Meldung
Studie: Hartz-IV-Empfänger leiden unter materieller Not und zunehmender Einsamkeit
Ergebnisse aus einer Studie im Auftrag des Zentrums Gesellschaftliche Verantwortung der EKHN veröffentlicht
Die gesamte Studie lässt sich für 8 Euro beim Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung bestellen:
Kirchliche Hilfe bei Armut
Ein Großteil der Menschen, die Arbeitslosengeld II (ALG II) erhalten, empfinden ihre Arbeitslosigkeit ausschließlich als Belastung und sehen keine positiven Begleitumstände, die sie entlasten oder unterstützen könnten. Dies hatten 80 Prozent der Befragten angegeben, die sich an der Fragebogenerhebung bei 285 Bezieherinnen und Beziehern von ALG II beteiligten.
Die Befragung, die die Sozialwissenschaftlerin Anne Ames von Ende März bis Ende September durchführte, hatte das Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung in Auftrag gegeben.
Die Ergebnisse zeigen, dass es vor allem die materielle Armut ist, unter der 90 Prozent der Befragten leiden. Immerhin die Hälfte gibt an, dass sich auch die Beziehungen zu ihren Freunden und Bekannten verschlechtert haben.
„Diese Ergebnisse überraschen uns nicht, die Erhebung hat unser bisheriges Wissen bestätigt“, lautete die Reaktion von Pfarrerin Gundel Neveling, der Leiterin des Zentrums. Sie wies deutlich darauf hin, dass das Prinzip von „Fördern und Fordern“ in der Praxis weit hinter den theoretisch gesteckten Zielen zurücksteht.
Zusammenfassung der Studie
Themen der Befragung
Im Rahmen der schriftlichen Befragung wurden Fragen zu folgenden Themenkomplexen - in teils geschlossenen, teils offenen Fragen – erhoben:
- Erfahrungen der Betroffenen mit der Leistungsgewährung, der Beratung und der beruflichen Förderung durch die zuständigen Behörden,
- Erfahrungen mit Arbeitsgelegenheiten (den so genannten Ein-Euro-Jobs) und Trainingsmaßnahmen sowie
- subjektiv wahrgenommene Auswirkungen der Angewiesenheit auf Arbeitslosengeld II auf die Lebenslagen und die sozialen Beziehungen der Betroffenen.
Ausgewählte Ergebnisse
Erleben der Erwerbslosigkeit
Mehr als 80 Prozent der Befragten erleben die Arbeitslosigkeit ausschließlich als Belastung. Sie können ihr weder positive Aspekte abgewinnen, noch sehen sie sich bei der Bewältigung durch positive Begleitumstände entlastet oder unterstützt.
Die meisten leiden in mehrerer Hinsicht unter der Arbeitslosigkeit und ihren Folgen. 90 Prozent leiden unter der materiellen Not, 71,5 Prozent vermissen es, ihre Fähigkeiten einsetzen zu können, 58,3 Prozent vermissen die beruflich vermittelten sozialen Kontakte. 37,9 Prozent nennen weitere durch die Arbeitslosigkeit bedingte Belastungen. Soziale Isolation oder Ausgrenzung, Verlust des gesellschaftlichen Ansehens und politische Diffamierung, Verlust der Lebensfreude und Depressivität, Zukunftsangst, Existenzangst und Perspektivlosigkeit, Fremdbestimmung, Kontrolle und Druck durch die ALG-II-Behörden sind die am häufigsten genannten „sonstigen Belastungen“.
Knapp 17 Prozent der Befragungsteilnehmer/innen haben angegeben, die Arbeitslosigkeit „zur Zeit ganz gut aushalten“ zu können. Ein knappes Drittel dieser Gruppe nimmt die Arbeitslosigkeit (auch) als Möglichkeit wahr, sich intensiver außerberuflichen Interessen zu widmen. Dieser Wahrnehmung ist allerdings jeweils ein längerer Lern- und Entwicklungsprozess vorangegangen.
Materielle Lebenssituation
Die Frage nach den Einschränkungen oder Verzichten, die für sie am schlimmsten sind, beantworteten viele Befragungsteilnehmer/innen mit dem Hinweis, dass es an allem fehle, also nicht einzelne Entbehrungen hervorgehoben werden könnten. Diejenigen, die doch eine Rangordnung versuchten, haben am häufigsten den Verzicht auf Urlaub, Ausflüge und Erholung genannt. Bereits an zweiter Stelle steht jedoch die Ernährung. Offenbar sparen sich viele Betroffene die Ausgaben für Dinge, die im Regelsatz nicht vorgesehen sind - etwa eine Monatskarte für den Stadtverkehr, das Abonnement einer Tageszeitung, Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenke - buchstäblich vom Munde ab.
