Bericht

27. Januar 2009

Macht das Dschungelcamp das Herabwürdigen von Menschen gesellschaftsfähig?

EKD-Experte Fritz Penserot über seine Position zum Dschungelcamp

 

Der Magen knurrt, aber auf der Speisekarte standen nur ein paar Heuschrecken und Raupen. Die Zeit war hart für die Teilnehmenden des Dschungelcamps. Nun hat es auch die 77-jährige Ingrid von Bergen überstanden, sie ist Dschungelkönigin und um ein paar tausend Euro reicher. Am Samstagabend endete die mittlerweile vierte Staffel der Reality Show "Ich bin ein Star - holt mich hier raus". Die Sendung lief auf RTL und ist in etwa mit Big Brother im Dschungel zu vergleichen, wobei die Teilnehmer dabei allerdings noch Prüfungen wie zum Beispiel das Auffangen von Ratten bestehen mussten. Die Fernsehrzuschauer konnten dabei regelmäßig Teilnehmer aus dem Camp herauswählen. Wer zum Schluss übrig geblieben ist, hat gewonnen. Fritz Penserot, der Senderbeauftragte der EKD, bezog Stellung zur Sendung.

Vogelspinne
Quelle: Pixelio_Bredehorn
Mit solchen Tieren müssen sich die Camp-Teilnehmer herumplagen

Fritz Penserot über das Dschungelcamp

"In der Sendung `Ich bin ein Star - holt mich hier raus!´ ist das systematische Herabwürdigen und Bloßstellen der Personen ein elementares Moment. Das geht über Beleidigungen über Erregen von Ekel bis hin zu Demütigungen.

Was die Protagonisten der Show anbelangt, sehe ich keinen allzu großen Anlass, mit Bedenken und Sorge zu reagieren, da dies Persönlichkeiten sind, die Teil einer inszenierten Show sind, also als „Schauspieler“ agieren.

Man muss berücksichtigen, dass Privatsender seit ihrem Beginn von 25 Jahren stets mit der Verletzung von Verschiebung von Tabu-Grenzen befasst sind und waren.

Diese Grenzverletzung ist für eine solche Show wie das Dschungelcamp elementares Grundmuster.

Dieses Verletzen der Grenzen wurde immer wieder (angefangen von den „Brüll-Shows“ – also Talkshows – bis hin zu „Der Burg“) dadurch gerechtfertigt, dass der Zuschauer eingeladen sei, am negativen Beispiel den geltenden Wertekodex zu überprüfen… und sich beim Betrachten der vulgären Szenen sozusagen angewidert abwende und sich seiner für ihn und die Gesellschaft geltenden guten Maßstäbe versichere. Es wurde und wird als ein positiv zu wertendes Element der „Geschmacksbildung“ herausgestellt.

Das ist auch heuchlerisch. Denn es mischen sich Sensationssucht, Häme und Scheinheiligkeit bei.

Dies wird deutlich, wenn z.B. die BILD über den Zustand des „Silikon-Busens“ eines Protagonisten sinniert: Sensationssucht, Häme und Scheinheiligkeit sind die Hauptmomente dieses Nachdenkens – und zugleich werden gerade diese drei Verhaltensweisen der Bewertung weiter gegeben.

Die (Zer-)störung bzw. Veränderung des gesellschaftlichen Wertesystems geschieht also nicht dadurch, dass sich da zwei Personen beleidigen oder Herabwürdigen, sondern dadurch, dass die Gesellschaft eingeladen wird, scheinheilig und voller Häme und Sensationssucht zuzuschauen. Diese Eigenschaften - Sensationssucht, Häme und Scheinheiligkeit – werden auf diese Weise in den gesellschaftlichen Wertekodex verfestigt. Wobei die Zuschauer in diesem Prozess selber zu Akteuren der Werteveränderung werden."

 

[Dominik Meise/RD]