Bericht
"Gesundheitsengel" für behinderte Menschen
Zweimal wöchentlich behandelt der Darmstädter Zahnarzt
Martin Ahrberg Bewohner in der Nieder-Ramstädter Diakonie
Seit Anfang April gibt es in der Nieder-Ramstädter Diakonie (NRD) wieder eine zahnärztliche Versorgung für die Bewohner. Der Darmstädter Zahnarzt Martin Ahrberg, der als Gründer des Darmstädter Vereins „Gesundheitsengel e.V.“ zusammen mit anderen Ärzten seit 2004 in Darmstadt obdachlose und arme Menschen kostenlos versorgt, hat sein soziales Herz auch für Menschen mit geistiger Behinderung geöffnet. Auf eigene Kosten hat Ahrberg in den Räumen des Ärztlichen Dienstes der NRD eine vollständige Ausstattung für die zahnärztliche Versorgung etabliert. Dort können sich mittwochs nachmittags und freitags Bewohner der NRD behandeln lassen.
Die Entwicklung
Für die Wohngruppen auf dem NRD-Gelände ist dieses Angebot eine große Erleichterung, denn viele Bewohner können nicht ohne Begleitung zum Zahnarzt gehen. „Es kostet sehr viel Zeit, Einzelne zum Arztbesuch nach Darmstadt zu begleiten“, sagt Melanie Luft, Gruppenleiterin im Wohnhaus Pulvermühle. Angetan vom Service und dem freundlichen Umgang, den die Mitarbeiter der Zahnarzt-Praxis Ahrberg & Kollegen in der Darmstädter Wilhelminenstrasse bewiesen, berichtete sie Dr. Ortwin Eisert, dem Leiter des Ärztlichen Dienstes in der NRD, von ihren Erfahrungen. Eisert nahm sofort Kontakt auf und stellte in Gesprächen mit dem Vorstand die Weichen, um den Kollegen für die NRD zu gewinnen. Seit 1955 hatte der Nieder-Ramstädter Zahnarzt Adolf Schneider die Bewohner der NRD zahnärztlich betreut, gefolgt von seinem Schwiegersohn Klaus Wilmesmeier, der bis Anfang des Jahres regelmäßig Sprechstunden in der NRD angeboten hatte.
Zeit nehmen und willkommen heißen
Selbstverständlich steht es allen Bewohnern der NRD frei, sich ihre Ärzte frei auszuwählen. Neben vielen guten Erfahrungen gibt es jedoch auch Probleme: Manche Ärzte legen wenig Wert darauf, Menschen mit geistiger Behinderung zu behandeln, weil es unter Umständen mehr Zeit kostet, herauszufinden, wo der Schuh drückt. Und auch in so manchem Wartezimmer fühlen sich behinderte Menschen und ihre Betreuer nicht willkommen.
Zahnarzt behandelt in seiner Freizeit die Bewohner der Nieder-Ramstädter Diakonie
Wie geht Martin Ahrberg mit diesem Problem um? „Ich hatte freitags meinen freien Tag, den verbringe ich jetzt in der NRD“, sagt er, als wäre dies das Selbstverständlichste der Welt. Nicht nur seine eigene Freizeit investiert Ahrberg in das gesundheitliche Wohl der NRD-Bewohner, sondern er bringt natürlich zu jedem Einsatz auch eine Zahnarzt-Helferin aus seiner Praxis mit. Heute ist es Adiam Teketse, die Martin Ahrberg in der NRD assistiert. In aller Ruhe bleibt sie neben der Seniorin stehen, deren neue Zahnfüllung zehn Minuten trocknen muss, bevor es weitergeht. Unterdessen erklärt Ahrberg, wie wichtig die Zahngesundheit für „den ganzen Menschen ist.“ Durch Parodontose (gelockertes Zahnfleisch) könnten Bakterien in die Blutbahn eindringen und innere Organe infizieren, Weisheitszähne können sich schädigend auf das Herz auswirken.
„Da kommt der nächste liebe Mensch!“
Ahrberg hat eine Ausbildung in Umwelt-Zahlmedizin absolviert, um sich über die Nebenwirkungen von Zahnersatz-Stoffen auf den neusten Stand zu bringen. „Jeder Mensch hat doch das Recht auf eine gute ärztliche Versorgung“, so begründet der Mediziner seinen Einsatz als „Gesundheitsengel“. Dass seine ärztlichen Leistungen bei weitem nicht abgedeckt sind durch die Entgelte der Krankenkassen, ist, so Ortwin Eisert, ein Thema, das noch angegangen werden muss. „Zu helfen, macht den Helfer reicher“ ist einstweilen die Devise von Martin Ahrberg. Und seine runden, blauen Augen strahlen, als er einen neuen Patienten begrüßt: „Da kommt der nächste liebe Mensch!“
Marlene Broeckers
zurück | letzte Aktualisierung: 29.05.2008 | copyright by EKHN