Bericht
Begegnung mit charismatischer Frömmigkeit in Afrika
Mit einer Konsultation über die charismatische Bewegung nimmt Kirchenpräsident Jung Kontakt zu den Partnerkirchen der EKHN in Afrika
Kirchenpräsident Volker Jung hat eine sehr positive Bilanz seiner ersten Reise zu Partnerkirchen im Ausland gezogen. In seinem dritten Amtsjahr hatte er die Repräsentanten der Partnerkirchen in Afrika vom 10. bis 13. Oktober 2011 zu einer Konsultation eingeladen. Für diese neue Form der Begegnung hatte er ein Thema gewählt, das allen beteiligten Kirchen unter den Nägeln brennt: die Herausforderung der traditionellen Kirchen durch die charismatische Bewegung, die weltweit gesehen immer mehr Anhänger gewinnt. Thema und Form erwiesen sich vor Ort in Arusha/Tansania als Volltreffer, wie die engagierten und offenen Debatten unter den 16 Kirchenleitenden zeigten. Dabei kamen durchaus unterschiedliche Positionen zutage. Während sich die konservativ geprägten Lutheraner in Tansania mit der charismatischen Frömmigkeit eher schwertun und beklagen, dass die charismatischen Gemeinden ihnen Mitglieder abwerben, sehen die Presbyterianer in Ghana die charismatische Frömmigkeit längst als Teil ihrer selbst und integrieren manche von deren Elementen in ihre eigene Arbeit. Die Herrenhuter in Südafrika und Tansania öffnen sich gerade langsam dafür. Jung ermunterte dazu, manche Impulse der charismatischen Frömmigkeit in der eigenen Gemeindearbeit aufzugreifen. Dazu gehöre eine aufmerksamere Wahrnehmung der Gefühle, eine aktivere Beteiligung der Mitglieder und moderne liturgische Formen. Zugleich benannte Jung Punkte, wo die charismatische Frömmigkeit mit der reformatorischen Tradition nicht übereinstimme und abzulehnen sei.
Anzahl der Christen wächst in Afrika rasant
Jeder vierte Christ gehört heute weltweit gesehen der charismatischen Bewegung an. Im Jahr 2025 wird es nahezu jeder zweite sein, schätzt der EKHN-Pfarrer Dr. Andreas Heuser, er ist noch Dozent an der Lutherischen Makumira Universität in Arusha in Tansania, ab Wintersemester wird er Professor für Missiongeschichte in Afrika in Basel sein. Ihm zufolge werde sich bis 2025 der Schwerpunkt des Christentums nach Afrika verlagert haben, denn dort wachse die Zahl der Christen am rasantesten.
Partnerschaft gefestigt
- Brighton Katabaro, Pfarrer in der Diözese Karagwe in Tansania
- Francis Swebe, Pfarrer der Herrnhuter in Tansania
- Lennox Mcubusi, Kirchenpräsident der Herrnhuter in Südafrika
Hinten von links:
- Dr. Kwabena Opuni-Frimpong, Pfarrer der Presbyterianischen Kirche in Ghana
- Dr. Helga Rau, Afrika-Referentin der EKHN
- Dr. Benson Bagonsa, Bischof der der Diözese Karagwe/Tansania
- Brian Abrahams, Reverend aus Südafrika
- Dr. Faith Katabaro, Pfarrerin der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Tansania
- Elisa Buberwa, Bischof der Nordwest-Diözese in Tansania
- Dr. Klaus Douglass, EKHN Referent für missionarisches Handeln und geistliche Gemeindeentwicklung
- Dr. Martin Nabor, Pfarrer und Vorsitzender der Presbyterianischen Kirche in Nordghana
- Annegret Puttkammer, Pröpstin für Nord-Nassau
- Elise Theunissen, Pfarrerin der Herrnhuter in Südafrika
- Dr. Andreas Heuser, Dozent an der Lutherischen Makumira Universität in Arusha in Tansania und EKHN-Pfarrer
- Dr. Volker Jung, Kirchenpräsident der EKHN
In der Schlussrunde waren sich alle Beteiligten darin einig, dass eine derartige gemeinsame Arbeit an Themen nicht nur die Partnerschaft gut festige, sondern auch die Beteiligten inhaltlich erheblich weiterbringe. Dazu trage auch die Form der Konsultation bei, die zwischen Einzelbesuchen und internationalen offiziellen Konferenzen liege. Sie ermögliche offene und persönliche Gespräche. Und sie verbinde verschiedene Denominationen (Kirchentraditionen) auf einem Kontinent.
