Meldung
Das Jesus-Buch des Papstes aus evangelischer Sicht
Stellungnahme aus dem Konfessionskundlichen Institut
Standpunkte zum evangelich-katholischen Dialog
Verhältnis zwischen evangelischer und katholischer Kirche
Papst Benedikt XVI. / Joseph Ratzinger hat im April ein Buch über Jesus von Nazareth veröffentlicht. Als evangelischer Theologe hat sich Dr. Walter Schöpsdau vom Konfessionskundlichen Institut in Bensheim über dieses Werk bereits ein Bild gemacht.
War Jesus Gottes Sohn von Anfang an?
„Der Papst möchte sich auf die Sicht der Evangelien einlassen, die einen Jesus zeichnen, der von Anfang an aus der Gemeinschaft mit dem Vater heraus gelebt und geredet hat. Er räumt ein, dass die Texte uns nicht in das Innere Jesu hineinschauen lassen, aber Jesus konnte nach Benedikts Überzeugung von Gott nur so reden, wie er es tat, weil er in der Sohnesgemeinschaft mit dem Vater steht, in welche die menschliche Seele Jesu hineingezogen wurde“, erklärt der Theologe. Damit weise der Papst Auffassungen wie etwa die des evangelischen Theologen Rudolf Bultmann zurück, der meinte, die Frage, wie Jesus sich selbst verstanden habe, sei nicht sicher zu beantworten und auch für den Glauben ohne große Bedeutung.
Papst: Vorrang des Glaubens und des Dogmas vor wissenschaftlicher Analyse
Der Papst hat immer eine biblische Prägung für seine Theologie in Anspruch genommen, Exegese war ihm wichtig, eine rein philosophische Theologie konnte er sich nicht vorstellen. Aber er erwartete nichts von einer isolierten wissenschaftlichen Exegese, er wollte, wie er einmal bekannte, einfach den Glauben der Kirche mitdenken. Die historisch-kritische Methode setze voraus, dass sich in der Vergangenheit nicht etwas ereignet haben könne, das unseren heutigen Erfahrungen widerspreche. Sie behandle die überlieferten Worte als Menschenworte und betrachte die Rede von Gottes Handeln als subjektive Deutung der Gläubigen.
Möglichkeiten und Grenzen der historisch-kritischer Methode
Die historisch-kritische Methode hat nach Auffassung des Papstes der Bibel die Eindeutigkeit genommen, weil sie zu der These führe, dass Jesus selbst nicht verkündet habe, dass er Gottes Sohn sei. Möglich sei vielmehr, dass diese Überzeugung sich den Jüngern erst durch die Osterereignisse erschloss und nachträglich das Jesusbild der Evangelien geprägt habe. Dem evangelischen Theologen Walter Schöpsdau ist aufgefallen: „Der Papst schreibt zwar, dass er die historisch-kritische Methode würdige, denn sie bestätige die Geschichtlichkeit der Christusoffenbarung. Auffallend ist allerdings, dass er sich vor allem auf die Ergebnisse konservativer Exegeten – auch aus dem evangelischen Raum – bezieht, die das überlieferte und kirchlich verkündete Bild Jesu im wesentlichen bestätigen.“ Prinzipiell stimmt Schöpsdau allerdings der Auffassung des Papstes zu, nach der die historisch-kritische Methode nicht ausreiche, um die Wahrheit vollständig zu erfassen.
Glaube und Vernunft
Einen weiteren kritischen Punkt sieht Schöpsdau im Verhältnis zwischen Vernunft und Glaube. Der Papst gehe von einer universalen Vernunft aus, die die Wahrheit über das Sein erkennen könne und insofern Gott berühre. Für ihn hänge das Schicksal des christlichen Glaubens daran, dass das Wort „Gott“ wieder ein Wort unser weltlichen Sprache und der philosophischen Vernunft werde. Nach protestantischer Auffassung hingegen gibt es keine neutrale Vernunft, die nicht von Interessen geleitet und letztlich durch Glauben oder Unglauben bestimmt wäre. Die Wahrheit der Offenbarung erweise sich nicht in Anknüpfung an einen allgemeinen Vernunftbegriff, sondern in der Weise, dass Gottes Handeln unser Welt- und Selbstverständnis neu orientiert, wozu, so Schöpsdau, auch gehöre, dass Kriterien der Vernunft durchkreuzt werden und der Glaube im Streit um die Wirklichkeit seine eigene Vernünftigkeit zu erweisen habe.
