Meldung

11. Juli 2006

Die evangelische Kirche und ihre gesellschaftliche Verantwortung

Präses Prof. Dr. Karl Heinrich Schäfer war zu Gast in Hofheim-Diedenbergen




Die sozialpolitische Verantwortung der Kirche entspringe aus ihrem biblischen Auftrag. Das sagte Professor Karl Heinrich Schäfer, der Präses der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau am 10. Juli 2006 auf einer Veranstaltung des SPD-Ortsvereins in Hofheim-Diedenbergen.

Er erklärte, dass schon die Geschichte vom barmherzigen Samariter zeige, dass es ein Recht auf Erbarmen gibt. Deshalb sei die gesellschaftliche Verantwortung der Kirche als diakonischer Auftrag eine der drei Aufgabenbereiche der Kirche neben der Verkündigung und der Seelsorge.
Schäfer kritisierte, dass die Kirchen diesen sozialpolitischen Auftrag oft nicht wahrnehmen könnten, weil sie von der Politik entweder gar nicht oder viel zu spät gefragt würden. Als Beispiel nannte er die Sparbeschlüsse, die die hessische Landesregierung 2003 ohne Mitwirkung der Kirchen einfach umgesetzt habe. Schäfer, der die Hessen-Nassauische Synode leitet, erinnerte an die gemeinsame Verantwortung von Staat und Kirche und kündigte für den November ein Synodenwort zu Fragen des Sozialstaates an.
Hofheims Bürgermeisterin Gisela Stang nahm den Faden auf und beklagte die „Entsolidarisierung der Gesellschaft“. Steuern zu zahlen gelte als „uncool“. Die das Geld verdienten träten aus der Kirche aus und nur die Nichtverdiener blieben zum Nutzen der Familie in der Kirche. Auch die Kirche sei eine Solidargemeinschaft, die unter der Entsolidarisierung leide.

Als ein Beispiel für gelungenes gesellschaftliches Engagement nannte die SPD-Ortsvorsitzende Cornelia Koall die Rolle der evangelischen Kirche in der ehemaligen DDR. Und Schäfer ergänzte die Vorreiterrolle, die die Kirche bei der ehrenamtlichen Arbeit einnähme. Erst jetzt, wo der Staat nicht mehr anders könne, werde die Kirche als Ratgeber in dieser Sache gefragt.
Dekan Eberhard Kühn erinnerte daran, wie viel Federn schon die biblischen Gestalten beim Wahrnehmen ihrer gesellschaftlichen Verantwortung haben lassen müssen. Werte aufzustellen sei das eine, sagte der leitende Pfarrer im evangelischen Dekanat Kronberg, sie müssten aber auch gelebt und in die Praxis umgesetzt werden. Die Kirchengemeinden sein ein hervorragendes Betätigungsfeld für die praktische Arbeit am Nächsten.

Die Zukunft der Kirche sieht Karl Heinrich Schäfer zuversichtlich. „Wir klagen auf einem relativ komfortablen Niveau“ sagte der Mann mit dem höchsten Laienamt in der hessischen Kirche. Allerdings sinke dieses pro Jahr um etwa 1 Prozent. Nur sehr wenige Menschen verließen die Kirche und viele träten wieder ein. Die Entwicklung der alternden und kleiner werdenden Gesellschaft gehe jedoch auch nicht an der evangelischen Kirche vorbei. In immer neuen Anstrengungen müsse sich die Kirche den Anforderungen der Gesellschaft stellen. Vor allen Dingen müsse die Kirche einladend sein und die Schwelle nicht so hoch legen.

[Pfarrer Hans Genthe]