Bericht

22. Januar 2008

Gespräch über Globalisierung, Mindestlöhne, Sonntagsschutz und Bildung

Unternehmerverbände und evangelische Kirchen aus Rheinland-Pfalz im Dialog  

Die Folgen der Globalisierung, Mindestlöhne, der Sonntagsschutz und das Thema Bildung standen auf der Tagesordnung bei dem Meinungsaustausch, zu dem sich am 21. Januar  2008 die Spitzen der evangelischen Kirchen in Rheinland-Pfalz und das Präsidium der Landesvereinigung der rheinland-pfälzischen Unternehmerverbände (LVU) in Mainz trafen.

Nach der Begrüßung durch Kirchenpräsident Prof. Dr. Peter Steinacker aus der gastgebenden Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau übernahm Präses Nikolaus Schneider von der Evangelischen Kirche im Rheinland den Einstieg in die Tagesordnung. Im Rahmen der Diskussion über die Auswirkungen der Globalisierung betonte er, dass die Kirchen Globalisierung nicht grundsätzlich als negativ betrachten würden, da sie sich selbst in weltweite Beziehungen eingebunden und mit Menschen in allen Teilen der Welt geschwisterlich verbunden fühlten. Die komplexen weltweiten Beziehungen bedeuteten aber eine Gestaltungs- und Ordnungsaufgabe für das Ganze. Dafür müssten teilweise erst noch geeignete Instrumente und Institutionen entwickelt werden. Dies werde aktuell durch die mangelnde Kontrolle der internationalen Finanzmärkte und die weltweiten Schäden, die durch die Krise auf dem amerikanischen Immobilienmarkt ausgelöst würden, deutlich.

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Einig waren sich Unternehmens- und Kirchenvertreter in der Notwendigkeit, schnell und wirksam gegen die „Schwarzen Schafe“ in der Wirtschaft und unseriöse Wirtschaftspraktiken vorzugehen. In diesem Kontext nannte Willi Kuhn vom Vorstand der Industrieverbände Neustadt an der Weinstraße insbesondere die überhöhten Renditeerwartungen und Renditeversprechen und der Druck, der davon auch auf andere Marktteilnehmer ausgehe. Gemeinsam müssten Antworten gefunden werden auf die Frage nach dem verträglichen Maß und der nachhaltigen Ausrichtung des wirtschaftlichen Handelns.

Für Existenz sichernde Löhne

LVU-Präsident und Kirchenpräsident
Quelle: Dr. Brigitte Bertelmann
von links: Dr. Gerhard Braun, Präsident der LVU, und Kirchenpräsident Steinacker

Vor diesem Hintergrund wurden auch die weiteren Themen der Tagesordnung diskutiert. Bei der Frage nach einem allgemeinen Mindestlohn gingen die Einschätzungen der Unternehmer und der Kirchenvertreter zwar an mehreren Punkten auseinander. Einig war man sich aber darin, dass die Lohnfindung weitgehend den Tarifpartnern überlassen bleiben sollte und dass diese dafür gestärkt werden müssten. So benannte der Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche der Pfalz,  Eberhard Cherdron, einen gerechten, existenzsichernden Lohn als entscheidenden Punkt, für den Bewertungsmaßstäbe entwickelt und umgesetzt werden müssten. Dagegen stellte Dr. Gerhard Braun, Präsident der Landesvereinigung Unternehmerverbände Rheinland-Pfalz, fest, dass der Maßstab für den gezahlten Lohn allein von der durch Arbeit erreichbaren Wertschöpfung auf dem Markt bestimmt werden könne. 

Für einen arbeitsfreien Sonntag

Weitgehend einig waren sich die Gesprächsteilnehmer in ihrer hohen Bewertung des grundsätzlich arbeitsfreien Sonntags. Ein regelmäßiger, gemeinsamer freier Tag, ein Rhythmus von Arbeit und Ruhe, gebe dem menschlichen Leben gleichzeitig eine unerlässliche Struktur und die Möglichkeit der körperlichen und seelischen Regeneration. Dies sei von existenzieller Bedeutung für das Leben selbst und ermögliche erst die Entwicklung kreativer und innovativer Kraft. Wenn die Zahl der verkaufsoffenen Sonntage immer weiter ausgeweitet werde, zeige das einen kulturellen Wandel, der den Menschen und die Gesellschaft zunehmend  auf das Ökonomische reduziere. Es bestehe die Gefahr, dass  die Gesellschaft darüber auseinander breche. Dem müsse gemeinsam und entschlossen entgegen getreten werden.

Für eine gute Bildung

Einig waren sich Wirtschafts- und Kirchenvertreter auch darüber, dass der Bildung eine hohe Bedeutung zukomme. Ohne den Wert berufsbezogenen Wissens zu schmälern, betonte Kirchenpräsident  Steinacker, dass ein Bildungsbegriff, der nur an ökonomischen Zielen ausgerichtet werde, „unterbestimmt“ sei. Menschen brauchten Gewissheiten, die sie handlungs- und verantwortungsfähig machten. Zu deren Herausbildung sei Religion unerlässlich.

Wirtschaft – ein schwieriges Thema in Religionsbüchern

Dr. Braun bedauerte die Wirtschaftsferne vieler Lehrer insbesondere an Gymnasien und die teilweise einseitige und überwiegend negative Darstellung der Wirtschaft in Büchern für den Religionsunterricht. Mit beiden Punkten traf er auf offene Ohren bei den Kirchen. Es wurde angeregt, eine Projektgruppe einzusetzen, die Religionsbücher unter diesem Aspekt untersuchen solle. Der Pfälzer Oberkirchenrat  Rainer Schäfer  stellte fest, dass bereits heute in der religionspädagogischen Ausbildung Wert auf den Diskurs mit der Wirtschaft und die dafür benötigten  Kenntnisse gelegt werde. Dies gelte  nicht nur  für den Religionsunterricht an Berufsschulen. Auch engagierten sich die Kirchen in vielfältigen Beschäftigungs- und Patenschaftsprojekten sowie Orientierungsangeboten, die  SchülerInnen im  Übergang von der Schule in den Beruf  unterstützten. Diese könnten aber durch weitergehende Kooperation sicher noch intensiviert und verbessert werden. Beide Seiten zeigten daran ein deutliches Interesse.

Ein weiteres Treffen in diesem Kreis soll in  zwei Jahren, dann wieder auf Einladung der LVU, stattfinden.

 

[ Dr. Brigitte Bertelmann]