Interview

26. Oktober 2006

"Unterschichtendebatte" und neue Armut

Welche Stellung bezieht die Diakonie in dieser Debatte?



Acht Prozent der Menschen in der Bundesrepublik befinden sich nach einer Studie der Friedrich Ebert Stiftung in einer "prekären Lebenslage". Das soll heißen, dass diese Menschen vorwiegend vom sozialen Leben ausgeschlossen und von Abstiegserfahrungen geprägt seien, zum Großteil arbeitslos sind. Die Ergebnisse dieser Studie haben in Deutschland die so genannte „Unterschichtendebatte“ ausgelöst. Über das Thema sprach Gert Buttler von der Evangelischen Sonntags-Zeitung mit Pfarrer Wolfgang Gern, dem Diakonie-Chef in Hessen-Nassau.

Über Nacht ist in Deutschland die Diskussion über ein Phänomen losgebrochen, von dem manche Politiker behaupten, dass es gar nicht existiert: die Unterschicht.  Gibt es die denn, Herr Gern?

Wolfgang Gern: Die Debatte um Worthülsen halte ich für entbehrlich. Die eigentliche Frage ist,  ob wir abfällig und ausgrenzend über Menschen sprechen, die von Arbeitslosigkeit und Armut betroffen sind. Ob wir stigmatisieren – oder ob wir solidarisch sind.  

Und wieso wird das gerade jetzt zum Thema?

Wolfgang Gern: Tatsache ist: Die Zahl der Armen nimmt zu – und das seit Jahren. Als arm gilt laut Europäischer Union, wer über weniger als 60 Prozent des monatlichen Durchschnittseinkommens in Deutschland verfügt. Das sind etwa acht Millionen Menschen, davon zwei Millionen Kinder und Jugendliche. Sorgen macht uns besonders die wachsende Zahl junger Menschen, die keinen Ausbildungsplatz finden. Allein in Hessen fehlen in diesem Jahr etwa 15.000 Ausbildungsplätze. Die
25 Beschäftigungsinitiativen im Raum der hessen-nassauischen Kirche mit insgesamt 1000 Ausbildungsplätzen leisten hier in der Qualifizierung vornehmlich junger Menschen einen hervorragenden Dienst.

»Unterschicht« klingt in den Ohren der Betroffenen diffamierend. Wie »unterste Schublade«. Werden hier Menschen abgeschrieben nach dem zynischen Motto »Denen ist nicht mehr zu helfen?«

Wolfgang Gern: Wer andere Menschen abschreibt, der schreibt den Zusammenhalt unserer Gesellschaft ab. Diese zynische Haltung hat verhängnisvolle Folgen: Wer etwa mit 16 Jahren aus der Schule kommt und mit Anfang 20 keinen Ausbildungsplatz gefunden hat, ist akut von Armut bedroht, ist ausschließlich auf staatliche Transferleistungen angewiesen – und seine oder ihre Kinder wahrscheinlich auch. Armut vererbt sich, vor allem der Mangel an Bildungschancen. Es gibt einen fatalen Zusammenhang von Bildungsmisere und Einkommensarmut. Schulen und Kindertagesstätten haben eine Schlüsselrolle, Abstieg und Ausgrenzung überwinden zu helfen. Entscheidend ist, dass Menschen in prekären Lebensverhältnissen Unterstützung und Wertschätzung erfahren, Selbstachtung zurückgewinnen, damit sie dann selbstverantwortlich ihr Leben gestalten können. Derzeit wird dagegen immer wieder die Eigenverantwortung vor der Solidarität betont – das verrät die Frosteskälte einer zunehmend entsolidarisierten Gesellschaft.

Sie selbst ziehen übers Land  und werden nicht müde, auf die Missstände hinzuweisen, Lösungen anzubieten. Hört Ihnen an entscheidender Stelle niemand zu?

Wolfgang Gern: Es gibt einen großen haupt- und ehrenamtlichen Einsatz an Begabungen und viel Fantasie in Kirchengemeinden und regionaler Diakonie. Darüber freue ich mich sehr. Die politische Wirklichkeit ist natürlich vielfältig. In Rheinland-Pfalz haben wir Wohlfahrtsverbände mit der Landesregierung eine Sozialcharta verfasst, die für das Kabinett und uns bindend ist. In Hessen gibt es deut-
liche Interessenunterschiede, wie die Sozialkürzungen des Jahres 2003 gezeigt haben. Da haben wir heftig gestritten. Aber wir haben uns kürzlich mit der Landesregierung auf einen mehrjährigen Sozialbericht verständigt. Auf einen regelmäßigen Armut-Reichtums-Bericht wollte der Ministerpräsident sich nicht einlassen.

Vom Evangelium her stehen Christen in der sozialen Verantwortung. Was können Kirche und Diakonie hier tun, um die Lage der Menschen ein wenig zu verbessern?

Wolfgang Gern: Wir haben eine dreifache, auch theologisch begründete Aufgabe: Erstens ist es unsere Aufgabe zu beraten und zu begleiten, zu helfen und zu pflegen. Damit Leben gelingt, ja, damit niemand verloren geht. Das tut die Diakonie in Hessen und Nassau mit 18 000 Hauptamtlichen und unzähligen Ehrenamtlichen. Zweitens haben wir Anwalt derer zu sein, die in der Politik keine Stimme oder keine Lobby haben – oder längst aufgegeben haben, sich zu Wort zu melden. Dazu brauchen wir fröhlichen Mut, parteiliche Überzeugungskraft und hörbereite Dialogfähigkeit. Drittens ist schließlich die Bereitschaft gefragt, sich mit Gruppen und Verbänden zu vernetzen, die gleiche Ziele verfolgen, um sich gesamtgesellschaftlich zu stärken und um in Fragen von Sozialstaat und sozialer Gerechtigkeit mit einer Stimme zu sprechen.

Vielen Menschen in »prekären Lebensverhältnissen« fehlt vor allem eines: Hoffnung und eine Zukunftsperspektive. Wie kann man der Resignation entgegenwirken?

Wolfgang Gern: Wir dürfen uns aus der gegenwärtigen Krise der Gesellschaft nicht heraushalten, herausmogeln oder gar herausglauben. Weder durch Wegschauen noch durch Gleichgültigkeit noch durch Resigna-
tion. Mit unserem Glauben sind wir mitten in die Krise hineingestellt. Wir haben Nachfolge zu üben, indem wir Menschen in ihren Lebenskrisen und Brüchen beistehen, indem Gemeinden, Beratungsstellen und Einrichtungen gastfreundlich und einladend sind. Hoffnung entsteht, wenn wir Lasten mittragen und jeder Ausgrenzung widerstehen. Was wir seit mindestens 40 Jahren in der ökumenischen Bewegung zur sozialen Gerechtigkeit und Parteilichkeit diskutiert haben, das holt uns nun im eigenen Kontext ein. Ein nicht einfacher Vorgang, dem wir uns aber stellen.

Hinweis:
Das vollständige Interview finden Sie in der Evangelischen Sonntagszeitung, Nr. 44, vom 29.10.2006, S. 20

[Gert Buttler, Evangelische Sonntags-Zeitung]