Die Delegation aus Hessen und Nassau
Jung (Mitte) wurde auf seiner Reise begleitet von Dr. Helga Rau (links), Annegret Puttkammer, Stephan Krebs und Dr. Klaus Douglass (rechts). Rau ist Afrikareferentin im Zentrum Ökumene, sie unterstützt Gemeinden bei der Gestaltung ihrer Partnerkontakte und hatte den Kongress sowie die Reise inhaltlich vorbereitet und organisiert. Puttkammer ist die neue Pröpstin für Nord-Nassau, wo die Partnerschaft mit Tansania regional verankert ist. Krebs ist Pressesprecher der EKHN und Douglass ist im Zentrum Verkündigung zuständig für missionarisches Handeln und geistliche Gemeindeentwicklung.
Partnerschaften in Nord-Nassau:
Die Delegation hatte zuvor die beiden Partnerdiözesen der EKHN im Nordwesten Tansanias besucht. Sie hatte sich einen Einblick in die dortige kirchliche Arbeit verschafft und Projekte besucht, die im Rahmen der Partnerschaft von nord-nassauischen Gemeinden und Dekanaten gefördert werden.
Alle Partnerschaften bestehen zu Distrikten und Einrichtungen der tansanischen Diözesen „Karagwe“ und „North Western“. Sie liegen in der ländlichen und von großer Armut geprägten Region zwischen Ruanda, Uganda und dem Viktoria-See.
Beziehungen zu Dekanaten der EKHN
Das Dekanat Biedenkopf pflegt Kontakte zum Distrikt Kituntu und unterstützt dort unter anderem ein Baumpflanzungsprojekt zum Stopp der Bodenerosion. Flüchtlinge aus Ruanda hatten dort ihre Notquartiere eingerichtet und weite Flächen für Brennholz abgeholzt.
Das Dekanat Gladenbach ist mit der Region um Ngara verbunden und engagiert sich unter anderem beim Bau der Krankenstation Katenga. Diese ist zwar seit Monaten fertig gebaut, steht allerdings noch leer. Die staatliche Seite ist noch nicht ihrer Verpflichtung nachgekommen, die Ausstattung zu liefern. Die EKHN-Delegation spricht das Thema beim Distriktgouveneur an. Er verspricht baldige Lieferung.
Das Dekanat Herborn ist Partner einer Ausbildungsstätte in Ruhija für Kirchenmusiker/innen und Gemeindemitarbeiter/innen, die mit Arbeitsmaterialien ausgestattet werden.
Zum Empfang singen die Bibelschülerinnen und –schüler – wie im sangesfreudigen Tansania üblich. Und auch die angehenden Kirchenmusiker zeigen ihr Können. Musik in Afrika heißt immer auch Bewegung – auch bei den Gästen.
Das Dekanat Nassau unterhält eine Partnerschaft zu Mabira. In diesem Jahr wurde das 30jährige Jubiläum gefeiert, an dem eine Delegation aus Mabira zu Gast gewesen ist. Die Partnerschaft unterstützt ein Selbsthilfe-Projekt für Witwen von Aids-Opfern und ein HIV/Aids-Projekt für Jugendliche. Das Dekanat Selters, das lange Jahre ebenfalls mit Mabira verbunden war, prüft derzeit eine Fortsetzung der Partnerschaft.
Partnerkirche baut Missions-, Bildungs- und Gesundheitsarbeit aus
Die EKHN-Delegation gewann bei der Reise den Eindruck, dass die Partnerkirche in Tansania eine gute Entwicklung nimmt. Sie baut ihre Aktivitäten auf der Basis der Missionsarbeit aus, zu deren neben dem Bau von Kirchen auch Schulen und Krankenstationen gehörten. In allen drei Bereichen ist die lutherische Kirche in Tansania auch heute noch stark engagiert und weitet ihre Aktivitäten aus. So planen beide Diözesen die Gründung von Universitäten. Dies erscheine, so resümierte Jung, als folgerichtiger Schritt aus dem starken Bildungsakzent, den die Kirche im Bereich von Schulen habe. Beide Projekte würden von Pfarrern geleitet, die etliche Jahre lang in Deutschland gewesen seien. Es sei erfreulich, dass solche Personen, die interkulturelle Brücken bauen könnten, in Tansania offenbar hoch geschätzt würden.
