro einkaufe. Alles gehört hier auf den Prüfstand. Schließlich erzeugen die Gebäude und Einrichtungen der Evangelischen Kirche in Deutschland soviel CO2 wie die Großstadt Hannover. Wir haben ein ehrgeiziges Ziel. Bis zum Jahr 2015 wollen wir den Kohlendioxydausstoß in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau um ein Viertel gegenüber 2005 reduzieren. Vom Klimaschutztag erhoffe ich mir nun einen regen Gedankenaustausch und konkrete Impulse. Viele können hier ihre klimaschonenden Projekte vorstellen und andere damit anregen. Das ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer klimaverträglicheren Kirche.

Salome Richter / RD