Meldung

12. Juli 2007

Zwischen Brüskierung und Trauer

Reaktionen von Propst Rink und Dekan Heinemann und zu Vatikan-Papier

 

Die Evangelische Kirche in Süd-Nassau reagiert auf das Vatikan-Dokument zum katholischen Kirchenverständnis mit Trauer und empfindet die von der römischen Glaubenskongregation vorgelegten "Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche" als Brüskierung der Ökumene. In Wiesbaden sagte Dekan Hans-Martin Heinemann, es scheine, als sei es aus vatikanischer Sicht nötig, fast täglich Abgrenzungslinien zu ziehen, insbesondere gegenüber dem Protestantismus. Seine „wehmütige Sorge“, die er bereits angesichts der Rückkehr der katholischen Kirche zur lateinischen Sprache in der katholischen Messe geäußert habe, sehe er erneut bestätigt. Er frage sich, ob die katholische Reaktion durch die Lage der römisch-katholischen Kirche in Westeuropa oder angesichts der einschlägig berichteten Situatíon in Lateinamerika entstanden sei. Die Inhalte der Kirchenverlautbarung seien in der Tat nicht neu. Die Christenheit ringe von Beginn an um ihren Kirchenbegriff und um das rechte Verständnis von Gemeinde Jesu Christi. Die darauf ruhende „Lehre über die Kirche“ habe eben bereits in der Reformation im 16. Jahrhundert Streit ausgelöst. Später sei das hierzulande zu einer gemäßigten öffentlichen Auseinandersetzung im besten Sinne der Juristerei geworden: Man habe sich auseinander gesetzt, um nebeneinander leben zu können. Auf beiden Seiten sei der Wille zum Miteinander vorhanden gewesen, auch wenn die Debatte über das, was Kirche ausmache, jeweils sorgfältig theologisch weitergeführt worden sei.

Spätestens das 20. Jahrhundert und seine unermesslichen Schrecken der beiden Weltkriege habe aber den Willen zur ökumenischen Verständigung hervorgebracht und fruchtbar werden lassen. „Will Rom tatsächlich ein dahinter zurückgehendes konfessionelles Kampfgeschrei anstimmen? Sitzt der Stachel der Reformation noch immer so tief?“, fragt der evangelische Dekan. Angesichts der öffentlichen Debatte über die „Rückkehr der Religion“ und die unbestrittene Notwendigkeit, jeglichem Fundamentalismus das Recht zu bestreiten, sollte es doch hierzulande darum gehen, den Glauben und die nach ihm fragende Vernunft als gemeinsame Kraft aller Christenmenschen zu bewahren. Heinemann betonte, es sei wichtig, dass „wir als evangelische Christen nicht täglich das Trennende im Blick auf die katholischen Geschwister betonen – das es aus unserem Blick des Glaubens und der Theologie ja auch gibt.“ Nur in einem geschwisterliches Beieinander all derer, die sich als Kirche Jesu Christi bekennen und verstehen, liege eine Zukunft. „Nur so können wir voneinander und miteinander lernen, um auf den je eigenen, wie auf gemeinsamen Wegen dem kommenden Reich Christi entgegen zu gehen.“

Der Propst in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), Dr. Sigurd Rink (Wiesbaden), sagte auf Anfrage, man müsse die Offenheit würdigen, mit welcher Rom diese ekklesiologische und ökumenische Sicht darlege, wohl wissend, dass diese beim ökumenischen Partner schmerzhafte Reaktionen auslösen müsse. Das evangelische Kirchenverständnis werde aber nicht in Rom formuliert. Ökumene könne aus evangelischer Sicht nur vorankommen, wenn sie sich nicht am Wünschbaren orientiere, sondern an dem, was die jeweilige theologische Tradition vorgibt und ermöglicht. Eine restriktive Auslegung wie sie das Dokument vollziehe, rufe starke Bedenken hervor.

Der frühere Propst für Süd-Nassau und heutige Landesbischof von Braunschweig, Dr. Friedrich Weber, nannte die „Antworten“ der Glaubenskongregation eine Selbstisolierung der katholischen Theologie. Ärgerlich sei, dass sich die katholische Kirche wiederholt so äußere und der evangelischen Kirche die Bezeichnung Kirche abspreche. Weber, der auch Catholica-Beauftragter der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) ist, hält den Text für nach innen gerichtet. „Da werden die eigenen Leute an die Leine gelegt“, meinte der Landesbischof. Ihn mache der Text auch traurig.

Der EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber hatte das neue Papier des Vatikans am gestrigen Dienstag in Hannover als "vertane Chance" bezeichnet. Nach wie vor würden evangelische Kirchen abgewertet. Die Hoffnung auf einen positiven Wandel der Ökumene sei "erneut in die Ferne gerückt". Huber kritisierte vor allem, dass das neue Dokument insbesondere den Kirchen der Reformation die Anerkennung als "Kirchen im eigentlichen Sinn" erneut verweigere. Damit erweise es sich als "unveränderte Neuauflage der anstößigen Aussagen" der umstrittenen Vatikan-Erklärung "Dominus Iesus". In vollem Bewusstsein der innerkatholischen wie der ökumenischen Diskussion seit dem Jahr 2000 würden die damaligen Aussagen wiederholt. Huber: "Von Fahrlässigkeit kann niemand mehr sprechen; es handelt sich um Vorsatz."
In den vergangenen Jahren seien viele Vorschläge gemacht worden, um die anstößige Ausdrucksweise zu überwinden, reformatorische Kirchen seien "nicht Kirchen im eigentlichen Sinn", so Huber. "Es würde ja auch vollständig reichen, wenn gesagt würde, die reformatorischen Kirchen seien ’nicht Kirchen in dem hier vorausgesetzten Sinn’, oder sie seien ’Kirchen anderen Typs’", bekräftigte der Berliner Bischof. Aber keine dieser Brücken seien vom Vatikan betreten worden.

Die römische Glaubenskongregation hatte gestern das Dokument zum Kirchenverständnis veröffentlicht, in dem sich die katholische Kirche erneut von den Protestanten abgrenzt. Nur in der römischen bestehe die von Jesus Christus begründete Kirche weiter, betont die Glaubenkongregation in fünf "Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche". Der Vatikan wolle aber an der Ökumene festhalten, wurde bekräftigt. Den aus der Reformation hervorgegangenen christlichen Gemeinschaften könne nach katholischem Verständnis kein Kirchenstatus zuerkannt werden, heißt es in dem vom Sekretär der Kongregation, Erzbischof Angelo Amato, mit unterzeichnetem Dokument. Grund sei die fehlende "apostolische Sukzession im Weihesakrament".

Ohne sakramentales Priestertum gebe es jedoch keine "vollständige Wirklichkeit des eucharistischen Mysteriums", so das Papier. Da die Orthodoxen im Unterschied zu den Protestanten "trotz ihrer Trennung wahre Sakramente besitzen", seien sie als Kirchen anzuerkennen.

In einem gleichzeitig veröffentlichten offiziellen Kommentar rechtfertigt der Vatikan die Lehre, nach der die von Christus gegründete Kirche nur in der katholischen weiter besteht, mit der "Sorge um die Wahrung der Einheit und der Einzigkeit der Kirche". Diese ginge verloren, "wenn man annehmen würde, dass es mehrere Subsistenzen der von Christus gegründeten Kirche gäbe". Bereits im Jahr 2000 hatte sich Rom mit der Erklärung "Dominus Iesus" klar von den Protestanten abgegrenzt.

[Dr. Roger Töpelmann]