Schulen
Schulen – in Tansania heißt das ein weitläufiger Campus, auf dem die Schülerinnen und Schüler den ganzen Tag verbringen. Viele Schulen sind zudem Internate, denn das Land ist groß, die Menschen leben weit verstreut und die Wege sind deshalb lang.
Zum Besuchsprogramm gehört auch die Bweranyange-Schule, eine weiterführende Schule für Mädchen. Sie wurde auf einem Berg fernab größerer Siedlungen gebaut, damit die Mädchen nicht durch vorzeitige Schwangerschaften den Schulabschluss verpassen. 360 Mädchen werden hier von 17 Lehrerinnen und Lehrern unterrichtet. Die Schülerinnen sind neugierig auf die Gäste, aber zurückhaltend – wie in Tansania generell üblich. Eines der Häuser, es heißt Steinacker Dormitory und trägt somit den Namen des vorigen Kirchenpräsidenten, es wurde von der EKHN mitfinanziert. Die Schulleiterin führt ein strenges Regiment. Sie möchte, dass aus der Schule weibliche Leistungsträgerinnen und Führungskräfte hervorgehen. Immerhin ist Tansania noch stark patriarchal geprägt. Zwar besuchen 85 Prozent der Jungen eine Schule, aber nur 60 Prozent der Mädchen. Wer die Prüfung nicht schafft, kann in den Ferien nacharbeiten. Das militärische Antreten der Schülerinnen irritiert die Gäste aus dem legeren Deutschland. Partnerschaft bedeutet auch, kulturelle Unterschiede auszuhalten.
Zum Schulprogramm gehört auch, die Gegend wieder aufzuforsten. Über 10.000 Bäume haben die Schülerinnen bereits gepflanzt. Jeder offizielle Gast beteiligt sich daran. Die Schule hat mit Unterstützung der EKHN Solaranlagen für warmes Wasser und Storm installiert. Leider ist die Hauptanlage bereits defekt und muss repariert werden.
Verkehrssituation
In Tansania sind nur wenige Straßen geteert. Die Regel sind sogenannte Rough Roads – raue Straßen, auf denen das Reisen nur langsam und mühsam voran geht. Ein Großteil des Lebens findet am Straßenrand statt. Von dort zweigen kleine Fahr- oder Fußwege in die Fläche ab. Deshalb sind kleine Motorräder für die Pfarrerinnen und Pfarrer das ideale Verkehrsmittel, denn mit ihnen können die Mitglieder auch über schmale und steile Fußwege erreicht werden. Die Motorräder werden den Pfarrerinnen und Pfarrern von der EKHN zur Ordination geschenkt.
Die Infrastruktur
Die meisten Menschen in den Partnerregionen der EKHN sind arm. Nur in den Städten ist Strom und fließendes Wasser (meistens) verfügbar. Doch Mobilfunkmasten sieht man überall. Die Handy-Technologie ist perfekt für ein Flächenland wie Tansania, das sich über feste Leitungen nicht erschließen lässt. Aufgeladen werden die Handys in der Schule oder im Pfarrhaus – wo es eben gerade Strom gibt.
Gute Gespräche - auch über sensible Themen wie den Völkermord in Ruanda
Überall wird die Delegation herzlich und mit viel Aufmerksamkeit empfangen. Unverzichtbar sind Lieder, gutes Essen und gute Gespräche. Helga Rau, Afrikareferentin der EKHN im Zentrum Ökumene, sprach mit dem Flüchtlingsbeauftragten der Partner über die aktuelle Situation der Menschen, die vor dem Völkermord in Ruanda über die Grenze nach Tansania geflohen sind. Viele Jahre lang haben sich die EKHN-Partner ihrer angenommen. Die meisten sind mittlerweile zurück gekehrt.
In einem Kindergarten in Nkwenda kann Kirchenpräsident Jung den Hintergrund eines Teddybären aus dem Umfeld des Gelsenkirchener Fußballclubs Schalke 04 aufklären.
Zum Abschluss der Reise besuchte die Delegation den Leitenden Bischof der Evangelisch-lutherischen Kirche in Tansania Dr. Alex Malasusa in Daressalam an der Ostküste Tansanias.
Pfarrer Stephan Krebs
zurück | letzte Aktualisierung: 08.11.2011 | copyright by EKHN
