Bericht
zum Themenspecial "Gleichstellung"
Der Weg zur Gleichstellung: Das Kunststück, Familie und Beruf zu vereinbaren
Interview mit den Gleichstellungsbeauftragten der EKHN
Eine Frau, ein Mann, zwei Antworten. Die beiden Gleichstellungsbeauftragten der EKHN, Maren Cirkel und Andreas Schwöbel, schildern aus ihrer Sicht die Lage der Frauen und Männer 50 Jahre nach Inkrafttreten des Gleichstellungsgesetzes. Seit zweieinhalb Jahren sind sie in diesem Amt und führen unter anderem Fortbildungen für Mitarbeitende der Kirche durch. Während sich Andreas Schwöbel verstärkt für die Arbeit mit Männern einsetzt, engagiert sich Maren Cirkel in den kirchlichen Gremien dafür, dass alle Entscheidungsprozesse auf Geschlechtergerechtigkeit hin abgeklopft werden. Was kann nach Auffassung der beiden Experten noch getan werden, um ein gleichberechtigtes Miteinander in Kirche und Gesellschaft zu leben? Die Fragen stellte Rita Deschner.
Frauen sind heute mit widersprüchlichen Erwartungen konfrontiert: Einerseits wird von ihnen verlangt, dass sie ihren Haushalt und die Erziehung der Kinder im Griff haben – sie sollen dabei aber auch erfolgreich im Beruf sein. Wie lässt sich dieses Dilemma lösen?
Maren Cirkel: Frauen müssen sich im Klaren sein, dass sie das alleine nicht perfekt regeln können. Man muss vom Partner etwas fordern, um gleiche Verantwortung für verschiedene Arbeitsbereiche kämpfen und erarbeiten. Eltern müssen bereit sein, Erziehungsverantwortung in andere Hände zu legen, die öffentliche Infrastruktur muss mit Ganztagsschulen und mit verlängerten Öffnungszeiten von Kindertagesstätten reagieren. Allerdings ist eines klar: Selbst wenn es eine perfekte Infrastruktur gäbe, braucht das Familienleben seine Zeit, ob es um das Zusammensein mit den eigenen Kindern geht oder die Versorgung von Pflegebedürftigen. Hier muss über den Umfang und den Stellenwert von Erwerbsarbeit neu nachgedacht werden.
Andreas Schwöbel: Allein können Frauen das Dilemma nicht lösen. Es wäre gut, Männer dazu zu bringen, dass ihnen die Zeit mit ihren Kindern wichtiger als die Karriere oder das Fitness-Studio ist. Ich halte einen grundsätzlichen Wandel in den Köpfen für unausweichlich. Zum Beispiel die Vorstellung von Karriere: Es ist doch kaum
vorstellbar, dass eine Führungskraft pünktlich geht, um die Kinder aus dem Kindergarten abzuholen. Dieser Wandel beinhaltet auch ein neues Bewusstsein für Arbeitszeit. Eine 40-Stundenwoche ist nicht mehr machbar, wenn beide Partner sich für Kindererziehung und Haushalt engagieren wollen. Eine 2/3 Stelle halte ich für realistisch.
Was ist gesellschaftlich am Dringendsten notwendig, damit Männer und Frauen tatsächlich gleichberechtigt zusammen leben und arbeiten?
Angebote der Kirche zur Unterstützung der Gleichberechtigung:
- Evangelische Kindertagesstätten
- Pflegedienst der Diakoniestationen
- Tagesmüttervermittlung
- Angebote für Väter und Kinder wie Freizeiten und Tagesausflüge
- Kurse und Vorträge in den Familienbildungsstätten
- weitere Angebote
Themen-Special "Gleichstellung"
Frauen von historischer Bedeutung in der EKHN
Maren Cirkel: Ein Thema steht im Moment ganz oben: Wie verteile ich Erwerbs- und Familienarbeit gerecht auf beide Geschlechter?. In Zukunft werden aufgrund der demographischen Entwicklung weniger hoch qualifizierte Arbeitskräfte zur Verfügung stehen – dann richtet sich der Blick automatisch wieder auf die Frauen.
Ich hoffe auch auf die Generation, die gerade die Schule beendet und mit Studium anfängt – die jungen Erwachsenen haben schon einen anderen Blick. Sie sind damit aufgewachsen, dass Eltern berufstätig sind und auch Familienverantwortung gemeinsam übernehmen. . Diese jungen Menschen erfahren, dass beide Lebensbereiche für Männer und Frauen zu einem erfüllten Leben gehören. Jetzt sind auch Arbeitgebende gefordert, Frauen und Männern diesen Raum zu gewährleisten.
