Bericht

11. November 2010

 

"Die Kultur des Friedens und der Versöhnung stärken!"

Internationale Konsultation der EKHN mit Partnerkirchen ruft auf zu weiterer Beschäftigung mit dem Thema "Gewalt überwinden"

 

Mit einem gemeinsamen „Aufruf zu Frieden und Versöhnung“ ist die „Dritte Internationale EKHN-Partnerschaftskonsultation“ zu Ende gegangen. 50 Vertreterinnen und Vertreter der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) und ihrer Partnerkirchen in Afrika, Asien, Europa und Amerika waren vom 9. bis 11. November 2010 in Schmitten-Arnoldshain zusammen gekommen. Das Thema des ökumenischen Treffens im Martin-Niemöller-Haus lautete: „Ehre sei Gott und Friede auf Erde“. Die Konsultation befasste sich mit Erfahrungen aus der zu Ende gehenden Ökumenischen Dekade zur Überwindung von Gewalt, dem Austausch über konkrete Friedens-Projekte und der Vorbereitung auf die „Internationale ökumenische Friedenskonvokation“ im Jahr 2011 in Jamaika. Organisiert wurde die Konferenz vom Zentrum Ökumene der EKHN.

Schlusserklärung: „Stimmen mutig erheben!“

In der Schlusserklärung der Konsultation stellten die Kirchendelegierten „mit großem Bedauern“ fest, dass die Ökumenische Dekade auch eine Zeit von Gewalt und Krieg gewesen sei. Dennoch „glauben wir und halten fest daran, dass gerechter Friede und Versöhnung als Zeichen des Reiches Gottes möglich sind“, so die Resolution. Die Themen Frieden und Gerechtigkeit seien tief im Zentrum des christlichen Glaubens eingebunden.

Die Kirchen beabsichtigten, ihre Erkenntnisse zum Thema Überwindung von Gewalt gemeinsam in die Internationale Friedenskonvokation in Jamaika im Mai 2011 einzubringen: “Wir rufen unsere Kirchen und Partner-Institutionen auf sich weiterhin mit den Themen der Dekade zu befassen. Wir verpflichten uns, die Kultur des Friedens und der Versöhnung zu stärken.“ Weiter heißt es: „Ausdrücklich ermutigen wir die Kirchen, Fälle von Gewalt in den jeweiligen Regionen und Kirchen aufzugreifen, die Kultur des Schweigens zu durchbrechen, die Verhältnisse zu überdenken, unsere Stimmen mutig zu erheben und konkrete Schritte zur Überwindung von Gewalt zu initiieren.“

Die Kirchen, Gemeinden und Einrichtungen sollten auch den „notwendigen Protest gegen Gewalt“ unterstützen und offen Räume anbieten um zu lernen, wie Gewalt überwunden werden könne. Bewusst sei während der Konsultation auch geworden, „wie viel ungezügelte Gewalt gegen Frauen es in allen Gesellschaften gibt. Wir verpflichten uns, uns diesem brennenden Anliegen in gemeinsamer Anstrengung zu stellen“, so die Arnoldshainer Schlusserklärung.

Intensiver Erfahrungsaustausch

Ein positives Fazit zog Detlev Knoche, Leiter des Zentrums Ökumene der EKHN, zum Abschluss der Partnerschaftskonsultation: „Es waren sehr dichte Tage der Begegnung. Wir haben wahrgenommen, dass es im Blick auf Gewalterfahrung kulturell starke Unterschiede gibt.“ Die Konsultation habe nachdenklich gemacht und den Erfahrungsaustausch von Delegierten aus Partnerkirchen untereinander ermöglicht. Das Treffen habe so deutlich gemacht, das auch weiterhin Räume nötig seien, „wo wir uns nicht nur bilateral sondern multilateral begegnen“, sagte Knoche. Er kündigte an, dass bei der Förderung durch die EKHN Projekte, die zur Gewaltüberwindung beitrügen, zukünftig Priorität hätten.

Am beeindruckendsten seien persönliche Zeugnisse gewesen, etwa wenn das Thema Menschenhandel mitten in Europa behandelt wurde oder die Folgen der Sklaverei in den USA diskutiert wurden. Pfarrer Knoche weiter: „Manche Formen von Gewalt, auch wenn sie schon Jahrhunderte zurück liegen, prägen bis heute die Kultur. Es braucht langwierige Versöhnungs- und Heilungsprozesse. Frieden hat man nicht, der muss immer wieder neu geschaffen werden.“

„Botschafter des Friedens sein!“

Eine Lehre aus der Konferenz sei, so Knoche, dass interreligiöse Begegnungen gestärkt werden müssten. Obwohl es in angespannten Situationen auch Übergriffe über Religionsgrenzen hinweg gebe, müssten Formen des Respekts gegenüber anderen Religionsgemeinschaften eingeübt werden. „Wo es solche Projekte gibt, wirken sie sich positiv aus und minimieren auf jeden Fall Gewaltübergriffe“, sagte der Ökumenespezialist.

