Ökumene

04. Dezember 2008



Evangelische Kirche engagiert sich für Menschenrechte in Nordindien

Einsatz gegen Schuldknechtschaft und sexuelle Ausbeutung

 

„In den letzten Jahren haben wir lernen müssen, dass die Lebenssituation der Menschen in den Dörfern nicht nur durch Armut und mangelnde schulische Bildung geprägt ist, sondern dass es oftmals um die Verletzung grundlegender Menschenrechte und die Wiederherstellung von Gerechtigkeit geht,“ so Pradeep Kumar Samantaroy, Bischof der Diözese Amritsar. Die Diözese liegt im Norden Indiens und ist eine der Partnerkirchen der EKHN. Der evangelische Bischof erklärt: „Wir haben uns entschieden, die Wahrung der Menschenrechte zu einem Schwerpunkt unserer Entwicklungsarbeit in den nächsten Jahren zu machen.“ Detlev Knoche, Beauftragter für Entwicklung und Partnerschaft Asien im Zentrum Ökumene der EKHN, erklärt: „Mit Spendengeldern unterstützt die EKHN diese Arbeit.“

Menschenrechts-Komitees gegründet

Dazu wurden in verschiedenen Distrikten auf Initiative von Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
des SEDP-Programms (Social Economic Development Programme – sozial-ökonomisches Entwicklungsprogramm) unabhängige Komitees gegründet. Sie bieten in Fällen von  Menschenrechtsverletzungen Beratungen und Hilfe an und vermitteln Rechtsbeistand. Die Komitees arbeiten eng mit der Diözese zusammen. Die meisten ihrer Mitglieder sind Frauen.

Engagement gegen sklavenähnliche Zustände

Zentrum Ökumene Beauftr. für E + P in Asien
Praunheimer Landstraße 206
60488 Frankfurt
Telefon: 069 - 97651834
Telefax: 069 - 97651859
johny.thonipara@zoe-ekhn.de

Menschenrechte

„In mehr als 25 Fällen haben wir helfen können. In 16 Fällen handelte es sich um Formen von Schuldknechtschaft in der Landwirtschaft,“ erzählt Parwez Mattu, Vorsitzende des Menschenrechtskomitees. Solche sklavenähnliche Arbeitsverhältnisse entstehen, wenn Familien durch Krankheit oder die anstehende Hochzeit einer der Töchter in große finanzielle Nöte geraten. Sie müssen sich bei einem der örtlichen Großgrundbesitzer Geld leihen und die Arbeitskraft eines Familienmitgliedes dafür verpfänden.

Kulwands Weg aus der Schuldenfalle

Parwez Mattu erzählt von Kulwand, einem jungen Mann aus ihrem Dorf:

Kulwand hatte sich 15.000 Rupien (ca. 250.- €) geliehen und sollte sie in einem Jahr abarbeiten. Statt der üblichen 100 Rupien (ca. 1,66 €) als freier Tagelöhner bekam er lediglich 50 Rupien (rund 83 Cent). „Das ist eben für Menschen wie ihn der übliche Zinssatz“, sagte sie mit erzürnter Stimme. „Für jeden Tag, den er nicht arbeiten konnte, wurden ihm 100.- Rupien zur Schuldensumme hinzuaddiert. Nach dreieinhalb Jahren waren seine Schulden angeblich auf 30.000 Rupien angewachsen“, berichtete sie weiter. Nun wollte sich Kulwand mit Hilfe von Angehörigen freikaufen und die gesamten Schulden auf einmal zurückzahlen.

Als er mit einem Bus zu seinen Angehörigen fahren wollte, nahm ihn der Großgrundbesitzer gefangen, fesselte ihn und legte ihn in die glühende Sonne. Als ihm am Abend die Fesseln zum Essen abgenommen wurden, konnte er fliehen. „Als wir davon erfahren haben, haben wir ihn versteckt und ihm sofort unsere Hilfe und Unterstützung zugesagt. Das ist nicht immer ungefährlich!“

Mit Hilfe eines Anwaltes und dem Engagement der Frauen ist es gelungen, Kulwand zu seinem Recht zu verhelfen. Jetzt ist er wieder frei und die angeblich 30.000 Rupien an Schulden musste er nicht zahlen.