Bis heute haben es die Frauen geschafft, die Randbereiche der traditionellen Männerwelt zu erobern, die aber für Männer nicht mehr attraktiv sind, ich denke da zum Beispiel an Berufe wie Grundschullehrerin oder Frisörin. Nun müssen Männer auch Bereiche abgeben, die sie
Liebsten behalten wollen.
Andreas Schwöbel: Aus meiner Sicht ist das Wichtigste, Lohngerechtigkeit anzustreben. In der Kirche haben wir dieses Ziel bereits umgesetzt, in der freien Wirtschaft wird teilweise noch anders gehandelt. Dann halte ich es für wichtig, dass Frauen verstärkt technische Berufe ergreifen und Männer eher in soziale Berufe hineinkommen sollten.
Noch geht man automatisch davon aus, dass Frauen hauptsächlich für die Erziehung zuständig sind, auch wenn bereits mehr Männer Erziehungszeiten in Anspruch nehmen. Für Männer wird aber die Zeit, die sie sich für Hausarbeit und Familie nehmen, zunehmen. Wenn Frauen sich beruflich engagieren, sollten sie ihr Kind in eine Krippe geben können, ohne gesellschaftlich als Rabenmütter abgestempelt zu werden. Allerdings sollten dann die Krippen besser ausgestattet sein.
Bei der Erziehung sollte darauf geachtet werden, dass die weiblichen und männlichen Anteile, die in jedem Menschen stecken, gefördert werden. Jungs sollen also weiterhin Ritter spielen dürfen, aber auch durch das väterliche Vorbild den Haushalt als etwas Wichtiges im Leben erleben. Dann kann Kochen lernen als etwas Gleichwertiges neben dem Fußballspielen bestehen. Das heißt: Veränderung durch Ergänzung.
Wo stehen sich Frauen selbst im Weg?
Maren Cirkel: Frauen können sich gelassen von dem Anspruch befreien, dass sie alles selbst und am Besten machen müssen. Sie können den Mut haben, Verantwortung und Macht abzugeben und ihre Lebensbereiche für Väter öffnen. Wenn sich eine Frau von ihrem eigenen Perfektionsanspruch verabschiedet, dann kann es schon sein, dass das Kind ein weiteres Mal das T-Shirt mit dem Fleck trägt. Das Gebot der Stunde lautet dann: Nicht einmischen! Allerdings ist auch klar: Die gerechte Verteilung von Aufgaben verlangt mehr Organisation und Absprachen und manches wird sich nur mit Auseinandersetzungen regeln lassen. Leider sind viele Männer noch nicht überzeugt, dass Familienarbeit etwas Erfüllendes ist.
Auch der erbitterte Widerstand von denjenigen Frauen, die sich für eine bessere Mutter halten, weil sie zu Hause bleiben, bringt uns nicht weiter.
Andreas Schwöbel: Ja, das kommt vor. So hat mir ein junger Mann, der ein Praktikum in einer Kindertagesstätte absolviert hat, diese Geschichte erzählt: Aus Sicht der Erzieherinnen hat er so manches auf Anhieb nicht richtig gemacht. Am Ende haben die Frauen ihm dann ausschließlich Aufgaben zugeteilt, wie den Müll wegzubringen. Anstatt ihn anzulernen, haben die Frauen die anspruchsvolleren Aufgaben lieber selbst erledigt. Auch ein Mann braucht etwas Zeit, bis er bestimmte Dinge beherrscht. Die Frauen können einem Mann ruhig etwas zutrauen und überholte Vorstellungen loslassen.
Es gibt Frauen, die erfolgreich im Beruf stehen, eine eigene Familie haben und dabei ausgeglichen wirken. Was ist ihr Geheimnis?
Was bedeutet "Gender"?
Geschlechterrolle, die sozial und psychologisch geprägt ist, im Unterschied zum biologischen Geschlecht.
Maren Cirkel: Ich hatte keine Großeltern zur Unterstützung. Mein Sohn, der gerade Abi macht, ist mit einem Jahr in die Krippe gekommen und mein Mann hat eine Menge übernommen. Das habe ich aber auch abgerufen. Es war für ihn im Berufsleben oft nicht einfach. Er wurde schon irritiert angeschaut, wenn er sagte, dass er los müsse, weil die Kita gleich schließe. Zum Glück haben wir an unserem Wohnort direkt einen Hort und später eine Ganztagschule vorgefunden. Ich habe meinen Kindern frühzeitig zugetraut, etwas alleine zu schaffen. So fährt mein jüngerer Sohn alleine zum Geigenunterricht mit dem F-ahrrad durch die Stadt. Mum’s Taxi ist bei uns ein Fremdwort. Entspannung und Freizeit kommen allerdings etwas zu kurz. Zeit für Freunde und Bekannte bleibt kaum. Deshalb: Vollzeitberufsarbeit ist nicht das Idealmodell, die Work-Life-Balance schlägt noch aus zu „Work“.
