Meldung
Klares Nein zu nationalistischen Kräften aus der Türkei und Deutschland
Stellungnahme zu den Ansichten der Grauen Wölfe
Gegen die nationalistischen Bestrebungen der Grauen Wölfe und die nationalistischen Kräfte aus der deutschen Bevölkerung haben sich die Kirchen aus der Lahn-Dill-Region mit einer Stellungnahme am 16. Februar 2011 ausgesprochen. Darin heißt es: „Diese Ideologien lehnen wir ab, da sie auf Vorherrschaft, Gewalt und Intoleranz gründen. Zeichen wie ‚Hakenkreuz’ oder der ‚Wolfsgruß’ sind mitnichten Zeichen kultureller Identität, sondern stehen vorrangig für politische Ziele.“
Unstimmigkeiten der Kommunalpolitik als Ursache
Anlass dieser Stellungnahme war, dass Mitglieder des Ausländerbeirats in Wetzlar wegen der Nähe zu den "Grauen Wölfen" in die Kritik geraten sind. Einer von ihnen war der Beiratsvorsitzende Bayram Serin, der daraufhin auf eine SPD-Kandidatur für das Stadtparlament verzichtete. Die Kommunalpolitik hatte sich zurückhaltend bis gar nicht zu dem Thema positioniert. Deshalb entschlossen sich die Kirchen, klar Stellung zu beziehen. Unterzeichnet haben das Papier auch Persönlichkeiten aus der EKHN wie Michael Karg, Propst für Nordnassau, die Herborner Dekanin Annegret Puttkammer, der Dillenburger Dekan Roland Jaeckle, der Gladenbacher Dekan Matthias Ullrich und Karl Müßener, Geschäftsführer des Diakonisches Werks Herborn-Dillenburg.
Die Grauen Wölfe und ihre Ziele
Doch wer sind die Grauen Wölfe? „Die Grauen Wölfe sind eine nationalistische Bewegung aus der Türkei und die Organisation strebt ein großtürkisches Reich an“, erklärt Pfarrerin Susanna Susanna Faust Kallenberg, Beauftragte für interreligiöse Fragen im Zentrum Ökumene der EKHN. Zielrichtung sei dabei allerdings keinesfalls die westliche Welt, sondern die Region Mittelasien. „Die Grauen Wölfe sehen sich in der Tradition der Turkvölker. Die Religion ist Teil der nationalistischen Identität. Sie wird als solche instrumentalisiert, während gleichzeitig das Nationalbewusstsein überbetont wird. Die Mitglieder wollen sich vor allem von Kurden, Kommunisten, Juden, Christen und Freimaurern abheben und haben diese Gruppen zum Teil zu ihrem Feindbild erklärt. In Deutschland sind die Grauen Wölfe daran interessiert, die türkische Identität junger Menschen mit türkischem Migrationshintergrund zu stärken, da die Befürchtung besteht, dass diese mit zunehmender Integration ihre türkische Identität verlieren könnten. Laut Presseberichten beobachtet das Landesamt für Verfassungsschutz die extrem-nationalistische „Föderation der türkisch-demokratischen Idealistenvereine in Deutschland“ (ADPTDF) als auch deren Anhänger die Grauen Wölfe. Dort wurde bestätigt, dass die Grauen Wölfe versuchten, in etablierten demokratischen Parteinen Fuß zu fassen.
Abschließend betont Susanna Faust Kallenberg: „Als Kirche sind wir an einem Dialog mit Muslimen interessiert – der Islam ist aber keinesfalls mit den Grauen Wölfen gleichzusetzen. Von ihnen distanzieren wir uns.“
Stellungnahme im Wortlaut
Wir, die Evangelische und Katholische Kirche in der Region, sind seit vielen Jahren verlässliche Partner der Integration im Lahn-Dill-Kreis. Es gehört zum Selbstverständnis von Kirche und ihrer Einrichtungen, das Miteinander einheimischer und zugewanderter Bürgerinnen und Bürger zu fördern und zu stärken.
Das kontinuierliche Gespräch mit Migrantenvereinen und Netzwerkarbeit bei den Integrationsbemühungen ist uns ein Herzensanliegen.
Dabei gilt es Widerstände zu überwinden, die zum Teil in Vorurteilen und Ängsten der einheimischen Bevölkerung begründet sind, zu einem weiteren Teil in Vorurteilen und Ängsten der zugewanderten Bevölkerung. Hier gilt es Vertrauen aufzubauen, persönliche Kontakte zu knüpfen und Schritt für Schritt gemeinsam Wege zu gehen. Diese Kontakte ermöglichen es, sachliche und fachliche Probleme der Integration anzugehen und aus unterschiedlichen Blickwinkeln miteinander zu beleuchten.
Widerstände gegen die Integrationsarbeit kommen vor allem von nationalistischen Kräften, die mit ideologischen Vorgaben eine Integration verhindern wollen. Hierzu zählen neben nationalistischen Kräften aus unserem Land auch die nationalistischen Bestrebungen der Grauen Wölfe mit ihren Dachorganisationen. Diese Ideologien lehnen wir ab, da sie auf Vorherrschaft, Gewalt und Intoleranz gründen. Zeichen wie ‚Hakenkreuz’ oder der ‚Wolfsgruß’ sind mitnichten Zeichen kultureller Identität, sondern stehen vorrangig für politische Ziele.
Wir fordern verantwortliche Politiker und Migrantenvertreter auf, sich deutlich zu distanzieren. Sonst nehmen die gemeinsamen Wege der Integration Schaden. Es geht darum, eine Integration mit menschlichem Gesicht voranzubringen, in der Werte wie Demokratie und Toleranz, Kritik und Lernen, Vertrauen und Akzeptanz handlungsleitend sind.
Als Evangelische und Katholische Kirche in der Region sind wir weiterhin Partner der Integration und hoffen auf ein breites Bündnis, das für das Gelingen eines friedlichen und menschlichen Miteinanders einsteht.
Wetzlar, Herborn, Dillenburg, im Februar 2011
Pfarrer Roland Rust, Superintendent
Evangelischer Kirchenkreis Braunfels
Pfarrer Dr. Christof May, Bezirksdekan Katholischer Bezirk Wetzlar
Pfarrerin Ute Kannemann, Superintendentin
Evangelischer Kirchenkreis Wetzlar
Pfarrer Michael Karg, Propst
Propstei Nordnassau
Pfarrer Michael Niermann, Bezirksdekan
Katholischer Bezirk Lahn-Dill-Eder
Pfarrerin Annegret Puttkammer, Dekanin
Evangelisches Dekanat Herborn
Pfarrer Peter Kollas, Vorsitzender
Caritasverband Lahn-Dill-Eder
Pfarrer Roland Jaeckle, Dekan
Evangelisches Dekanat Dillenburg
Ursula Müller, Presbyteriumsvorsitzende
Evangelische Kirchengemeinde Niedergirmes
Pfarrer Matthias Ullrich, Dekan
Evangelisches Dekanat Gladenbach
Pfarrer Andreas Müller-Eidam, Beauftragter
für das christlich-islamische Gespräch
Evangelischer Kirchenkreis Braunfels
Pfarrer Heiko Ehrhardt, Beauftragter für das christlich-islamische Gespräch
Evangelischer Kirchenkreis Wetzlar
Diakon Harald Würges, Beauftragter
für Ausländer und Flüchtlingsfragen
Evangelische Kirchenkreise Braunfels und Wetzlar
Karl Müßener, Geschäftsführer
Diakonisches Werk Herborn-Dillenburg
[Rita Deschner]
zurück | letzte Aktualisierung: 21.02.2011 | copyright by EKHN