Am Ende der Dekade gegen Gewalt müssten allerdings stärker als bisher neue Ursache in den Blick genommen werden, die zu Gewalt führten. Klimagerechtigkeit oder Befürchtungen, dass natürliche Ressourcen aufgebraucht würden, eröffneten neue Konfliktfelder. Es sei zu befürchten, dass solche Probleme mit Gewalt gelöst werden sollen, sagte Knoche. Gewalt werde auch weiterhin Teil des täglichen Lebens sein. „Aber die Hoffnung auf das Reich Gottes verpflichtet uns Botschafter des Friedens zu sein“, so Knoche.

Cordelia Kopsch: Friede ist mehr als die Abwesenheit von Krieg
Zur Eröffnung der englischsprachigen Partnerschaftskonsultation am Mittwoch sagte die Stellvertreterin des Kirchenpräsidenten der EKHN Cordelia Kopsch in einem Gottesdienst, Friede sei mehr als die Abwesenheit von Krieg und könne keinesfalls mit Gewalt geschaffen werden. Christliche Orientierung sei der gerechte Friede, Engagement für den Frieden komme aus der Gerechtigkeit Gottes. Die Konsultation der EKHN sei ein wichtiger Schritt zur Internationalen ökumenischen Friedenskonvokation, die im Mai 2011 in Jamaika zum Abschluss der „Ökumenischen Dekade gegen Gewalt“ zusammen kommen wird. „Für uns ist es wichtig, die Menschen zusammenzubringen, die in ihren Kirchen konkrete Friedensarbeit leisten, manchmal unter weit schlimmeren Bedingungen als bei uns“, so Kopsch über die Ziele der jetzigen Konsultation: “Es wird uns gut tun, weil wir oft zu sehr nach Texten fragen. Wir brauchen aber das überzeugte Engagement von Menschen für Frieden.“

Konrad Raiser berichtete über Erfahrungen bei der Aufarbeitung von Gewalt
Im Hauptreferat des Eröffnungstags der Arnoldshainer Konsultation sagte Konrad Raiser, früherer Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen: „Die Überwindung von Gewalt muss sich darauf konzentrieren, Konflikte in Richtung auf einen wirksamen Interessenausgleich zu transformieren, durch den vor allem die Wehrlosen, besonders Frauen und Kinder geschützt werden.“ Raiser erläuterte, kirchliche Erfahrungen bei der Aufarbeitung von Gewalt zeigten, dass bei Gewalttaten die Gemeinschaft als ganze Opfer geworden sei und unter Integration der Gewalttäter neu zusammen gefügt werden müsse.

Raiser charakterisierte die zu Ende gehende Dekade gegen Gewalt als ein Vorhaben, das nicht als weiteres Programm des Weltkirchenrates verstanden werden sondern „aus der Arbeit von Kirchen und Gemeinden erwachsen und konkrete Gestalt gewinnen“ wollte. Es sei darum gegangen, das Streben nach Versöhnung und Frieden in das Zentrum des Lebens und Zeugnisses der Kirchen zu rücken, so Raiser. Dieses Ziel habe auch die Friedenskonvokation in Jamaika im kommenden Jahr, die keine beschlussfassende Versammlung sein werde, sondern der wechselseitigen Ermutigung und Netzwerkbildung dienen werde. Diskutiert würden zur Zeit Vorarbeiten für eine Abschlussresolution, die sich mit dem Thema „Gerechter Frieden“ befassen werde. Dabei werde voraussichtlich ein „dynamisches Bild einer Wanderschaft auf dem Weg zum gerechten Frieden“ beschrieben, statt den Versuch zu unternehmen, Theorien von Pazifismus und Gerechtem Krieg zu vereinbaren.

Teilnehmende und Inhalte der Konsultation
An der EKHN-Partnerschaftskonsultation im Martin-Niemöller-Haus in Arnoldshain nehmen Delegierte aus den Partnerschaftsausschüssen der Dekanate der EKHN teil, Mitarbeitende des Zentrums Ökumene sowie Vertreter und Vertreterinnen von Partnerkirchen aus Indien, Tschechien, Südafrika, Ghana und den USA. Grüße überbrachte auch Oberkirchenrat Wilhelm Riechebächer vom Landeskirchenamt der Evangelischen Kirche von Kurhessen und Waldeck.

Inhaltlich wird sich die Tagung in den kommenden Tagen mit praktischen Beispielen von Friedensarbeit in verschiedenen Kontinenten befassen und Projekte diskutieren, die Gewalt überwinden sollen. So werden Vertreterinnen der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder aus Tschechien ihr Engagement zusammen mit deutschen Initiativgruppen gegen Menschenhandel und sexualisierte Gewalt vorstellen.

Auch die Themen „Mediation“ und Programme gegen häusliche Gewalt werden von Kirchenvertretern aus Afrika, Südindien und Deutschland präsentiert.

Bericht über Projekte gegen die Ausbeutung von Frauen in Südafrika
Die Vizepräsidentin des Südafrikanischen Rates der Kirchen, Pfarrerin Joy-Faith Kronenberg, stellte bereits am ersten Tag christliche Projekte vor, die sich gegen die Unterdrückung, Diskriminierung und sexuelle Ausbeutung von Frauen in Südafrika richten. Dabei spielten Sozial- und Bildungsarbeit für die schwarze Bevölkerungsmehrheit eine besondere Rolle.



[Pfarrer Martin Reinel]