Interview

02. April 2003

Wieviel Kirche braucht die Wirtschaft?

Interview mit Brigitte Bertelmann

Welche Aufgaben haben Sie als Referentin für Ökonomie?

Brigitte Bertelmann: Ich werde wirtschaftswissenschaftliche, finanz- und wirtschaftspolitische Aspekte in die Arbeit des Zentrums einbringen. Zur Zeit bilden Themen wie die Zukunft der Arbeitsgesellschaft, das Thema Armut und Reichtum und die grundlegende Reform der sozialen Sicherungssysteme Arbeitsschwerpunkte des Zentrums.
Zu meiner Arbeit gehört auch, die Kontakte und die Zusammenarbeit zwischen Kirche und Unternehmen, Verbänden, Gewerkschaften und gesellschaftlichen Gruppen weiter auszubauen und zu intensivieren. Ich möchte dazu beitragen, dass öffentlich auch über die Normen und Werte, die unserer Wirtschaftsordnung zugrunde liegen, nachgedacht und diskutiert wird.

Gibt es bereits kirchliche Vertreterinnen und Vertreter, die in wirtschaftlichen Unternehmen arbeiten?

Brigitte Bertelmann: Es gibt Theologinnen und Theologen, die in Unternehmen z.B. im Personalbereich beschäftigt sind. Sie sind dies aber nicht als VertreterInnen von Kirche. Es gibt außerdem zahlreiche Beispiele wo Theologinnen und Theologen, Psychologinnen und Psychologen sowie Philosophinnen und Philosophen fest in Unternehmen angestellt sind, um die Entwicklung beispielsweise von ethischen Leitbildern voranzutreiben sowie Kommunikations- und Weiterbildungskonzepte zu erarbeiten. Häufig werden diese Leistungen auch von externen Expertinnen und Experten eingekauft.
Das Zentrum gesellschaftliche Verantwortung bietet für Pfarrerinnen und Pfarrer, Vikarinnen und Vikare sowie für Theologie Studierende in Seminaren und Praktika die Möglichkeit Unternehmen kennenzulernen. Dies geschieht durch eintägige Besuche in verschiedenen Unternehmen, aber auch durch längere Praktika oder mehrtägige Hospitationen. Diese Besuche schließen intensive Gespräche mit Führungskräften und Betriebsräten ein und sind oft der Ausgangspunkt für weitere intensivere Kontakte.

In welchen Feldern kann Kirche die Wirtschaftskultur mitbestimmen?

Brigitte Bertelmann: Kirche versteht sich als mitverantwortliche und mitgestaltende gesellschaftliche Kraft, die die Würde des arbeitenden Menschen in den Mittelpunkt stellt, wenn notwendig auch die Ökonomisierung aller Lebensbereiche und das Diktat des Marktes kritisch hinterfragt und sich an der Entwicklung von Alternativen beteiligt.
Einfluss auf die Wirtschaftskultur eines Landes kann sie auf verschiedene Weise nehmen: durch vertrauensvolle Kontakte und Überzeugung, durch Beteiligung am politischen Diskurs und durch Einfluss auf die öffentliche Meinung und die Gesetzgebung. Alle Entwicklungen und Anpassungsprozesse, die dadurch ausgelöst werden, müssen aber von Menschen in einzelnen Unternehmen, in Verwaltung und anderen Einrichtungen umgesetzt werden und können deshalb sehr unterschiedlich verlaufen.

Wie gestaltet sich ethisches Handeln innerhalb der Wirtschaft?

Brigitte Bertelmann: Dies kann in nahezu sämtlichen Bereichen der Wirtschaft geschehen. Wer in einem Unternehmen Entscheidungen zu treffen hat steht vor der Herausforderung, die Ziele des Unternehmens, z.B. möglichst hohe Gewinne, zu verfolgen ohne ethische Wertvorstellungen aus den Augen zu verlieren. Dabei geht es um Produktionsmethoden und Arbeitsbedingungen aber auch um die Gleichberechtigung von Frauen und Männern am Arbeitsplatz oder um familiengerechte Gestaltung von Arbeitszeiten.
Auch in Beziehungen zwischen Unternehmen wie beispielsweise Kunden-Lieferanten-Beziehungen ist ethisches Handeln von großer Bedeutung. Stichpunkte sind Zuverlässigkeit, Qualität und Zahlungsmoral. In der Weltwirtschaft zeigt sich angewandte Ethik durch internationale Abkommen und Qualitätssiegel beispielsweise für Produkte, die nicht mit Kinderarbeit erstellt werden.

