Interview
Mormonen - eine eigene Internetmarke?
EKHN-Weltanschauungsbeauftrager beurteilt die religiöse Gemeinschaft aus evangelischer Perspektive
In der Fußgängerzone hat sie fast jeder schon gesehen: junge, adrett
mit dunklem Anzug und weißem Hemd gekleidete Männer mit amerikanischem
Akzent. Ihr Auftrag ist, vorbeikommende Passanten für ihre Religion, das
Mormonentum, zu gewinnen. Kaum jemand lässt sich jedoch von dem Internetauftritt "www.mormonen.de" für
diese Glaubensgemeinschaft begeistern. Denn bei dieser Seite handelt es sich
um eine kritische, welche die Glaubensgrundsätze der "Kirche Jesu
Christi - der Heiligen der letzten Tage" hinterfragt. Nun hat die religiöse
Bewegung Klage beim Frankfurter Landesgericht gegen den Betreiber Gunnar Werner
eingereicht, da die Internetadresse gegen das Namensrecht verstoße. In
erster Instanz erhielt die Gemeinschaft Recht, aber die gerichtliche Auseinandersetzung
ist noch nicht beendet.
Dr. Fritz Huth, Beaufauftrager für Weltanschauungsfragen im Zentrum Ökumene
der EKHN, beleuchtet in einem Interview den Glauben der Mormonen aus evangelischer
Perspektive. Er kritisiert an dieser Gemeinschaft unter anderem, dass es bei
ihnen ein "Zwei-Klassen-System" des Christseins gebe.
Welche Gemeinsamkeiten bzw. Unterschiede gibt es beim evangelischen Christentum und dem Mormonentum?
Huth: Beide glauben an Gott und an das Opfer
Christi zur Befreiung aller Menschen von ihren Sünden. Christen und
Mormonen taufen im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Christen und Mormonen haben allerdings ein unterschiedliches Gottes- und Menschenbild.
Die Mormonen haben eigene Riten, wie beispielsweise die "Taufe für
die Toten" und Tempel-Rituale. Sie ermöglichen nur denen den Zugang
zu höheren Ebenen des Himmels, die diese Rituale gemacht haben. Dadurch
entsteht ein "Zwei-Klassen-System" des Christseins. Es dürfen
auch nur auserwählte Gemeindeglieder in den Tempel.
Die Mormonen haben außerdem einen deutlichen Hang zur "Gesetzes-Religion".
Das Gesetz zu befolgen zählt mehr auf dem Weg zur Erlösung, als auf
die "freien Gnade Gottes" zu vertrauen.
Worin liegt Ihres Erachtens die Motivation der Menschen, sich dem Mormonentum anzuschließen?
Huth: Die "Kirche Jesu Christi" bietet
eine klare, überschaubare Struktur und Hierarchie. Eine eindeutige
Werte-Orientierung gibt den Menschen, die durch die heutige Werte-Vielfalt
in unserer Gesellschaft verunsichert sind, Halt und Geborgenheit.
Die besondere Betonung des Wertes der Familie und die wöchentlich einmal
stattfindenden "Familien-Tage", die weltweit montags stattfinden,
unterstreichen die Bedeutung des Zusammenhaltes in der Familie, die in schweren
Zeiten Schutz und Halt geben kann.
So befriedigt die Kirche vor allem das Bedürfnis nach Sicherheit in einer
unsicher gewordenen Welt, die von Pluralismus, Werte-Verlust und Multi-Kulturalität
geprägt ist.
Politisch stehen viele Mormonen eher auf dem konservativen Flügel.
Wo finden sich Ihrer Meinung nach aus evangelischer Sicht problematische Glaubensüberzeugungen bei den Mormonen?
Huth: Problematisch sind aus evangelischer
Sicht folgende Glaubensüberzeugungen:
Erstens ist es die Vorstellung, Christus sei nach seiner Auferstehung in Nordamerika
den damals dort lebenden Menschen erschienen.
Zum zweiten sehen die Gläubigen den Gründer und "Propheten" Joseph
Smith sowie alle späteren Präsidenten der Kirche als absolute, unhinterfragbare
Autorität an.