Grundsätzlich drückt Schöpsdau seine Achtung vor der Leistung des Papstes aus. „Details, in denen Unterschiede zwischen evangelischer und katholischer Auffassung offenkundig werden, sind oft nur für Theologen erkennbar, die sich intensiv mit dem Thema beschäftigen.“
[Deschner/Schöpsdau]
Seinen Eindruck über das Jesus-Buch des Papstes hat Walter Schöpsdau hier festgehalten:
Ein ganzheitlicher Blick auf Jesus
Kommentar zum „Jesus-Buch“ Benedikts XVI.
Die Wahrheit über Jesus erschließt sich nicht mit den Mitteln der historisch-kritischen Exegese. Ein wirkliches „Kennen“ Jesu und damit „eine neue Erkenntnis Gottes, des einen Gottes“ ergebe sich nur in persönlicher Umkehr und im Leben mit der Gemeinschaft, die mit Jesus „unterwegs“ ist. Aus einem solchem Umgang mit der Heiligen Schrift ist das Jesusbuch Benedikts XVI. erwachsen; es wird dadurch zum Ausdruck einer persönlichen Suche, die nicht mit einem lehramtlichen Akt verwechselt werden will. Ohne das besondere Profil seiner Theologie zu verleugnen, schenkt der Papst der Christenheit eine ganzheitliche, aus dem kirchlichen Dogma lebende Sicht ihres Herrn.
Nicht gegen die moderne Exegese, sondern mit Dankbarkeit für ihre Einsichten will der Papst sein Buch geschrieben haben. Eine „eigentlich theologische Interpretation“ dürfe aber das Wort nicht in der Vergangenheit belassen oder das Ganze der Schrift aus dem Blick verlieren, in dem die Texte ihren vollen Aussagegehalt entfalten. Mit der „kanonischen Exegese“ teilt Benedikt auch die Prämisse, daß die Schrift auf das lebendige Gottesvolk als ihren Träger verweist.
Im Blick auf den „Friedhof von einander widersprechenden Hypothesen“, den die moderne Exegese an vielen Stellen hinterlassen hat, will der Papst schon aus Gründen der historischen Wahrscheinlichkeit lieber der Darstellung der Evangelien trauen als der theologischen Genialität einer anonymen nachösterlichen Gemeinde. Wie es wenige Jahre nach der Kreuzigung Jesu zu den Hoheitsaussagen des Christushymnus von Phil. 2 kommen konnte, bliebe ein Rätsel, wenn nicht „das Große“, die nur von Gott her zu verstehende Erscheinung Jesu schon am Anfang stand, die im Glauben der Gemeinde nur entfaltet, aber nicht geschaffen wurde. In diesem Sinne sei der Jesus des vierten Evangeliums und der Synoptiker „ein und derselbe: der wahre ‚historische’ Jesus“. Von Anfang an stehe er als der Sohn vor uns, dessen ganze Verkündigung die Botschaft seines eigenen Geheimnisses ist. „Wo sollte eigentlich der nachösterliche Glaube hergekommen sein, wenn der Jesus vor Ostern keine Grundlage dazu bot? Mit solchen Rekonstruktionen übernimmt sich die Wissenschaft“.
Das Buch zeichnet die Gestalt Jesu in die Verheißungsgeschichte Israels als ‚neuen Mose’ ein, der Gott nicht nur von hinten schauen und das fremde Licht Gottes widerspiegeln darf, sondern „aus dem Sehen des Vaters“ und dem „immerwährenden Dialog“ mit ihm spricht. Dem jüdischen Nein hält der Papst entgegen, daß Jesu Anspruch zwar aus der Sozial- und Rechtsordnung Israels herausführe, daß er sich aber an der Universalität der Israelverheißung gerade als ‚Messias’ ausweise.
