Bericht
Der Glaube kann während der Finanzkrise Mut für einen Neuanfang machen
Interview mit der Ökonomie-Referentin der EKHN
Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung
Wirtschaft und Finanzpolitik
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Brigitte Bertelmann: Die Ursachen und Forderungen zum Umgang mit den Folgen der Finanzkrise (PDF)
Es solle ein Rahmen geschaffen werden, in dem die Bürger in einen konstruktiven Prozess für die Neugestaltung unserer Gesellschaft einbezogen werden. Dies fordert Dr. Brigitte Bertelmann, Referentin für Ökonomie aus dem Zentrum Gesellschaftliche Verantworung der EKHN, am 16. Oktober 2008. Angesichts der gegenwärtigen Finanzkrise empfiehlt sie in einem Papier hierfür eine Art „globalen Buß- und Bettag“. In einem Interview mit der Online-Redaktion der EKHN äußert sich die evangelische Wirtschaftsexpertin außerdem über die Ursachen der Krise und wie der christliche Glaube zum Umdenken anregen kann.
Ist die Kirche mit Entscheidern in Banken im Gespräch? Welche Haltung vertreten diese?
Unabhängig von der aktuellen Situation gibt es langjährige Kontakte zwischen Kirche und Unternehmen und selbstverständlich auch zu Unternehmen aus dem Bankensektor. Für das akute Krisenmanagement ist jetzt kurzfristig vor allem eine enge Zusammenarbeit zwischen Politik, Notenbanken und Unternehmen erforderlich. Kirchen sind hier natürlich nicht in der Rolle der Fachberater. Allerdings suchen Menschen aus dem Bankensektor, die zur Zeit unter erheblichem Druck stehen, zum Teil die Gelegenheit zu seelsorgerlichen Gesprächen oder nutzen kirchliche Räume und Kontakte, um zur Ruhe zur kommen. Einige reflektieren aber auch durchaus ihre eigene Rolle.
Haben Sie den Eindruck, dass Börsianer und Banker sich Gedanken über ihre Verantwortung machen, wie sie in den vergangenen Jahren zur Krise beigetragen haben?
Die Fehler werden weniger bei den Einzelnen gesehen, die ihre Aufgaben entsprechend den vorgegebenen Unternehmenszielen und im Rahmen des gesetzlichen und ordnungspolitischen Rahmens erfüllt haben. Die meisten haben das Gefühl, dass sie in den gegebenen Rahmenbedingungen keine andere Möglichkeit zu handeln hatten. Wenn sie das Spiel nicht mitgespielt hätten, hätten sie die Existenz ihres Unternehmens gefährdet oder ihren Arbeitsplatz riskiert – das ist die Sicht vieler, die in diesem Bereich arbeiten.
Es wird zugestanden, dass mit den exorbitant hohen Prämien und Gehältern vielfach noch akzeptable Grenzen überschritten wurden.
Und doch mangelt es oft an Verantwortungsgefühl und Selbstkritik - oder?
Es gab tatsächlich, insbesondere nach dem Ende der sozialistischen Diktaturen nicht nur eine erhebliche Systemarroganz, sondern auch individuelle Arroganz von Einzelnen, die eine ganze Zeit lang von diesem System profitiert haben. Allerdings möchte ich dies nicht verallgemeinern.
Der Präsident des Bankenverbandes Klaus-Peter Müller hat zum Beispiel öffentlich festgestellt, dass auch von deutschen Banken Fehler bei der Gestaltung und Bewertung von Finanzprodukten gemacht worden sind. Dass auch die Anreizsysteme vor allem in den Investmentbanken so gestaltet waren, dass sie den Verkauf von besonders risikoreichen Papieren durch besonders hohe Boni honoriert haben. Dies hat zusätzlich dazu beigetragen, dass Anlageberater und Banker in dem Bewusstsein handelten, genau das zu tun, was nicht nur im eigenen Interesse, sondern auch im Interesse des Unternehmens richtig und gut war. Inzwischen gestehen auch manche Anlageberater ein, dass sie Papiere verkauft haben, deren Risiken die Kunden, manchmal vielleicht auch sie selbst, nicht verstehen konnten. Problematisch ist hier, dass Mitarbeitende in Banken keineswegs nur neutrale Berater sind, sondern vielmehr Verkäufer von bestimmten Bankprodukten, deren Arbeitsplatz und Einkommen u.a. davon abhängig ist, dass sie dies erfolgreich tun. Hier haben manche Bankkunden noch ein anderes Bild.
Wo müsste Ihrer Meinung nach ein Umdenken einsetzen?
