Interview

06. Februar 2003

Scientology - auf dem Weg zur anerkannten Religionsgemeinschaft?

Der Beauftragte für Weltanschauungsfragen der EKHN bezieht Stellung


Am Montag verbuchte die Scientology-Organisation, die sich auch Kirche nennt, einen Erfolg: Nach Angaben des Spiegel gab das Bundesamt für Finanzen den Bescheid heraus, dass die Einnahmen von Scientologie steuerfrei seien. Die Steuerbefreiung gilt außerdem rückwirkend für den Zeitraum von 1994 bis 2005 und betrifft Lizenzgebühren für so genanntes Informationsmaterial und "Ausbildungsfilme". Die Entscheidung des Bundesamts folgte einem rechtskräftigen Urteil des Finanzgerichts Köln vom Oktober 2002, wonach Scientology nach dem Doppelbesteuerungsabkommen zur Steuerbefreiung qualifiziert sei. Der Grund: In den USA sei sie als gemeinnützige religiöse Körperschaft anerkannt und dort von der Einkommensteuer befreit.

Der Beauftragte für Weltanschauungsfragen der EKHN, Pfarrer Dr. Fritz R. Huth, betont, dass das Urteil keinen einzigen der Vorbehalte entkräftet, die bisher gegen Scientology vorgebracht worden sind. Der EKHN-Online-Redaktion beantwortete er Fragen zur jüngsten Entwicklung.

Wie werten Sie den Schritt des Bundesamtes für Finanzen bzw. das Urteil des Finanzgerichts Köln?

Fritz R. Huth: Das Urteil des Finanzgerichts Köln bezieht sich auf ein Steuerabkommen zwischen den USA und Deutschland. Danach muß ein Unternehmen auch in Deutschland keine Steuern zahlen, wenn es in den USA als steuerbefreit gilt. Das trifft in der Tat auf die Scientology-Organisation zu, da sie in den USA als Kirche anerkannt ist.

Welche Konsequenzen sind Ihrer Meinung damit verbunden?

Fritz R. Huth: Die Konsequenz aus diesem Urteil ist, daß der Scientology-Organisation in Deutschland mehr Geld zur Verfügung stehen wird, da Spenden an diese Organisation nicht mehr versteuert zu werden brauchen.

Scientologen sind der Ansicht, dass sie sich durch die Entscheidung nun auf dem Weg befinden, eine anerkannte Religionsgemeinschaft zu werden. Ist diese Vermutung gerechtfertigt?

Fritz R. Huth: Das Urteil entkräftet keinen einzigen der Vorbehalte, die bisher gegen Scientology vorgebracht worden sind. Es bezieht sich lediglich auf die steuerrechtliche Frage.

Scientologen bezeichnen ihre Gemeinschaft als Kirche. Wie stehen Sie dazu?

Fritz R. Huth: Die Scientologen haben ein Glaubensbekenntnis und einige kultische Zeremonien zur Taufe, Hochzeit, Beerdigung. Das "Auditing" gilt als Beichte. Es ist zu erkennen, dass die scientologische Lehre deutliche religiöse Elemente enthält, zum Beispiel gnostische und buddhistische, wie die Reinkarnation.

Ob sie dadurch eine Kirche ist, ist fraglich. Als Kirche gelten hierzulande Organisationen, die eine fest umrissene Lehre und Organisationsstruktur haben. Bei Scientology ist das wohl der Fall, aber die Organisation ist laut Verfassungsschutz anti-demokratisch.

Welche Voraussetzungen braucht es, um sich als eine Religionsgemeinschaft nennen zu dürfen? Welchen Schutz genießt sie?

Fritz R. Huth: Um als Religionsgemeinschaft anerkannt zu werden, müssen in der Bundesrepublik zwei Bedingungen erfüllt sein:
1. Es muss eine genügende Anzahl von Mitgliedern vorhanden sein,
2. Es muss die Gewähr von Dauer des Bestandes dieser Gemeinschaft vorhanden sein.
3. Schließlich dürfen Organisation und Lehre nicht der freiheitlich-demokratischen Grundordnung widersprechen. Das aber ist bei Scientology umstritten.

Was macht Scientology gefährlich für den Einzelnen?

Fritz R. Huth: Die Lehre von Ron Hubbard verspricht "totale Kontrolle über Menschen und Dinge". Der "Thetan", der angeblich durch die Kurse entwickelt wird, die Scientology anbietet, ist ein wahrer "Titan" im Wollen und Können.
Eingeschränktheit, Unvollkommenheit, Leid werden nicht als zum Leben gehörig akzeptiert. Stattdessen geht es um Wissen, Verantwortung und Kontrolle. Diese Kontrolle wird über die Mitglieder durch eine straff organisierte Hierarchie ausgeübt. Das "Herausfinden" aus der Organisation ist schwer, es wird davon berichtet, daß "Aussteiger" Repressalien ausgesetzt wurden.
Am Gefährlichsten scheint mir zu sein, daß die Ideologie der "totalen Kontrolle" Allmachts-Vorstellungen bedient, die nach Aussage von Psychologen oft aus "Ohnmachts-Erlebnissen" kommen. Hier werden Hoffnungen geweckt, die nicht erfüllt werden können und daher zur Enttäuschung führen müssen.

Warum hat diese Gemeinschaft anscheinend eine so durchsetzungsfähige Lobby?

Fritz R. Huth: In den USA ist eines der höchsten Güter die Religionsfreiheit. Deshalb hat die scientologische Lobby es dort leichter als hier, ihre Anliegen durchzusetzen.

Was bietet die evangelische Kirche Menschen, die in einer Lebenskrise stecken, bzw. nach Orientierung suchen?

Fritz R. Huth: Lebens- und Partnerberatung in Beratungsstellen, Krisen-Intervention in akuten Fällen. Die Gottesdienste können eine therapeutische Wirkung auf die Besucher ausüben im Sinne von "Geborgenheit erfahren, Vertrauen neu fassen können, Vergebung und Annahme erleben". Vor allem das seelsorgerliche Gespräch mit dem Pfarrer /der Pfarrerin oder Mitchristen kann hilfreich sein.
Meiner Meinung nach ist der Erfolg von Scientology auch darauf zurückzuführen, daß hier persönliche Begleitung mit beruflicher Qualifikation verknüpft wird. Das können wir bisher in unseren Kirchen so nicht bieten.

Hatten Sie den Eindruck das Aufklärung in der Gesellschaft gefruchtet hat? Lässt sich dies an Mitgliederzahlen belegen?

Fritz R. Huth: Die Aufklärung über Scientology hat in der Gesellschaft Früchte getragen. Die Mitglieder-Zahlen stagnieren oder sind rückläufig (nach Sc. - Angaben in Deutschland ca. 30.000, nach Schätzungen vom Verfassungsschutz nicht mehr als 5000).

Die Fragen stellten Sybille Polland und Rita Deschner