Kronzeugen seiner Auslegung sind für Benedikt die Kirchenväter, die noch unmittelbar in dem lebendigen „Überhang der Offenbarung über die Schrift“ stehen, als den er die Überlieferung der Kirche versteht (FAZ-Interview vom 8. 3. 2000), und darum aus den Sackgassen liberaler Exegese herausführen. „Die Verklärung ist ein Gebetsereignis; es wird sichtbar, was im Reden Jesu mit dem Vater geschieht: die innerste Durchdringung seines Seins mit Gott, die reines Licht wird. In seinem Einssein mit dem Vater ist Jesus selbst Licht vom Licht. Was er zuinnerst ist und was Petrus in seinem Bekenntnis zu sagen versucht hatte – das wird in diesem Augenblick auch sinnlich wahrnehmbar: Jesu Sein im Licht Gottes, sein eigenes Lichtsein als Sohn.“ Aus dem Beten Jesu werde die Sohn-Vater-Relation als Dialog der Liebe in Gott verstehbar, in den auch die Seinen eingewoben sind. So seien nach Lk. 6, 12f auch die zwölf Apostel, ohne deren Berufung die neue Gemeinschaft „formlos“ bliebe, „gleichsam im Gebet gezeugt“.
Den Zeitgenossen will solche Christologie ‚von oben’ nicht aus dem Blick verlieren. Auf die Frage, was Jesus eigentlich gebracht habe, sei die Antwort „ganz einfach: Gott“; er habe „den lebendigen Gott, der in der Welt und in der Geschichte konkret zu handeln imstande ist und eben jetzt handelt“, den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, zu den Völkern gebracht. Mit einer anderen Auskunft wäre dem Zeitgenossen nicht gedient; ein Christentum, das sich nur als Motor innerweltlichen Fortschritts verstünde, sei bei der Versuchung Jesu zurückgewiesen worden.
Mit der Kritik an einer historisch-kritischen Exegese, die sich selbst nicht mehr überschreitet, trifft Benedikt auf breiten Konsens. Sein johanneischer Blick, der die Herrlichkeitsaussagen auf den vorösterlichen Jesus bezieht, wirft allerdings die – auch innerkatholisch diskutierte – Frage nach dem Handeln Gottes in Bezug auf den Gekreuzigten auf. Speziell katholische Lehrstücke werden nicht thematisiert, wenn man von Durchblicken auf die Eucharistie und von beiläufigen Hinweisen auf den „Zwischenzustand“ nach dem Tod und den Unterschied zwischen dem Jüngersein der Frauen und der Zwölf absieht. Eine Formulierung wie: „Das Volk Gottes – die Kirche – ist das lebendige Subjekt der Schrift“ ist als Kennzeichnung des unbestreitbaren Zusammenhangs zwischen kirchlicher Verkündigung und Schriftverständnis interpretationsbedürftig. Die kulturkritischen Passagen des Buches lassen eine Auffassung von Glauben und Vernunft erkennen, der evangelische Theologie nicht ohne weiteres zustimmen wird: Ohne des Glaubenslicht der „ewigen schöpferischen Vernunft“ werde die Welt nur scheinbar rationaler; der „neuzeitlichen Rebellion gegen Gott und Gottes Gesetz“ wird eine „weit aufgetane Vernunft, die Gott wahrnimmt und daher auch den Menschen als Einheit aus Leib und Seele erkennt“, als Heilmittel entgegengestellt. In der Klage über das Sich-Verlieren des Menschen „ins Scheinbare, ins Vorläufige“, im Appell an die vergessene „Wahrheit unseres Seins“, kraft deren wir uns „trotz aller Verschmutzungen“ auf den Weg machen können, zeigt sich ein platonisierender Kern, der schon die Argumentationsstruktur in Ratzingers „Einführung in das Christentum“ von 1968 bestimmt und weiterhin diskussionsbedürftig bleibt.
Dr. Walter Schöpsdau
Bibliographische Angaben:
Joseph Ratzinger / Benedikt XVI., Jesus von Nazareth. Erster Teil: Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung, Freiburg-Basel-Wien 2007, 447 Seiten, EUR 24,00, ISBN 978-3-451-29861-5.
zurück | letzte Aktualisierung: 14.09.2007 | copyright by EKHN