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20. Dezember 2007

Aktion des Diakonischen Werkes in Frankfurt

Wegschauen ist lebensgefährlich

Mit der provokanten "Aktion Tuch" weist die Diakonie auf die Situation Obdachloser hin und möchte zum Handeln aufrütteln  



Frankfurt Hauptwache. Ein ganz normaler Werktag kurz vor dem Weihnachtsfest. Auf der Jagd nach den letzten Geschenken hasten Passanten durch die Fußgängerzone. Doch etwas stört die Atmosphäre zwischen Glühweinständen und Karussell gewaltig. Unweit der Katharinenkirche liegt mitten auf der Zeil ein Toter mit einem Tuch bedeckt – so scheint es zumindest. Auch der zufällig in Sichtweite stehende Rettungswagen passt exakt ins Bild. Schnellen Schrittes stolpert eine Frau fast über das vermeintliche Leichentuch. Erschrocken bleibt sie stehen. Dann weicht das Grölen einer Gruppe von Schülern schlagartig Entsetzen. Schockwirkungen, die gewollt sind. Denn bei genauerem Hinsehen entpuppt sich die Szenerie als provokante Aktion. „Siehst Du mich jetzt? Ein Obdachloser hat die letzten Tage hier gesessen. Wetten, dass Sie ihn jetzt sehen?“, ist auf dem Tuch zu lesen, das über eine lebensgroße Puppe gebreitet ist, von der noch die Beine zu sehen sind. Gemeinsam mit der Werbeagentur Saatchi & Saatchi hat das Diakonische Werk für Frankfurt am Main die „Aktion Tuch“ entwickelt, die seit Dienstag in der Innenstadt läuft.

Nur die Spitze des Eisberges

Aufmerksamkeit für Obdachlose
Quelle: DW FFM
Hier die Bildunterschrift einfügen.„Siehst Du mich jetzt? Ein Obdachloser hat die letzten Tage hier gesessen. Wetten, dass Sie ihn jetzt sehen?“, ist auf dem Tuch zu lesen

„Wir möchten die Menschen aufrütteln. Sie sollen hinschauen und Hinweise geben, wo Obdachlose Hilfe benötigen“, betont der Leiter des Diakonischen Werks für Frankfurt am Main, Dr. Michael Frase. Auf solche Unterstützung seien Hilfeeinrichtungen angewiesen, erklärt Bettina Bonnet von der Straßensozialarbeit des WESER5 Diakoniezentrums. „Wir können nicht überall sein, daher bitten wir die Menschen zu reagieren und sich an uns zu wenden, wenn ein Obdachloser irgendwo liegt oder an einer Bushaltestelle sitzt.“ Gerade in der kalten Jahreszeit gelte es, besonders aufmerksam zu sein, keine Zeit zu verlieren und umgehend öffentliche Einrichtungen oder die Polizei zu verständigen. Das könne lebensrettend sein. „Es gibt in Frankfurt ein gut abgestimmtes trägerübergreifendes Hilfesystem. Doch das kann nur funktionieren, wenn die Bevölkerung unterstützend mitarbeitet“, mahnt auch Frase. Schließlich stellten diejenigen Obdachlosen, die im Stadtbild unübersehbar seien, lediglich die Spitze eines Eisberges dar.

Behutsam ansprechen

Wie Bonnet erörtert, übernachten Obdachlose „an den abenteuerlichsten Stellen“ – in Müllcontainern, unter Treppen, Balkonen oder im Wald. Gemeinsam mit Kollegen der Sozialen Beratungsstelle von WESER5 spricht sie die Wohnungslosen an und baut langsam Vertrauen auf. „Wir machen Angebote, aber drängen niemanden zu etwas“, betont sie. Zu rund 300 Obdachlosen hat die Straßensozialarbeit regelmäßigen Kontakt. „Viele dieser Menschen trauen sich nicht, von sich aus Hilfe in Anspruch zu nehmen“, so Bonnet. Ziel sei, sie in weitere Hilfeangebote zu vermitteln. Zum Beispiel in den WESER5 Tagestreff, wo sie dann weitere Schritte hin zur Verbesserung ihrer Lebenssituation einleiten können. „Falls das erst einmal abgelehnt wird, helfen wir immerhin mit einem warmen Schlafsack aus.“

Einsatz, der sich lohnt

Wie effektiv die Arbeit ist, verdeutlicht der Arbeitsbereichsleiter "Diakonische Dienste", Georg Bastian, an einem Beispiel: „Vor kurzen haben wir im Übergangswohnhaus ‚Haus der Diakonie’ durch den Einsatz der Straßensozialarbeit einen Obdachlosen aufnehmen können, der monatelang in Erdhöhlen im Stadtwald gelebt hatte.“ In einem eigenen Zimmer könne er nun wohnen und erhalte begleitend Unterstützung, bis er seine Angelegenheiten selbst regeln könne und eine neue Unterkunft gefunden habe. Das „Haus der Diakonie“ mit 39 Plätzen sowie einer Notübernachtung mit acht Betten ist ebenfalls Bestandteil des WESER5 Diakoniezentrums. Unter einem Dach gelegen ermöglichen fünf qualifizierte Angebote schnelle und unbürokratische Unterstützung. Wie die Leiterin des Zentrums Renate Lutz erörtert, besuchen jährlich 21.000 Menschen den Tagestreff, 900 Männer sprechen in der Sozialen Beratungsstelle vor.

Konfrontiert mit der eigenen „Sehschwäche“

„Die meisten Menschen machen einen Bogen um Obdachlose. Oft geht es dabei nicht ums Geld, sondern sie wollen keine Berührungspunkte“, erklärt Holger Lutz, Geschäftsführer von Saatchi & Saatchi. Die „Aktion Tuch“ sei daher direkt, deutlich und provozierend und setzte bewusst auf Schockwirkung, um die Menschen mit ihrer selbst gewählten „Sehschwäche“ zu konfrontieren. Das Engagement der Werbeagentur, die die Aktion kostenfrei entwickelte, betrachtet Lutz als Übernahme von Verantwortung in der Region: „Wir sind in Frankfurt zu Hause und fühlen uns verpflichtet, mit unserem Knowhow zu helfen – und das ist Kommunikation.“ Wenn die Aktion auch nur einem Obdachlosen das Leben rette, habe sich der Aufwand mehr als gelohnt, so der Geschäftsführer. Die „Aktion Tuch“ läuft noch bis Freitag, 21. Dezember, jeweils von 10 bis 18 Uhr.

[Jörn Dietze]