Interview

9. März 2011

Chancen für friedliche Beziehungen zwischen Christen und Muslimen

Vertreter der großen Religionen verurteilen das Attentat am Frankfurter Flughafen

„Gewachsenes Vertrauen“ ist das Stichwort, mit denen die Pfarrerin für den interreligiösen Dialog in Frankfurt, Ilona Klemens, ihre Erfahrungen mit Vertretern des Islam auf den Punkt bringt. Damit schildert sie zugleich die Atmosphäre im Rat der Religionen in Frankfurt, deren Geschäftsführerin sie ist. In dem Rat sind Vertreter christlicher Kirchen sowie Mitglieder islamischer, buddhistischer und hinduistischer  Religionsgemeinschaften beteiligt. Auch Mitglieder der Sikh und der Bahai´s gehören dazu.

Doch dann schrecken Attentate wie die tödlichen Schüsse eines muslimischen Albaners auf zwei amerikanische Soldaten am Frankfurter Flughafen am 2. März 2011 die Bevölkerung auf. Der Rat der Religionen hat am 4. März dazu Stellung bezogen. Darin  verurteilt er das Attentat auf das schärfste und spricht den Angehörigen der Opfer sein herzliches Beileid aus. In einer Mitteilung heißt es: „Der Rat wiederholt seine strikte Ablehnung jeglicher Form des religiösen Fanatismus und religiös motivierte Gewalt.“

Nach Auffassung des Rates dürften allerdings fanatisierte Attentäter nicht das Bild einer ganzen Bevölkerungsgruppe und Weltreligion prägen. Welche Erfahrungen mit Muslimen können dann das Bild des Islam realitätsnäher prägen, bei dem religiös motivierte Attentate nicht verharmlost werden, positive Begegnungen aber ihre wegweisende Bedeutung erhalten?  Darüber sprach die Online-Redaktion mit Ilona Klemens.

Wie haben die Muslime auf das Attentat reagiert, mit denen Sie in Kontakt stehen?

Ilona Klemens: Wie der Rest der Gesellschaft auch: mit blankem Entsetzen und Abscheu.


Solche Attentate können dazu führen, dass manche Menschen eine misstrauische, bzw. abwehrende Einstellung gegenüber muslimischen Mitbürgern entwickeln. Wie begegnen Sie den dahinter liegenden Befürchtungen?
           
Ilona Klemens: Ich kann verstehen, dass Menschen Angst vor Attentaten haben. Ich kann auch verstehen, dass man Befürchtungen hat, eine gewaltbereite, extremistische Interpretation des Islam könnte sich weiter verbreiten. Diesen Entwicklungen muss mit allen rechtsstaatlichen Mitteln entgegengewirkt und entsprechende Verbrechen geahndet werden.
Diese Angst nun aber auf alle Muslime zu übertragen ist falsch und als Generalverdacht abzulehnen. Solch kollektives Misstrauen ist Gift für das Zusammenleben. Hier sehe ich uns als Christinnen und Christen gefordert zu differenzieren. 


Können Sie ein Beispiel nennen?

Ilona Klemens: In solchen Fällen erzähle ich gern eine persönliche Erfahrung aus den USA, wo ich vor knapp 20 Jahren studierte als in Ostdeutschland die Asylbewerberwohnheime brannten. Ich wurde von vielen Amerikanern in einer Art und Weise angesprochen, als sei ich persönlich mitverantwortlich – schließlich bin ich ja auch Deutsche. Die Medien dort haben darüber berichtet als hätte sich in Deutschland seit 1933 nichts verändert. Ich weiß noch wie entsetzt ich war.


Was bedeutet dies für das Zusammenleben mit Muslimen?

Ilona Klemens: Ich würde mir wünschen, dass wir endlich ernst nehmen, dass Muslime so viel mit gewaltbereiten Islamisten zu tun haben, wie die meisten Deutschen mit Neonazis. Gleichzeitig sind beide Formen des Extremismus ernst zu nehmen und wir müssen uns fragen, warum Menschen sich radikalisieren. Dies ist aber eine gemeinsame Aufgabe aller demokratischen Kräfte in unserer Gesellschaft. Und da wo religiöse Motive ins Spiel gebracht werden, müssen wir gemeinsam aus unseren jeweiligen religiösen Traditionen heraus dagegen argumentieren und handeln.


Mit welcher Haltung begegnen Sie Muslimen, die Sie neu kennen lernen?

Ilona Klemens: Ich begegne ihnen mit der Haltung, mit der ich jedem anderen Menschen begegne, den ich neu kennen lerne. Ich frage zurück: Wie möchten wir, dass man uns begegnet? Es gibt doch eine einfache, sogar biblische Regel: So wie man selbst behandelt werden möchte, sollte man auch andere behandeln.(Mt 7,12)
Ich sehe keinen Anlass dafür aufgrund der Religionszugehörigkeit einen Unterschied zu machen. Dann würde ich die religiöse Identität zum singulären Merkmal eines Menschen erklären, was aus meiner Sicht völlig unangemessen ist. Nur Fundamentalisten bestehen auf der Religion als Hauptkennzeichen einer Person.
Und was sollte das auch konkret heißen? Jeder Mensch hat zuerst ein Anrecht darauf, als Individuum gesehen zu werden und nicht als Mitglied einer einzigen Gruppe, die in diesem Fall über eine Milliarde Mitglieder zählt und in sich sehr heterogen ist.  Alles Weitere ergibt sich aus der konkreten Erfahrung, die ich mache.


Welches war für Sie der schönste Erfolg im Dialog mit Muslimen?

Ilona Klemens: Erfolge im Dialog sind gemeinsame Erfolge, nie die eines einzelnen Menschen. Ich glaube wir, d.h. Christen und Muslime zusammen, haben in Frankfurt in den letzten Jahren viele verlässliche, vertrauensvolle Beziehungen und auch feste interreligiöse Strukturen wie den Rat der Religionen aufbauen können, von denen wir hoffen, dass sie in die Gesellschaft zu wirken vermögen. Gerne erinnere ich mich an viele kleine Begegnungen und Momente, in denen festgefahrene Vorstellungen voneinander aufgebrochen werden konnten. Der Dialog ist eben immer ein Dialog zwischen Menschen, ganz konkret von Angesicht zu Angesicht und nicht zwischen Religionen im abstrakten Sinne. Mit Pröpstin Gabriele Scherle treffen wir uns z.B. gemeinsam einmal im Jahr in Frankfurt mit vielen verschiedenen Vertreterinnen und Vertretern muslimischer Gemeinden und Verbände. Hier ist Vertrauen gewachsen und es wird, salopp gesagt, richtig „Tacheles“ geredet.
Da können auch Konflikte die Beziehungen nicht mehr gefährden, sondern werden ausgehalten. Vieles geschieht fernab medialer Öffentlichkeit, die oft dem journalistischen Gesetz unterworfen ist, dass nur schlechte Nachrichten es wert sind, dass man über sie berichtet.
Und ich möchte, last but not least, erwähnen, dass ich durch diese gemeinsame Arbeit wunderbare Menschen kennen gelernt habe, die mittlerweile meine Freundinnen und Freunde geworden sind – das ist für mich persönlich der größte Gewinn.

 


[Rita Deschner]