Haben ethische Prinzipien gegenwärtig bereits eine Bedeutung für Unternehmen?

Brigitte Bertelmann: Ja. Gerade in größeren Unternehmen werden seit einigen Jahren mit großem Aufwand Unternehmensleitbilder entwickelt, die sich an ethischen Grundsätzen orientieren. Diese dienen zum einen der Darstellung des Unternehmens nach außen, das heißt gegenüber Kunden und der Öffentlichkeit. Bertriebsintern wollen sie die Mitarbeitenden auf hohe Qualitätsmaßstäbe verpflichten, sie aber auch dadurch motivieren. Allerdings lassen sich Qualitätsstandards und Umweltbewußtsein nur dann umzusetzen, wenn sie von der Unternehmensleitung und dem Management glaubwürdig vorgelebt werden.
Dies gilt insbesondere auch dort, wo die Eigentümerinnen und Eigentümer ihr kleineres oder mittleres Unternehmen noch selbst leiten und eine enge persönliche Beziehung und Verantwortung für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und den Standort haben.

Wo tauchen Probleme auf?

Brigitte Bertelmann: Problematisch wird es vor allem dann, wenn ein Unterschied zwischen dem theoretischen Konzept und der geübten Praxis, beispielsweise im Umgang mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern besteht. Auch wenn unternehmerisches Verhalten, das gerade die gesetzlichen Mindestnormen erfüllt als ein in besonderem Maße ethisch begründetes Verhalten dargestellt wird, kann es zu Schwierigkeiten kommen. Wenn ethische Grundsätze nur zur Imageverbesserung verkündet werden, aber nicht wirklich Eingang in die Unternehmenskultur finden, werden diese schnell als nur vordergründig entlarvt.

Was haben Unternehmen von einer ethisch begründeten Unternehmenskultur?

Brigitte Bertelmann: Betriebe machen die Erfahrung, dass sich ethische Grundsätze langfristig rechnen. Werden sie im Bereich der Personalpolitik umgesetzt, motivieren sie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und binden sie an das Unternehmen. Außerdem tragen sie zu sicheren und zuverlässigen Geschäftsbeziehungen bei und wirken sich positiv auf das Image des Unternehmens aus. Das gleiche gilt für Standards bei umweltfreundlichen Produkten.
Kurzfristig kann es aber unbestreitbar zu Konflikten mit betrieblichen Zielen kommen, bis hin zu Wettbewerbsnachteilen, vor allem im internationalen Vergleich.

Wie reagieren Mitarbeiter von Wirtschaftsunternehmen auf die Arbeit von Ethikern innerhalb ihres Arbeitsbereiches?

Brigitte Bertelmann: Wie bei den meisten Änderungen, reagieren Mitarbeitende zunächst meist abwartend, skeptisch bis misstrauisch. Entscheidend ist deshalb die Glaubwürdigkeit mit der die Unternehmensleitung ethische Grundsätze selbst umsetzt und praktiziert und die Art und Weise, in der die MitarbeiterInnen in die Entwicklung und Umsetzung einer neuen Unternehmenskultur einbezogen werden.

Wie sehen die ethischen Ziele aus, die innerhalb der Wirtschaft verwirklicht werden sollen?

Brigitte Bertelmann: Ganz oben steht die nachhaltige Bewahrung der Schöpfung und damit der Lebensgrundlage aller Menschen, Tiere und Pflanzen und der Schutz der Würde des arbeitenden Menschen. Das bedeutet einen grundsätzlichen Vorrang der menschlichen Arbeit vor dem Produktionsfaktor Kapital und eine Würdigung und Wertschätzung auch der Arbeit, die nicht Erwerbsarbeit ist, aber für unsere Gesellschaft von existenzieller Bedeutung.


Die Fragen stellte Sybille Polland