Interview

9. Dezember 2011

Kirchenpräsident Volker Jung besucht interreligiösen Religionsunterricht in Offenbach

Ein Schüler: „Der Religionsunterricht hat mir geholfen, meine Mitschüler besser zu verstehen“

Während über die Voraussetzungen für einen Islamunterricht an deutschen Schulen weiterhin verhandelt wird, gibt es an der Offenbacher Theodor-Heuss-Schule bereits gemeinsamen Religionsunterricht für jüdische, muslimische und christliche Schüler. Im Sommer wurde das Projekt mit dem Hildegard Hamm-Brücher-Preis ausgezeichnet. Am Freitag besuchte der Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Dr. Volker Jung, die Schule.

Möglichkeit zur Auseinandersetzung

Das Pelin, Jasmina und Tayyaba sich als Muslimas für den Religionsunterricht begeistern könnten, hätten sie vor vier Jahren noch nicht gedacht. In der Grundschule hatten sie immer eine Freistunde, wenn ihre christlichen Mitschüler den evangelischen oder katholischen Religionsunterricht besuchten. Später hatten sie dann Ethikunterricht, „dort waren fast nur muslimische Schüler“, berichtet Tayyaba. Erst nach ihrem Wechsel an das Wirtschaftsgymnasium der Offenbacher Theodor-Heuss-Schule hatten die Schülerinnen Gelegenheit, sich auch in der Schule mit dem Thema Religion auseinanderzusetzen: mit ihrer eigenen, dem Islam, und auch mit der christlichen und jüdischen.

Neue Wege für den Religionsunterricht

Zu verdanken haben sie das einer engagierten Schulleitung, die angesichts des multireligiösen Hintergrunds ihrer Schülerschaft auf dem Gebiet des Religionsunterrichts neue Wege gegangen ist. Um die Idee eines interreligiösen Unterrichtsjahrs zu verwirklichen, stellte Schulleiter Heinrich Kößler vor vier Jahren die muslimische Theologin und Religionswissenschaftlerin Gonca Aydin ein. Zusammen mit der evangelischen Pfarrerin Carolin Simon-Winter und dem katholischen Religionslehrer Burkhard Rosskothen bieten sie im Team Religionsunterricht für Schülerinnen und Schüler der 11. Klasse an.

Der Kirchenpräsident spricht sich dafür aus, den interreligiösen Dialog zu fördern

Inzwischen hat der besondere Religionsunterricht an der Offenbacher Schule so viel Aufmerksamkeit erregt, dass der Kirchenpräsident der EKHN, Dr. Volker Jung, sich am Freitag (9. Dezember) persönlich ein Bild darüber gemacht hat. Im Gespräch mit der Schulleitung, Schülern und dem Lehrer-Team sagte der Kirchenpräsident: „Gerade in Zeiten religiös aufgeladener Konflikte ist es Aufgabe der Kirche, den Dialog zwischen unterschiedlichen Religionen und Weltanschauungen zu fördern. Der Religionsunterricht ist dafür eine gute Möglichkeit.“ Hier würden die Konflikte ebenso sichtbar wie die Chancen zu einem friedlichen Miteinander. Wichtig sei es, in der Schule Respekt und Toleranz einzuüben. Ziel des Religionsunterrichtes müsse es auch sein, „in der eigenen Religion eine Heimat zu finden, ohne andere Glaubensrichtungen abzuwerten“. Jung wies darauf hin, dass das Projekt keine Alternative zum konfessionellen Religionsunterricht sei. „Angesichts einer zunehmend vielfältiger werdenden Schülerschaft und der konkreten Möglichkeiten hier vor Ort finde ich das Projekt vorbildlich“, betonte Jung.

Schüler haben Vorurteile abgebaut

Die türkischstämmige Pelin war vom interreligiösen Unterricht in der 11. Klasse so angetan, dass sie sich in der 12. Klasse in den evangelischen Religionsunterricht eingewählt hat und in diesem Fach auch Abitur machen möchte. „Meine Eltern fanden das anfangs komisch, mittlerweile freuen sie sich darüber“, sagt die Schülerin, denn in ihrer Glaubensüberzeugung als Muslima ist sie seither eher noch bestärkt worden. Sie bietet Führungen am Tag der Offenen Moschee an und engagiert sich bei den Interkulturellen Wochen in Offenbach. „Ich kann andere Religionen besser verstehen und meine eigene besser repräsentieren“, sagt sie selbstbewusst. Eine Erfahrung, die auch andere Schüler teilen. Der evangelische Schüler Max gibt offen zu, früher Vorurteile gegenüber Muslimen gehabt zu haben. „Der Religionsunterricht hat mir geholfen, meine Mitschüler besser zu verstehen“, sagt er. Schulleiter Heinrich Kößler freut sich über die Anerkennung des interreligiösen Unterrichtsprojekts an seiner Schule. Den Erfolg misst der Rektor ganz pragmatisch: „Bei uns meldet sich niemand aus dem Religionsunterricht ab.“

 


[ Claudia Pfannemüller]