Interview

09. Oktober 2008

Die Finanzkrise aus der Sicht eines Börsianers

"Wir werden zu einem einfacheren Leben zurückkehren"



Glaube und Geld - das ist für Nigel Longley kein Widerspruch. Sonntags ist der 46-jährige Brite öfters als Liturg im Gottesdienst in der Alten Nikolaikirche in Frankfurt tätig, werktags vertritt der Börsianer ein englisches Emissionshaus in Deutschland. Wie hautnah der evangelische Christ die Finanzkrise miterlebt, zeigte sich in den wenigen Stunden zwischen zwei Telefonaten mit der Online-Redaktion der EKHN am 9. Oktober 2008: Währenddessen wurde einer seiner Freunde bei einer amerikanischen Bank entlassen. In einem Interview sprach Rita Deschner mit ihm darüber, wie er die Ursachen und Folgen der weltweiten Finanzkrise beurteilt.

Wie erleben Sie diese Finanzkrise?

Als mittlere Katastrophe. In meinem 20-jährigen Berufsleben habe ich so etwas noch nicht erlebt. Argentinien und Schweden hatten in Vergangenheit große Probleme, aber nicht in diesem Ausmaß. Ich kann niemanden beruhigen, ich kann keine Garantien geben, ich weiß nicht, was die Zukunft bringt. Das liegt außerhalb meines Erfahrungsschatzes. Es kann das Ende der Finanzbranche sein, wie wir sie kennen. Das ganze Finanzsystem ist wie ein Kartenhaus, das auf Vertrauen basiert - und wenn das nicht mehr da ist, bricht es zusammen.
Ich halte die Finanzkrise allerdings nicht für eine große Katastrophe, denn Menschenleben sind dabei zunächst einmal nicht gefährdet, wie bei einem Erdbeben. Die Welt geht dadurch nicht unter.

Worüber sprechen Banker miteinander angesichts der Krise?

Sie sprechen nicht viel, denn sie haben viel zu tun. Zahlreiche Kunden wollen nun wissen, wie es mit ihrem Investment-Portfolio aussieht. Die Leute aus der Finanzbranche denken aber schon darüber nach, ob ihre eigene Position, ihr Job gefährdet sind.  Sie fragen sich, wie die Banken- und Börsenlandschaft in Zukunft aussehen wird und rechnen mit tiefgreifenden Änderungen. Die zahlreichen Möglichkeiten, Finanzprodukte zu kreieren, werden wohl reduziert und vereinfacht. Die Geschwindigkeit, in der der Handel mit Derivaten gewachsen ist, konnte wohl am Ende keiner mehr in seiner Komplexität überblicken.

Machen sich Banker und Börsianer auch Gedanken darüber,  welche Rolle sie bei der Entwicklung dieser Krise gespielt haben?

Ich bin kein Vorstandsmitglied einer Bank und kann nicht für die Vorstände sprechen. In den mittleren und unteren Hierarchieebenen kenne ich niemanden, der den Eindruck hat, zu dieser Krise beigetragen zu haben.

Wer trägt Ihrer Meinung nach dann die Verantwortung?

Meiner Auffassung nach trägt jeder Einzelne in der Gesellschaft die Verantwortung. Es ist die Gier, die die Menschen angetrieben hat. Die meisten Menschen möchten höhere Zinsen, höhere Renditen, egal ob sie sich für ein Sparkonto oder Aktien entscheiden. Wenn jemand zum Beispiel sein Geld anlegen wollte, dann wären 4 Prozent Verzinsung realistisch gewesen - hat der Bankberater aber ein risikoreicheres Finanzprodukt mit 6 Prozent empfohlen, haben viele Kunden dieses gewählt. Die Werbebranche hat diesen Trend dann mit immer unverantwortlicheren und fantastischeren Versprechen angeheizt. Aus dem Englischen stammt der Spruch: `Wenn es zu gut klingt, um wahr zu sein, dann ist es wahrscheinlich auch nicht wahr.´

Und die Verantwortung der Banker?

Die Banker haben auf das Verlangen ihrer Kunden reagiert und weiter diese Produkte entwickelt. Sie selbst waren dann natürlich auch darauf aus, in ihrem Job soviel Geld zu verdienen wie möglich, auch sie wollten das Meiste herausholen. Stimmt, so haben auch sie zur Krise beigetragen.

Prägt Ihr Glaube die Art, wie Sie Geschäfte machen?

