Bericht
Wege zu einem offen christlich-muslimischen Dialog
Diskussion mit christlichem Theologen aus dem Libanon
„Zuerst begegnen wir im interreligiösen Dialog keiner Religion, sondern wir begegnen Menschen,“ sagte Ilona Klemens, Pfarrerin für interreligiösen Dialog in Frankfurt. Anlass war die Veranstaltung unter dem Titel "Wenn Christen mit Muslimen leben" in der Evangelischen Stadtakademie in Frankfurt am 24. April, bei der sie sich an einer Podiumsdiskussion beteiligte. Weitere Teilnehmende waren Prof. Dr. George Sabra, Dekan der Evangelisch-Theologischen Hochschule für den Nahen Osten in Beirut, Pfarrer Dietmar Burkhardt, Beauftragter für interne Kommunikation in der EKHN und Moderatorin Susanna Faust, Beauftragte für interreligiöse Fragen im Zentrum Ökumene der EKHN.
Bildung und Veränderungsbereitschaft als Bedingung für gelingende Begegnungen in Deutschland
Offenheit und Veränderungsbereitschaft waren für die Diskussionspartner wesentliche Bedingungen für einen gelingenden Dialog und ein friedliches Zusammenleben. „Wenn wir uns in Deutschland als Einwanderungsland verstehen, dann heißt Integration: Niemand kann so bleiben, wie er ist. Sonst müssten sich nur die anderen ändern“, betonte Pfarrer Dietmar Burkhardt. Er sprach sich dabei aus, Vertreter bestimmter Berufsgruppen wie Juristen, Psychologen, Sozialarbeiter, Krankenschwestern oder Ärzte für den eigenen interreligiösen und interkulturellen Dialog im Beruf zu begeistern. Für Journalisten führt er bereits Informationsveranstaltungen durch, um sie über den Islam und seine Darstellung in der Medienlandschaft zu sensibilisieren. Weiterhin befürwortet er eine zeitlich begrenzte Quote in bestimmten Berufsgruppen und Fachverbänden, um hier den Anteil an MigrantInnen und Angehöriger anderer Religionen zu erhöhen.
Ilona Klemens hob hervor, dass es bereits jetzt direkte Begegnungen in den Stadteilen gebe, allerdings seien sie oft von Kirchen oder anderen offiziellen Stellen organisiert.
Anfangs hatte sie festgestellt, dass Christen in Deutschland Anfragen von Muslimen oft nicht adäquat beantworten könnten, da sie sich oft nicht sehr gut über ihre eigene Religion auskennen. Hier waren sich die Diskussionsteilnehmer einig, dass Bildung eine wesentliche Voraussetzungen für den Dialog sei – das Wissen um die eigene und die fremde Religion. Hier unterstrich Prof. Sabra, dass die Begegnungen im Alltag zwischen Menschen unterschiedlicher Religionen auch von deren theologischem Hintergrund und ihren religiösen Überzeugungen geprägt seien – selbst wenn es sich dabei nur um ungefähre Vorstellungen handele.
Pfarrerin Ilona Klemens erklärte, dass Pauschalisierungen in Gesprächen hinderlich seien. „Es hilft, den anderen so zu verstehen, wie er sich selbst versteht,“ so die Pfarrerin.
Vortrag: Christliche Antworten auf den Islam im Nahen Osten
Vor der Diskussion hatte Prof. Sabra in einem Vortrag die Vorstellungen von Christen und Muslimen über die jeweils andere Religion und die Voraussetzungen für einen Dialog erläutert. Dabei umriss er zunächst die offizielle Antwort des Islam auf das Christentum: Danach gehöre Jesus zu den Propheten, die die Einzigartigkeit Gottes und sowie religiöse und moralische Richtlinien für die Menschen verkündet haben. Allerdings hätten seine Anhänger seine Botschaft verfälscht und deshalb sandte Gott den Propheten Mohammed, der dann die endgültige Offenbarung Gottes festhielt. So spiele das Christentum zwar eine bedeutende Rolle in der Heilsgeschichte, aber der Islam sei die einzig wahre Religion.
„Im Gegensatz dazu gibt es keine Eindeutige Antwort des Christentums auf den Islam,“ so der libanesische Theologe. Es haben sich unterschiedliche Sichtweisen im Laufe der Jahrhunderte herausgebildet. Sabra arbeitete fünf Richtungen heraus, die Bedeutung im Nahen und Mittleren Osten haben:
- Es gebe noch heute fundamentalistisch orientierte Christen, die den Islam als Irrlehre bezeichnen. Diese Auffassung werde allerdings nicht von gebildeten christlichen Theologen aus dem Nahen Osten geteilt.
- Mohammed wird als ein Prophet anerkannt, der die Botschaft Gottes den Arabern verkündete, um die Vielgötterei abzuschaffen. Hier steht Mohammed in der Tradition der Propheten des Alten Testaments. Aus dieser Annahme entwickelt sich auch die Vorstellung, dass der Islam eine abrahamitische Religion wie das Judentum und das Christentum sei.
- Andere christliche Theologen sahen und sehen den Islam vorwiegend als Gesetzesreligion, da die religiösen und ethischen Pflichten genau festgelegt seien.
- Eine andere Strömung sieht den Islam als eine Religion mit lokalem Bezug für Araber. Darüber hinaus beinhalte der Koran die gleichen Wahrheiten wie das Christentum, das diese allerdings wesentlich weiter entwickelt habe.
- Schließlich wird die Auffassung vertreten, dass alle Religionen rechtmäßige Wege sind, um zu Gott zu kommen. Für Gott selbst sind die Religionen eine Möglichkeit, sich unterschiedlichen Menschen in unterschiedlichen Zeiten und Situationen zu offenbaren. Der Wahrheit ließe sich nur näher kommen, wenn man davon ausginge, dass das Absolute die Unendlichkeit und alle Widersprüche vereint. Diese Haltung sei allerdings unter christlichen Theologen im Mittleren Osten ziemlich neu.
Der sechste Weg
Schließlich plädierte George Sabra für eine Aussage Jürgen Moltmanns, nach der die Wahrheit für uns Menschen dialogisch sei. Nur im Dialog könnten wir miteinander die Wahrheit entdecken. Das setze allerdings voraus, dass man den anderen nach seinem Selbstverständnis frage und die eigene Überzeugung über den anderen zurück stelle. „Zu einem ehrlichen und authentischen Dialog gehört allerdings, dass jede Seite ihr Selbstverständnis kritisch im Licht des anderen prüft,“ so Sabra.
Die Hindernisse
Allerdings macht Sabra ein Hindernis im Dialog aus. So wissen christliche Theologen um die historisch-kritische Analyse biblischer Texte, muslimische Theologen hingegen möchten diese Methode für die Texte des Koran nicht anwenden. Für sie gilt der Koran als die Offenbarung Gottes. Außerdem verhindere der Fundamentalismus in einigen muslimisch geprägten Ländern eine gute Gesprächsatmosphäre. „Der christlich-islamische Dialog im Mittleren Osten ist deshalb vor allem ein Gespräch über die Angelegenheiten des Zusammenlebens, was ich als den Dialog des Lebens bezeichne“, beschrieb der libanesische Theologe.
Die Hoffnung
Sabra nahm dennoch an, dass ein echter Dialog irgendwann beginnen werde. Dann sei eines sicher: „Er wird beide Dialogpartner verändern.“
[Rita Deschner, DB]
zurück | letzte Aktualisierung: 28.04.2009 | copyright by EKHN