Bisher hat sich die Wirtschaft an einem System orientiert, das auf grenzenlosen Wettbewerb setzt und auf der Grundidee beruht, dass nur jeder nach dem größtmöglichen individuellen Vorteil streben muss, damit es allen gut geht. Daran wird bisher kaum grundsätzliche Kritik geübt.
Problematisch ist aus meiner Sicht das damit verbundene Menschenbild und das Verständnis von Freiheit, das hier zugrunde liegt. Es widerspricht nicht nur der goldenen Regel, dass die Freiheit des Einzelnen dort ihre Grenzen haben muss, wo sie die Handlungs- und Entscheidungsfreiheit von anderen erheblich beeinträchtigt, sondern auch dem christlichen Verständnis von Freiheit und Gerechtigkeit.
Was bedeutet das christliche Verständnis von Freiheit in diesem Zusammenhang?
Im Neuen Testament wird Freiheit als das fundamentale Kennzeichen christlichen Lebens verstanden. Sie gründet in der Glaubensgewissheit der Heilstat Gottes durch Jesus Christus (Gal. 5,1) und geht über die materielle Befreiung aus Sklaverei und Unterdrückung hinaus. Menschen sind durch Christus davon befreit, sich durch ihr eigenes Handeln vor Gott rechtfertigen zu müssen. Sie sind davon befreit, sich vorrangig ständig um sich selbst zu sorgen und werden dadurch frei für die Hinwendung, die Liebe zum Nächsten, nicht aus Zwang, sondern aufgrund der befreienden Liebe Gottes. Luther hat den Spannungsbogen dieser Freiheit denn auch in einem widersprüchlich erscheinenden Zweisatz beschrieben:
„Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und niemandem untertan.“ Und:
„Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht und jedermann untertan.“
So verstanden besteht der oft beschworene Gegensatz zwischen Solidarität und Freiheit gerade nicht, vielmehr bedingen und ermöglichen sie sich gegenseitig.
Was hat dann zur Finanzkrise geführt?
Obwohl qualifizierte Alternativen auf dem Tisch lagen, hat eine breite Mehrheit von Wirtschaftsvertretern, Wirtschaftswissenschaftlern, Politikern und Medien viel zu lange ein Bild von Staat, Gesellschaft und Wirtschaft propagiert, dass staatliches Handeln gleichgesetzt hat mit Ineffizienz, Verschwendung und der Einschränkung und Bevormundung von Bürgern. Wie wichtig ein Staat ist, der – in Kooperation mit anderen Staaten – handlungs- und durchsetzungsfähig ist, erleben wir in diesen Tagen. Auch die Banken und viele, die den Staat am liebsten nur noch als „Nachtwächterstaat“ gesehen hätten, haben in der Krise nach staatlichen Eingriffen und wirksamer Hilfe gerufen. Aufgabe des Staates ist es aber meines Erachtens, Regeln zu setzen und durchzusetzen, die eine Krise dieses Ausmaßes gar nicht erst entstehen lassen.
Es herrscht ein Gefühl der Wut: Einige Menschen haben den Eindruck, dass die Verantwortlichen kaum zur Rechenschaft gezogen werden, während sich viele Bürger Sorgen um ihr Erspartes und ihren Arbeitsplatz machen. Was sagen Sie zu diesem Eindruck?
Die Menschen empfinden es als ungerecht, dass für die offensichtlichen Fehler, die im Bankensektor und auf den globalen Kapitalmärkten begangen wurden, jetzt auch die „kleinen Leute“ als Staatsbürger und Steuerzahler einstehen sollen. Und das, obwohl sie darauf keinen Einfluss hatten und sie aus ihrer Sicht kaum von Wirtschaftswachstum und Aufschwung profitiert haben. Dieses Empfinden von Ungerechtigkeit kann das ohnehin bereits vorhandene Misstrauen gegenüber Politik und Wirtschaft verstärken und zu einer ernsthaften Gefahr für unsere Demokratie und für den gesellschaftlichen Frieden werden. Neben den unmittelbaren Sorgen um Ersparnisse und Arbeitsplätze, die meines Erachtens durchaus verständlich und nicht unbegründet sind, ist dies die gravierendste Folge der Entwicklung auf den Finanzmärkten, die sich über Jahre immer mehr von der Realwirtschaft abgekoppelt und systematisch jeglicher Kontrolle entzogen hat.
Was kann für die Bürger getan werden?