Drittens kritisiere ich, dass die "Heilige Schriften", wie beispielsweise
das "Buch Mormon", auf Sonder-Offenbarungen des Gründers zurückgehen.
Auch die "Taufe für die Toten" (1. Korinther 15, 29), die von
Paulus in einem Vers kurz erwähnt wird, zu einer Hauptaufgabe der Mormonen
zu machen, sehe ich als problematisch an. Besonders vor dem Hintergrund, dass
sie die Taufen anderer Kirchen nicht anerkennen.
Zu hinterfragen ist ebenfalls, dass alle Schlüsselämter von Männern
besetzt sind. Frauen sind vom Priestertum ausgeschlossen.
Das Gottes- und Menschenbild der Mormonen kann ich ebenfalls nicht unterstützen.
Sie behaupten: "So wie wir heute sind, ist Gott einst gewesen, wie Gott
ist, werden wir einst sein", behaupten die Mormonen.
Deshalb wird die "freie Gnade Gottes", die von Paulus und Martin
Luther immer wieder betont wird, neu interpretiert: Die Erlösung der Gläubigen
wird vom Befolgen der Gesetze und Verordnungen der mormonischen Gemeinschaft
abhängig gemacht. Dadurch wird der neutestamentliche Gnadenbegriff geradezu
auf den Kopf gestellt.
Daher rührt auch eine auffällige "Gesetzlichkeit" bei den
Mormonen "Nur unter dem Gesetze sind wir frei" wie schon John A.
Widtsoe erwähnt. Es herrscht die Vorstellung, nur die "Kirche Jesu
Christi der heiligen der letzten Tage", wie die Mormonen sich selbstbezeichnen,
der sei die richtige, gottgewollte Kirche. Alle anderen Kirchen seien vom rechten
Glauben abgekommen. Nur die Mormonen hätten die Vollmacht des Priestertums
von Gott erhalten.
Kann man das Mormonentum aus Ihrer Sicht als "Sekte" bezeichnen? Wenn ja, warum?
Huth: Der Begriff "Sekte" ist meiner
Meinung nach grundsätzlich ungeeignet. Ich spreche lieber von "Neuen
religiösen Bewegungen".
Neuere Veröffentlichungen, wie die von Werner Thiede, sprechen von den
Mormonen nicht mehr als von einer "Neuen religiösen Bewegung",
sondern von einer eigenständigen "Neu-Offenbarungs-Religion".
Ich sehe die "Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage" als
eine neureligiöse Bewegung an.
Wie verhält es sich mit der "Vielweiberei" bei den Mormonen?
Huth: Bis 1896 gab es die Praxis der Polygamie
unter den Mormonen. Joseph Smith hat sie selbst praktiziert. Das war ein
auslösender Grund für seine Ermordung. Die Polygamie wurde mit
dem Hinweis auf die alttestamentlichen Patriarchen begründet, die
zum Teil mehrere Frauen hatten, wie beispielsweise Jakob.
Als 1896 Utah als 45. Staat in die Vereinigten Staaten von Amerika aufgenommen
werden wollte, wurde die Abschaffung der Polygamie zur Voraussetzung gemacht.
Der damalige Präsident der Kirche, Wilford Woodruff, schaffte die Polygamie
im Jahre 1890 ab.
Heute gibt es nur noch kleine Splittergruppen der Mormonen, die die Polygamie
praktizieren
Wie läßt sich die Ausbreitung in den letzten Jahren in Deutschland beschreiben?
Huth: Die Ausbreitung ist seit Jahren konstant bei 36.000 Mitgliedern, trotz intensiver missionarischer Bemühungen. In Deutschland arbeiten derzeit ca. 700 Missionarinnen und Missionare. Weltweit sind es 50.000. Es gibt weltweit ca. 11 Millionen Mitglieder in 150 Ländern. Große Erfolge hat die Mission der Mormonen in Südamerika und Ostasien.In Deutschland gibt es 180 Gemeinden und zwei Tempel: Einen in Freiberg in Sachsen und einen in Friedrichsdorf bei Frankfurt.
[Die Fragen stellte Sybille Polland]
zurück | letzte Aktualisierung: 14.09.2007 | copyright by EKHN