Bericht

30. September 2008

 

"Jede Tafel ist notwendig - aber auch ein Stachel"

Tafeltag am 4. Oktober

„Jede Tafel ist notwendig, um die Menschen, die mit ihrem Regelsatz nicht auskommen, zu unterstützen. Seit der Umsetzung der Hartz-Reformen haben wir einen regelrechten Gründungsboom erlebt. Allerdings ist dies ein trauriger Boom. Jede dieser Einrichtungen ist ein Stachel in unserem Fleisch und zeigt, dass die wachsende Armut in unserem reichen Land ein Skandal ist.“ Dies sagte Pfarrer Dr. Wolfgang Gern, Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werks in Hessen und Nassau (DWHN), anlässlich des bundesweiten Tafeltages, der Samstag, 4. Oktober, zum zweiten Mal begangen wird.

Ziel: Überwindung der Kinderarmut

Jede Neugründung oder Ausweitung sei wichtig, auch die von speziellen Kindertafeln, so der Diakonie-Chef, der auch Sprecher der Nationalen Armutskonferenz in Deutschland ist. Dass sich bundesweit Freiwillige in nahezu 800 Tafeln engagierten, könne nur gerühmt werden. „Sozialpolitisch kann es nicht unser Ziel sein, Zwei-Klassen-Einkaufswelten zu schaffen, in denen Menschen mit geringem Einkommen separiert werden. Der Regelsatz der Sozialleistungen muss mindestens für den Einkauf bei einem Discounter ausreichen. Und er muss genauso den Betrag für ein gesundes Mittagessen in der Schule mit abdecken.“ Wer Armut überwinden wolle, müsse zum sozialen Ausgleich beitragen, so Gern. „Wir brauchen zuallererst Lösungen, die Familien mit Kindern helfen und die zur Überwindung der Kinderarmut beitragen. Der Kinderbetreuung und der Ganztagsschule muss bundesweit ein besonderes Augenmerk gelten. Die Lernmittelfreiheit muss schnell Standard werden – ebenso wie der Mittagstisch in der Schule. Das Existenzminimum beim Kinderregelsatz von Hartz IV muss neu definiert werden. Bis dahin sollte er um mindestens 20 Prozent steigen.“

Tafeln in Hessen und Nassau

Allein im DWHN gibt es laut Gern in Federführung oder Beteiligung der Diakonie 18 Tafeln mit Ausgabestellen an 27 Orten. Etwa 6.000 Personen aus 2.475 Haushalten würden dort wöchentlich versorgt. „Etwa 1.200 Ehrenamtliche tragen dazu bei, dass die Arbeit der Tafeln überhaupt möglich ist. Ihnen gilt unser großer Dank“, so Gern.

Mechthild Köhl / RD