Andreas Schwöbel: Mein Eindruck ist, dass diese Frauen meist ein gut funktionierendes Unterstützungsnetz mit hilfsbereiten Großeltern besitzen, eine gute Kindertagesstätte in der Nähe, einen hilfsbereiten Mann und eine gute finanzielle Ausstattung.
Wie steht die christliche Botschaft zum Verhältnis zwischen Männern und Frauen?
Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Weib.
1. Buch Mose 1,27
Hier ist nicht Jude noch Grieche
Hier ist nicht Knecht noch Freier,
hier ist nicht Mann noch Weib;
denn ihr seid allzumal einer in Christus Jesus.
Brief des Paulus an die Galater 3,28
Andreas Schwöbel: Die biblische Botschaft ist eine Genderbotschaft, denn Gott hat die Menschen `als Mann und Frau´ gemacht. Einige Gelehrte gingen allerdings davon aus, dass die Frau weniger wert sei, weil sie erst an zweiter Stelle erwähnt wird. So entwickelte sich eine Haltung, die Frauen abwertete. Aber das Wort „und“ im Schöpfungsbericht verbindet beide als gleichwertig. Heute sind Theologen dabei, der Wirkungsgeschichte eine andere Richtung geben.
Denn Frau und Mann haben den Garten Eden bekommen, beide sollen sich um ihn kümmern, beide wollen vorankommen und etwas erkennen, was aber auch für beide mit Schwierigkeiten verbunden ist. Das verbindet Männer und Frauen. Als evangelische Kirche vertreten wir deshalb die Auffassung, dass Frauen ebenso wie Männer für das Pfarramt geeignet sind.
Zudem ist Gerechtigkeit ein grundlegendes Thema der Bibel. Es geht darum, die von Menschen gemachten Hierarchien zu überwinden (Gal 3,28). So hat Jesus Hierarchien nicht unterstützt, er hat Frauen aufgewertet, wie etwa die Geschichte von der blutflüssigen Frau zeigt (Mk 5, 25-34).
Wenn wir uns bewusst sind, dass wir alle vor Gott gerecht sind, dann muss sich das auch auf unser Verhalten auswirken. Das heißt auch, Homosexuelle oder Transsexuelle wertzuschätzen.
Was muss innerhalb der Kirche geschehen, um Gerechtigkeit unter den Geschlechtern zu erreichen?
Angebote und Aufgaben der Gleichstellungsbeauftragten:
- Fortbildungen für Beschäftigte und für Pfarrerinnen und Pfarrer
- Fachtag für Männer in der EKHN (voraussichtlich am 16. Juni 2009)
- Gremienarbeit
- Mentoring für Frauen (zum 4. Mal im Frühjahr 2009)
- Mitarbeit an der bedarfsgerechten Verwendung des Familienbudgets
Maren Cirkel: Als Kirche sollten wir darauf schauen, welche Angebote wir für unsere Kirchenmitglieder machen. In den Gottesdiensten sitzen oft mehr Frauen als Männer. Wir sollten verstärkt auch Männer ansprechen – alle gehören dazu, ob weiblich oder männlich, ob jung oder alt.
Für die Mitarbeitenden der EKHN steht an erster Stelle die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Hier ist zu diskutieren, ob es eine Alternative für die Regelarbeitszeit von 40 Wochenstunden gibt. Ich halte es für sinnvoll, Erwerbsarbeitzeit runterfahren, auch zugunsten von ehrenamtlichem Engagement. Kirche sollte hier Vorbild sein.
Der aktuelle Fall in Bremen, bei dem einer Pfarrerin das Kanzelrecht abgesprochen wurde, zeigt mir, wie fragil das Erreichte im Bereich Gleichstellung ist. Auch hier in der EKHN sind Tendenzen spürbar, das Erreichte aufzuweichen. Zudem muss die praktische Umsetzung bestehender Rechte erleichtert werden, wie beispielsweise die Elternteilzeit.
Andreas Schwöbel: Ziel ist es, in der Kirche die Gemeinschaft von Frauen und Männern zu stärken, damit Kirche gemeinschaftlich handeln kann und damit besser wird. Dies gelingt meines Erachtens nur dann, wenn Frauen und Männer zu bestimmten Zeiten getrennt vom anderen Geschlecht unter sich sein können. Männer reden dann freier. So war ein Erzieher im Rahmen unseres letzten Fachtages richtig froh, einmal mit Männern reden zu können, da er im Berufsalltag fast ausschließlich mit Frauen zu tun hatte. Solche Momente sind notwendig, damit Männer sich positionieren und frei handeln können – und nicht nur auf die Aktionen der Frauen reagieren.
Rita Deschner, MC, DB
zurück | letzte Aktualisierung: 08.07.2008 | copyright by EKHN