 

Kulwinder Kaur setzt sich zur Wehr gegen sexuelle Übergriffe

Frauen sind oftmals hilflos den gewalttätigen Übergriffen von Angehörigen der
höheren Kasten und des Arbeitgebers ausgesetzt. Nicht immer gelingt es ihnen sich
zur Wehr zu setzen und die Gewalttat zur Anzeige zu bringen.

Ein mutiges Beispiel ist die Geschichte von Kulwinder Kaur, Ehefrau von Ranjit Singh, aus dem Dorf Bhura Kuna, das etwa 15 km von der Stadt Khemkaran entfernt ist. Sie erzählt ihre
Leidensgeschichte:

„Ich arbeitete als Müllarbeiterin auf der Rinderfarm von Baldev Singh, einem reichen Bauern im Dorf. Am 24. Februar 2006 ging ich wie gewöhnlich um 9:00 Uhr zum Stall. Ich war ganz alleine im Stall. Gurdev Singh, Sohn des Gubax Singh, dem Cousin und Nachbar von Baldev
Singh, sah mich alleine und kam zum Stall. Er griff mich mit böser Absicht an und versuchte mich zu vergewaltigen. Ich wehrte mich und versuchte mich selbst zu schützen. Als ich das Gefühl hatte, dass Gurdev Singh mich fast überwältigt hätte, konnte ich mich irgendwie von seinem Griff befreien und mit einem Stein nach ihm schlagen, der ihn vorne am Kopf traf. Es gelang mir, davon zu laufen zum Haus meines Arbeitgebers Baldev Singh.

Aber die Beschuldigungen hörten nicht auf. Er ging zu seinem Haus, holte einen Hockeyschläger und schlug mich heftig vor den Augen aller seiner Familienmitglieder. Ich schrie und schrie. Glücklicherweise gab es zur gleichen Zeit im Dorf unter Leitung von Kishan Kumar, einem Mitarbeiter des SEDP-Programms, ein Treffen des Dorfrates. All diese Menschen waren aus meiner Gemeinde. Sie befreiten mich von Gurdev Singh und brachten mich zum Krankenhaus nach Khemkaran. Ich war im fünften Monat schwanger und hatte furchtbare Schmerzen. Nach der Untersuchung nahm mich der Arzt im Krankenhaus auf. Ich hatte kein Geld für Medikamente.

Der Dorfrat sammelte Geld und besorgte die Medikamente. Zwischenzeitlich wurde Bittu Masih, Projektleiter im SEDPProgramm, mit einbezogen und er nahm Kontakt mit Daniel B. Das, Koordinator der SEDP-Programme, auf. Nachdem alles Notwendige für meine Behandlung geklärt war, gingen die Menschen unter der Führung des Projektleiters Bittu Masih zur Polizei. Die Polizei kam zu mir ins Krankenhaus und bedrängte mich, mit dem Beschuldigten zu kooperieren.

Ich lehnte das rundweg ab. Die Polizei nahm die Sache nicht ernst und war nicht bereit, eine Anzeige gegen den Täter auf zu nehmen, der mich weiterhin bedrohte und den Vorfall vertuschen wollte. Daraufhin forderte Daniel B. Das, Koordinator der SEDP-Programme, die Menschen in der Umgebung auf, vor dem Polizeigebäude zu demonstrieren und Slogans gegen die Polizei zu rufen. Die lokale Presse kam ebenfalls hinzu und veröffentlichte am nächsten
Tag die Angelegenheit in der örtlichen Tageszeitung. Daraufhin nahm die Polizei unmittelbar eine Anzeige im Rahmen der Paragraphen 323 und 354 des indischen Strafrechts auf. Das Verfahren ist am Gericht anhängig und der Angeklagte auf Kaution freigelassen. Ich bin entschlossen, die Anklage durchzufechten und dafür zu sorgen, dass der Angeklagte
entsprechend dem Gesetz verurteilt wird. Ich bin den Menschen meines Dorfes, dieser Region und den Mitarbeitenden der SEDP Programme in der Diözese Amritsar dankbar für ihre Unterstützung.“

 

 

[Detlev Knoche / RD]