Ja. Es ist so: Grundsätzlich geht es in der Finanzwelt sehr egoistisch zu, die Chefs machen Zielvorgaben, die dann jeder einhalten muss. Da geht dann oft das Mitmenschliche verloren. Das zeigt sich beispielsweise in den großen Handelssälen, dort kennen die Händler nicht einmal die Namen der Kollegen, die eine Reihe weiter vorne sitzen. Dann fällt es auch nicht auf, wenn plötzlich jemand nicht mehr da ist. Niemand weiß, welche Ängste und Sorgen die Kollegen beschäftigen. Deshalb gehe ich auf die Menschen zu. Beispielsweise ist einer unserer Praktikanten an Krebs erkrankt, ich habe ihn im Krankenhaus besucht und bis heute den Kontakt gehalten. Er hat mir erzählt, dass es ihm gut getan habe zu spüren, dass sich jemand für ihn interessiert.
Außerdem habe ich nach den Anschlägen vom 11. September die Kollegen ermuntert, sich an Solidaritätsmärschen zu beteiligen, um Trauer und Mitgefühl zu signalisieren.

Gibt der Glaube Kraft, mit dieser Krise umzugehen?

Auf jeden Fall. Ich sehe dem gelassen entgegen, Gott wird es richten. Ich habe schon einige Krisen in meinem persönlichem Berufsleben durchgestanden und erfahren, dass sich danach jedes Mal etwas Besseres entwickelt hat. Vor zehn Jahren hatte ich meinen Job verloren und bin zunächst in ein tiefes Loch gestürzt. Während der Zeit der Arbeitslosigkeit habe ich allerdings meine wunderbare Frau kennen gelernt. Wäre ich noch im Berufsalltag geblieben, hätte ich vermutlich keine Zeit gehabt, sie zu treffen. Ich vertraue darauf, dass Gott in meinem Leben für das Wesentliche sorgt. Wenn ich meine Familie und meinen vierjährigen Sohn anschaue, dann gibt mir das Kraft, dann bin ich zufrieden. Was jetzt während der Finanzkrise verloren geht, ist letztendlich nur Papier. Deshalb verbringe ich keine schlaflosen Nächte.

Wurden christlich geprägte ethische Maßstäbe verletzt?

Sicher. Im ersten Brief des Paulus an Timotheus steht ein Satz, der als Richtlinie gelten könnte: `Den Reichen in dieser Welt gebiete, dass sie nicht stolz seien, auch nicht hoffen auf den ungewissen Reichtum, sondern auf Gott, der uns alles reichlich darbietet, es zu genießen, dass sie Gutes tun, reich werden an guten Werken, gerne geben, behilflich seien, sich selbst einen guten Grund legen aufs Zukünftige, auf dass sie ergreifen das wahre Leben.´ Die menschliche Gier hat diesen Maßstab verletzt.

Worauf müssen wir uns vermutlich in Zukunft einstellen?

Die Bürger werden diese Krise zu spüren bekommen, denn die Finanzwelt ist sehr eng mit der realen Welt vernetzt. Wenn kein Geld da ist, können die Industrieunternehmen auch nicht investieren. Angst wird sehr lange Thema sein, die Angst um den eigenen Arbeitsplatz, ob es sich nun um Arbeitnehmer in der Automobil-, der Kommunikationsbranche oder in anderen Bereichen handelt. Die Arbeitslosigkeit wird vermutlich zunehmen,  die Menschen werden weniger Geld ausgeben.
Die Krise wird aber auch vielleicht ihr Gutes haben: Die Bürger werden stärker selbst bestimmen, was ihnen verkauft wird, sich nicht mehr so blauäugig auf Finanzaktionen einlassen und kritiklos der Werbung glauben. Ich denke, dass wir zu einem einfacheren Leben zurückkehren und ethische Maßstäbe werden wieder stärker an Bedeutung gewinnen werden.
Ich nehme an, dass die Regierungen Gesetze erlassen werden, welche die Banken stärker regulieren. Allerdings werden Banker Finanzprodukte entwickeln, an die der Gesetzgeber nicht gedacht hat, es wird immer welche geben, die die Kontrollen umgehen wollen. Es wird nicht einfach sein, diese Regelungen durchzusetzen.

Hinweis: Das Gesagte spiegelt nicht die Auffassung der EKHN wieder, sondern ist im Sinne des "Priestertums aller Gläubigen" die Ansicht eines Kirchenmitgliedes. Inhaltlich gibt es unterschiedliche Positionen zum diesem Thema, die auf dieser Seite ergänzt werden:
Finanzkrise

RD