Kommentar

14. Januar 2008


Pfarrer Andreas Goetze ermutigt zum Gespräch zwischen Christen und Muslimen

Plädoyer für die Entdeckung der spirituellen Dimension im interreligiösen Dialog


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Arbeitskreis Islam

Libanon-Aufenthalt vom 24. September bis 17. Dezember 2007

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Ist ein vertrauensvoller Dialog zwischen Christen und Muslimen möglich? Die Rede des türkischen Ministerpräsidenten, Recep Tayyip Erdogan, in Köln am 10. Februar 2008 und die Reaktionen darauf, haben erneut die Irritationen zwischen Türken und Deutschen sowie zwischen Muslimen und Christen spürbar werden lassen. Dennoch geht Pfarrer Andreas Goetze davon aus, dass ein gegenseitiges Kennen lernen und ein respektvoller Umgang möglich seien. Eine eigene gelebte Spiritualität sei eine gute Voraussetzung für ein anerkennendes Miteinander. Pfarrer Goetze ist Mitglied des Arbeitskreises Islam und hat sich intensiv mit dem christlich-muslimischen Dialog während seines dreimonatigen Studienaufenthaltes im Libanon auseinander gesetzt. 


Ernüchterndes Ergebnis einer Studie des Weltwirtschaftsforums: Muslime fühlen sich vom Westen nicht respektiert, Europäer fürchten sich vor mehr Dialog mit dem Islam. Doch nicht erst seit dem 11. September 2001 gibt es wechselseitig grundsätzliche Vorbehalte und eine tiefgreifende Skepsis.

Seit dem 11. Jahrhundert galten die Muslime in Europa als Prototyp des Feindes schlechthin. Man benutzte die Abgrenzung (wie schon vorher gegenüber dem Judentum) gegenüber dem Islam, den man als Religion der Gier und Gewalt verächtlich machte, um seine eigene christliche Identität zu stärken.

Haltung der Reformatoren zum Islam

Es wundert nicht, dass der „Türke“ in der Zeit der Reformation für alles stand, was von den rechtgläubigen Christen als Irrlehre abzulehnen war. Martin Luther sah in den Türken als „Gottes rute und des Teuffels diener“ die Strafe für Europas Sünden in früheren Zeiten. Mit der in Europa geschürten „Angst vor der Türkengefahr“ begründete Luther seine Position zum Islam – „weil eben der Tuerk uns nahe koempt“, wie er an Philipp von Hessen schrieb. Der Islam wurde als endzeitliche Macht gedeutet, als „Werkzeug des Antichristen“, der in Rom lebe. Die Gegenreformation reagierte entsprechend und sah in allen Reformatoren „Türken“.

Christen als militärisch begabte „Barbaren“

Das „Feindbild Westen“ ist in der arabischen Welt relativ jungen Datums. Kreuzzüge und die Vertreibung und Ermordung der Muslime (und Juden) durch die christliche Inquisition in Spanien werden wohl als erste Belege für den aggressiven Expansionsdrang des Abendlandes gedeutet, doch von einem regelrechten Feindbild ist kaum etwas zu spüren. Den Franken unterstellte man zwar eine gewisse militärische Begabung, betrachtete sie aber ansonsten als ungebildete „Barbaren“, denen man sich zivilisatorisch – gar nicht mal zu Unrecht in jener Zeit – haushoch überlegen fühlte.

Islamische Welt fühlt sich durch den Westen bedroht

Das Gefühl, durch den Westen in der eigenen Identität bedroht zu sein, beginnt in der islamischen Welt erst im 19. Jahrhundert mit der Einflussnahme europäischer Staaten um sich zu greifen: Militante Aggressivität und kultureller sowie wirtschaftlicher Expansionsdrang ziehen sich seit der Expedition Napoleons nach Ägypten wie ein roter Faden durch die Geschichte zwischen Orient und Okzident und werden heute nicht nur durch Islamisten verstärkt als ein Angriff auf den Islam gedeutet.

Mit spirituellem Bewusstsein Feindbilder überwinden

Kirche und Moschee
Quelle: A. Goetze
Kirche und Moschee in Tripoli

Die Überwindung solcher stereotyper Feindbilder gelingt nur, wenn wir uns der spirituellen Dimension unseres eigenen Glaubens neu bewusst werden. Vielfach ist bei uns ein christlich – muslimischer Dialog der Eliten und Spezialisten anzutreffen, bei dem ähnlich wie unter Diplomaten die eigenen Positionen kritiklos ausgetauscht werden, ohne sich wirklich innerlich zu begegnen.

Dialog der Nachbarschaft

Bei meinem Studienaufenthalt im Libanon habe ich neu erlebt, was es bedeutet, „seit über 1400 Jahren im Alltag respektvoll miteinander zusammenleben zu können“, wie es der griechisch – katholische Patriarch Gregorius III ausdrückte. Es muss sich ein „Dialog der Nachbarschaft“ entwickeln, in dem Christen und Muslime, religiöse wie säkulare, über ihren Glauben kenntnisreich sprechen können. Dieser Kenntnisreichtum schließt Kritik am politischen Missbrauch der (eigenen) Religion mit ein.

