Meldung
„Wenn das kommt, sitzen wir in fünf Jahren nicht als Bauern hier“
Zwischen Zuckerrübe und Zuckerrohr: Evangelische Kirche veranstaltete Informationsreihe für rheinhessische Landwirte
Rheinhessen, 29. April 2005. Unter dem Titel „Zwischen Zuckerrübe und Zuckerrohr“ fanden jetzt in Rheinhessen drei Informations- und Diskussionsabende für Landwirte und Interessierte statt, die von Vertretern der Evangelischen Kirche veranstaltet wurden. Hintergrund: Die Europäische Union plant eine massive Absenkung der Zuckerrübenprämien und -quoten. Dadurch sind viele der rund 1.300 rheinhessischen Zuckerrübenbauern in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht. Gleichzeitig sind beim Produkt Zucker Fragen der internationalen Gerechtigkeit und der Entwick-lungspolitik wichtig. Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) sei damit neben den landwirtschaftlichen Verbänden derzeit die einzige Nicht-Regierungs-Organisation in Rheinhes-sen, die sich dem schwierigen Thema auseinandersetze und das Gespräch mit den betroffenen Landwirten suche, betonte der Propst für Rheinhessen, Dr. Klaus-Volker Schütz.
Die Abende in Albig, Dalheim und Flörsheim stießen in den vergangenen zwei Wochen auf reges Interesse und wurden insgesamt von weit über 100 Landwirten und Angestellten der Zuckerrü-benfabrik in Offstein besucht. Viele Landwirte waren zudem in den Kirchenvorständen ihrer Gemeinden organisiert. Die Veranstaltungsreihe wurde gemeinsam vom EKHN-Zentrum Gesell-schaftliche Verantwortung (ZGV), Mitarbeitenden in den Dekanaten sowie der Evangelischen Öffentlichkeitsarbeit Rheinhessen geplant.
Hinter dem Strukturwandel stehen menschliche Schicksale
Die Informationsabende begannen jeweils mit einem Fachvortrag von Dr. Maren Heincke zu den gesellschaftlichen "Konfliktlinien" der derzeitigen und der geplanten EU-Zuckermarktordnung. Dr. Heincke ist Diplom-Agraringenieurin und "Referentin
für den Ländlichen Raum“ beim ZGV. Anschließend erläuterte Dr. Christian Lang, Geschäftsführer des Verbandes der Hessisch-Pfälzischen Zuckerrübenanbauer e.V., seine Sicht. Im Rahmen der Veranstaltungen wurde
schnell deutlich, dass die Frage der Zuckermarktordnung für viele Landwirte existentiell ist. So sagte ein Landwirt, er hoffe, "dass das nicht falsch war, meinen Sohn zuhause zu lassen" und mit in den eigenen Betrieb aufzunehmen. „Wenn
diese Reform wie geplant kommt, dann sitzen wir in fünf Jahren nicht mehr als Ackerbauern hier“, sagte ein anderer Landwirt.
„Unsere Kirche will den Strukturwandel in der Region begleiten – und wir wissen, dass dahinter immer auch menschliche Schicksale stecken“, betonte Dr. Heincke. Neben dem „aktiven Zuhö-ren“ biete die Evangelische Kirche ganz konkrete Hilfsangebote für einzelne Landwirte. Beispiel-haft nannte Heincke die Landwirtschaftliche Familienberatung der Kirchen, die Seelsorge in den Ortsgemeinden und die vielfältigen Einrichtungen der Diakonie wie etwa die Schuldnerberatung. Die EKHN ermutige zudem Menschen, sich frühzeitig Hilfen von außen zu suchen, um „Krisen besser zu bewältigen, Trauer um Verlorenes durchzustehen und neue Lebensanfänge zu wa-gen“, so Heincke.
Zugleich müsse Kirche aber auch für globale Gerechtigkeit eintreten. Dazu zählten auch „fairere Handelsbedingungen“, so Heincke. Besondere Solidarität müsse Kirche auch mit den Kleinbau-ern und Landarbeitern zeigen. Hier leiste etwa „Brot für die Welt“ konkrete Projektarbeit mit der Landbevölkerung in Entwicklungsländern. Auch unterstütze die evangelische Kirche die internati-onale Initiative „Menschenrecht auf Nahrung“.
Planungssicherheit und Standards
Sowohl die Ausführungen von Dr. Lang vom Zuckerrübenverband als auch die von Dr. Heincke machten deutlich, dass es keine einfachen Lösungen für einen gerechten Interessenausgleich gibt. „Ein Globalisierungsprozess, der sich rein
an den Zielen des Wirtschaftsliberalismus orien-tiert, führt zu sehr schweren Belastungen für die hiesigen Landwirte sowie für die Kleinbauern in den Entwicklungsländern“, sagte Heincke. Beide Gruppen von Landwirten – darin
waren sich Lang und Heincke einig – sind ohne Unterstützungs- oder Schutzmaßnahmen auf dem freien Weltmarkt nicht konkurrenzfähig. Lang forderte die Evangelische Kirche auf, ihre betroffenen Mitglieder zu unterstützen. Zugleich
betonte er, wie vielfältig sich die evangelische Kirche vor Ort und auch in Rheinhessen für die Bauern engagiere. Wie ernst die EKHN die Sorgen der Land-wirte und Arbeitnehmer der Zuckerfabriken nehme, zeige nicht zuletzt diese Veranstaltungsreihe.
Kontakt:
Öffentlichkeitsarbeit für Rheinhessen
Fabian Berg
Kaiserstraße 35
55116 Mainz
Tel. 06131-611148
Fax 06131-672978
Mobil: 0177 - 2031737
www.rheinhessen-evangelisch.de
zurück | letzte Aktualisierung: 14.09.2007 | copyright by EKHN