Bericht
Evangelische Seelsorgerin im Jugendgefängnis
Pfarrerin Christina Jammers vermittelt den Gefangenen, dass sie wertvolle Menschen sind
„Wichtig ist vor allem die Wertschätzung“, sagt Christina Jammers – und das strahlt sie auch aus. Ihr offener Blick begegnet dem Gegenüber durch die randlose Brille und gibt ein wenig Halt im Besucherraum. Hier, in der Wormser Jugendarrestanstalt hat die 38-jährige Theologin ein halbes Jahr lang gearbeitet und ihr Spezialvikariat absolviert.
Offene Ohren für die Jugendlichen
28 Jugendliche im Alter von 16 bis 21 Jahren sitzen in Worms ihren Arrest ab. Die Palette der Straftaten reicht von Diebstahl- und Betäubungsmitteldelikten bis hin zur schweren Körperverletzung. Drei bis vier Mal pro Woche kommt Jammers ins Haus und sucht Kontakt zu den Gefangenen – direkt und ohne Umschweife: „Ich lasse mir eine Liste der Insassen geben und gehe von Zelle zu Zelle.“ Die ersten Begegnungen erlebt die Theologin häufig als „heikle Momente zwischen Nähe und Distanz“. Die Skepsis sei zunächst groß. Jammers versucht sie zu überwinden, indem sie zuhört: „Ich lasse die Arrestanten sprechen.“ Wichtig sei es, den Jugendlichen mit Respekt und auf Augenhöhe zu begegnen. Ein Konzept, das in den meisten Fällen aufgehe. Bisher hätten lediglich zwei Gefangene ein Gespräch abgelehnt.
Viele Jugendliche sind positiv beeinflussbar
Da die Arreststrafen maximal vier Wochen dauern, ist der Kontakt mit der Seelsorgerin zwar kurz, kann aber dennoch intensiv werden. Oft äußerten die Inhaftierten anfangs lediglich allgemeines Unbehagen oder Langeweile. „Da muss man dann schauen, was dahinter steckt“, so Jammers. Meist geht es im weiteren Verlauf der Gespräche dann um die Biografien der Jugendlichen. Beziehungsprobleme tauchen auf, und ein „oft sehr verletztes Selbstwertgefühl“. In dieser Situation „vermittle ich ihnen das Gefühl, ein wertvoller Mensch zu sein“, sagt Jammers. Als Menschen, die positiv beeinflussbar sind, erlebt die Theologin ihre Gesprächspartner.
Gefängnis als Schockerlebnis
Die Jugendlichen, die in Worms einsitzen, kommen meist erstmals mit dem Gefängnis in Kontakt. Sie empfänden die Zeit des Arrestes als Schock, als echte Krise. „Es ist nicht so, dass die das locker absitzen.“ Statt Strafen zu verschärfen solle man die Verfahren beschleunigen, empfiehlt Christiane Jammers. Zwischen Straftat und Verurteilung vergingen heute zwei bis drei Jahre. Ebenso wichtig sei es, den Jugendlichen nach der kurzen Arrestzeit Perspektiven zu geben. „Im Vollzug werden Entwicklungen angestoßen, die dann nicht weitergehen.“
Bei ihrer Arbeit in der Arrestanstalt wurde Christina Jammers vom Wormser Dekan Harald Storch als Mentor begleitet, der selbst langjährige Erfahrung in der Gefängnisseelsorge hat. Nun wird sie zur Pfarrerin ordiniert und tritt ihre erste eigene Stelle in einer Kirchengemeinde an. Gegenwärtig arbeitet sie an ihrer Promotion und freut sich auf die vielfältigen Aufgaben, die das Pfarramt bereithält.
[Jörg Echtler]
zurück | letzte Aktualisierung: 25.01.2008 | copyright by EKHN