An dritter Stelle der am stärksten gespürten Einschränkungen und Verzichte steht die kaum mehr mögliche Pflege sozialer Kontakte, Fahrten zu Freunden und Angehörigen, der Besuch von Kino, Theater oder Konzerten. Diejenigen, die Kinder haben, leiden vor allem unter den Entbehrungen, die sie ihren Kindern zumuten müssen.
18 Prozent der Befragungsteilnehmer/innen zahlen Teile der Kosten ihrer Wohnung aus der unzureichenden Regelleistung, weil ihre Wohnkosten die so genannten angemessenen Kosten übersteigen. Weitere 17 Prozent bekamen eine Aufforderung, die Kosten ihrer Unterkunft zu senken. Sie sind also bereits umgezogen oder zwangsweise auf Wohnungssuche, oder sie sehen einer baldigen faktischen Regelsatzkürzung entgegen. Bis auf ganz wenige Ausnahmen wohnen die Betroffenen bereits in durchaus bescheidenen Verhältnissen.
Belastung sozialer Beziehungen
85 Prozent der Befragten erleben ihre sozialen Beziehungen als belastet, die meisten von ihnen in mehrfacher Hinsicht. Die Mehrheit der mit Kindern im Haushalt Lebenden gibt an, dass es zwischen ihnen und den Kindern Streit wegen Geldsorgen gibt. Die massive Benachteiligung gegenüber Gleichaltrigen nehmen die Kinder in ALG-II-Haushalten um so deutlicher und schmerzhafter wahr, je mehr sie sich in der außerfamiliären Welt bewegen und Anerkennung suchen müssen. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, mit den Kindern wegen der Geldnot und den Entbehrungen, die man ihnen zumuten muss, in Streit zu geraten, mit dem Alter der Kinder. Während von denjenigen Befragten, die ausschließlich Kinder unter sieben Jahren haben, „nur“ 33 Prozent angeben, dass es zwischen ihnen und ihren Kindern zu Streit wegen Geldsorgen käme, machen diese Angabe 66 Prozent derjenigen, die (auch oder ausschließlich) Kinder über 14 Jahren haben.
Ein noch höherer Anteil der Befragten leidet darunter, ihren Kindern kein besseres Leben bieten zu können. 90 Prozent der Alleinerziehenden und 79 Prozent derjenigen, die mit Kind/ern und Partner/in zusammen leben, haben angegeben, durch solche Schuldgefühle belastet zu sein.
Armut belastet auch Partnerschaften und die Beziehungen zu Freunden und Bekannten sowie zu Eltern und Geschwistern. Mehr als die Hälfte der Befragten gibt an, dass sich infolge der Arbeitslosigkeit und/oder der Geldnot ihre Beziehungen zu Freunden und Bekannten verschlechtert haben.
Von Arbeitslosengeld II leben zu müssen, treibt viele Betroffene in soziale Isolation und Einsamkeit. Zusätzlich dazu, dass mit Arbeitslosigkeit an sich schon der Verlust beruflicher Kontakte und die Kränkung des Selbstwertgefühls einhergehen, fehlen dem/der ALG-II-Bezieher/-in auch die finanziellen Möglichkeiten, unter Menschen zu gehen und mit ihnen gemeinsam etwas zu unternehmen. Viele Betroffene befürchten oder erleben darüber hinaus, dass ihre erwerbstätigen Freunde und Bekannte das negative Bild teilen, das Politiker und Medien von Erwerbslosen zeichnen. Die hoch problematischen sozialen Beziehungen der Betroffenen sind nicht eine unter anderen Folgen von Erwerbslosigkeit und Verwiesenheit auf Arbeitslosengeld II. Vielmehr sind sie Ergebnis des Zusammenwirkens und der gegenseitigen Verstärkung von materieller Not, dem Verlust des Selbstwertgefühls und der beruflichen Perspektivlosigkeit.
[Rita Deschner / Margit Befurt]
zurück | letzte Aktualisierung: 14.09.2007 | copyright by EKHN