Es kommt jetzt darauf an, dass glaubhaft und verständlich vermittelt wird, dass die von der Bundesregierung und den G7 angekündigten Maßnahmen in erster Linie das Ziel haben, so weit wie möglich Schaden von den Sparern, den Arbeitnehmern und Unternehmen abzuwenden und einen von eventuell kollabierenden Banken ausgehenden Dominoeffekt zu verhindern. Banken, die die gestellten Bürgschaften tatsächlich in Anspruch nehmen müssen, werden diese Hilfe auch nicht ohne Gegenleistung erhalten. Die Bundesregierung hat sehr deutlich gemacht, dass dies bedeutet, dass die Regierung dort auch ein Mitspracherecht erhält. Dies gilt insbesondere dann, wenn die Banken zusätzliches Eigenkapital vom Staat erhalten. Dies darf sich allerdings nicht nur auf die Begrenzung von Managergehältern beziehen, sondern muss die Unternehmenspolitik und das Wertesystem, das sich in den Unternehmenszielen und der Unternehmenskultur ausdrückt, einschließen.
Die Möglichkeiten, diejenigen, die für die Krise verantwortlich sind, zur Rechenschaft zu ziehen, sind tatsächlich sehr begrenzt. Die Verantwortung für die Krise, die sich unterschiedlich heftig weltweit auswirkt, liegt natürlich nicht bei einer einzelnen Person oder Institution.
Warum ist es nicht gelungen, diese Krise zu verhindern?
Über viele Jahre hat sich ein ideologisch geprägtes System entwickelt, dass alleine auf die Selbstregulierung und die „Gemeinnützigkeit“ des Marktes gesetzt hat und dabei vielfach ethische Grenzen aber auch Grenzen von Vernunft und Verantwortungsbewusstsein überschritten hat. Prominente Wissenschaftler und Politiker, aber auch Kirchen und andere gesellschaftliche Gruppen, die auf die damit verbundenen Gefahren hingewiesen haben und Vorschläge dafür gemacht haben, wie diese einzudämmen seien wurden häufig bestenfalls belächelt. Oft wurden sie als notorische Schwarzmaler oder als ideologisch verblendet diffamiert. Die Forderung nach einer demokratischen Kontrolle der Finanzmärkte wurde als wirtschafts- und wachstumsfeindlich abgetan.
Darauf, dass dies, zusammen mit der fortscheitenden Deregulierung der Finanzmärkte eine gefährliche und ethisch nicht vertretbare Entwicklung ist, haben auch kirchliche Einrichtungen und Veröffentlichungen zwar immer wieder – möglicherweise aber nicht laut und entschieden genug – hingewiesen.
Welche Mechanismen haben sich dann durchgesetzt?
Die Ursachen für die Krise, die auf dem amerikanischen Immobilien- und Hypothekenmarkt begann, sind inzwischen vielfach beschrieben worden. Ich denke, dass es sich um eine Entwicklung über viele Jahre hinweg handelt - und nicht um eine überraschend über uns herein gebrochene Katastrophe. Meines Erachtens sollte hier zwischen einer ordungspolitischen Ebene, einer geldpolitischen Ebene, den Banken und den einzelnen Mitarbeitenden unterschieden werden.
mehr über die Ursachen der Krise (PDF)
Wie kann der Glaube Kraft geben angesichts einer solchen Krise?
Grundsätzlich kann der Glaube an einen Gott, der mich auch in sehr schwierigen Situationen begleitet und trägt, Hoffnung schenken. Er kann eine Wende zum Besseren möglich machen und Mut für einen Neuanfang geben. Er kann auch die Kraft und den Mut geben, wo man es für richtig und notwendig hält, „gegen den Strom zu schwimmen“ oder einer starken Übermacht zu widerstehen. Besonders schwierig wird dies allerdings dann, wenn Menschen die Erfahrung machen, dass sie, wenn sie dies tun, damit in ihrer Gemeinde und von ihrer Kirche weitgehend allein gelassen werden. Dass es kein Netz gibt, das sie wirksam auffängt, wenn sie aufgrund von kritischen Äußerungen oder der Weigerung, sich an unethischem Geschäftsgebaren zu beteiligen, ihren Arbeitsplatz verlieren. Ein „hier stehe ich, ich kann nicht anders“ ist grundsätzlich aus dem Glauben heraus möglich. Dafür gibt es in der Bibel und in der Kirchengeschichte viele Beispiele. Verlangen oder erwarten kann die Kirche dies nicht. Das kann nur eine persönliche Entscheidung sein. Viel ist erreicht, wenn Menschen auf der Grundlage ihres Glaubens in der Lage sind, andere Prioritäten zu setzen, als die von den Medien und dem Markt vorgegebenen. Es wäre gut, wenn Menschen in ihrer Kirche und in ihren Gemeinden auch die Möglichkeit und Kriterien finden, um eigene und gesellschaftliche Wertsetzungen immer wieder zu überprüfen und gegebenenfalls zu revidieren und wenn sie hier auch Trost und Unterstützung bei Enttäuschungen und Rückschlägen finden.
Rita Deschner/BB
zurück | letzte Aktualisierung: 17.10.2008 | copyright by EKHN