Offenheit ermöglichen durch starke, eigene Identität

Erst in der Gewissheit meines eigenen Glaubens werde ich frei, die Gemeinsamkeiten mit dem anderen zu betonen, ohne Angst zu haben, meine Identität zu verlieren. Verstärkte Abgrenzungstendenzen gegenüber dem anderen sind ein Zeichen einer verunsicherten inneren Haltung. Solch ein „Blockdenken“ hält sich deshalb so hartnäckig, weil Kritiker der Denkweise auf der einen Seite die Kritiker auf der anderen Seite nicht kennen (wollen): „Also, wo sind sie denn, die Muslime, die den extremistischen Islam kritisieren?“ – Nun, mindestens im Libanon, denn hier habe ich einige kennen gelernt.

Aufruf führender Muslime zum Dialog und zu Frieden und Gerechtigkeit

„Blockdenken“ ist ein altes Phänomen, heute aber ein durchaus explosives Potential, denn Menschen mit dieser Denkweise sind die ersten, die die Welt im Sinne Samuel Huntingtons Theorie als „Kampf der Kulturen“ sehen. Das von 138 muslimischen Führern aus der gesamtem islamischen Welt unterzeichnete und an die christliche Welt adressierte „common word“ ist in dieser Hinsicht ein zu begrüßender Schritt raus aus den festgefahrenen Schubladen, in die wir uns vielfach hineinmanövriert haben. Es ruft Muslime wie Christen auf, gemeinsame Grundlagen zu entdecken und sich weltweit für Frieden und Gerechtigkeit einzusetzen.

Gelassenheit und Offenheit durch Gewissheit der eigenen christlichen Tradition

„Was –eine Moschee hier bei uns?“, hört man es immer ´mal wieder bei uns. Bis in die Spitze unserer evangelischen Kirche (vgl. EKD - Ratsvorsitzender Bischof Huber) sind auch bei uns Ängste und Bedenken spürbar, noch bevor sich Christen und Muslime begegnen. Es bedarf der Gewissheit meiner eigenen (christlichen) Tradition, das Verwurzelt-Sein in einer lebendigen Gemeinde, dass in mir eine Spiritualität reifen kann, mit der ich mich nicht abgrenzen muss, mit der ich Raum lassen kann für den anderen und seinen Glauben. Die spirituelle Dimension des Dialogs atmet Glaubenszuversicht und den Geist der Versöhnung. Nachdenklich hat mich gemacht, was der syrisch – orthodoxe Priester Abuna Paolo anmerkt: „Solange wir den Islam bekämpfen, spüren wir die Trennungen unter uns Christen. Wenn wir auf die Muslime zugehen, führt das auch bei uns Christen zur Einheit“.

Gemeinsame Fragen verbinden

Zahlreiche Glaubensinhalte, Werte und sogar Praktiken haben Christen und Muslime (und Juden) gemeinsam oder sie sind sich genügend ähnlich, um uns zum Dialog zu drängen. Doch es geht nicht allein um notwendiges Wissen. In der (Wieder-) Entdeckung der spirituellen Dimension des Dialogs kann vor allem eine von Herzen praktizierte Religion die Verwandtschaft zur Geltung bringen. Wir haben uns daran gewöhnt, sofort auf unsere unterschiedlichen Antworten zu schauen als erst einmal gemeinsam zu entdecken, wie viele Fragestellungen uns verbinden. Viele der uns aus der christlichen Theologie- und Dogmengeschichte vertrauten Fragen sind ebenfalls in der islamischen Theologie diskutiert worden oder werden es immer noch. Wie kann ich von dem einen, transzendenten, unsichtbaren Gott in der sichtbaren Welt reden? Wie denken und glauben wir die Vermittlung von Gottes Wort? Wie hängen Glauben und Handeln zusammen? Ich habe immer wieder Muslime erlebt, die vor glaubwürdig frommen Christen große Hochachtung haben. So ist es auch im Koran beschrieben.

Mut zum Perspektivwechsel

Sich feindlich oder überlegen geben, den anderen karikieren oder als einheitlichen Block wahrnehmen, die Unterschiede in falsch verstandener Toleranz einebnen, all das sind keine spirituellen Haltungen im Dialog. Erst wenn wir beginnen, in unseren Herzen Raum zu geben für die Glaubensgeschichte und die Erfahrungen des anderen und lernen, die Welt mit ihren Augen zu sehen, würde auch der oftmals polemische bzw. apologetische Unterton der Äußerungen einem mehr respektvollen Miteinander weichen. Wir werden uns dann bewusster, dass man auf unterschiedliche Weise auf einem spirituellen Weg mit/ zu Gott unterwegs ist.

[Pfarrer Andreas Goetze / RD / DB]