Bericht

20. Oktober 2008

Das Kind eines Gefängnisinsassen wird im Kindergarten anders angeschaut

Pfarrer besuchten die Justizvollzugsanstalt in Diez



Justiz-Vollzugsanstalt Diez Ev. Gefängnis-Seelsorge
Limburger Straße 122
65582 Diez
Telefon: 06432 - 609196
Telefax: 06432 - 609197

mehr zum Thema

Seelsorge-Angebote

„Meine Tat habe ich schon wenige Stunden später bereut, als ich mich der Polizei stellte“, erzählte der Mörder einer Frau einigen Pfarrern aus dem evangelischen Dekanat St. Goarshausen. Am 20. Oktober hatten sie die Justizvollzugsanstalt in Diez besucht. Der Gefangene berichtete weiter, dass er sich darauf eingerichtet habe, den Rest seines Lebens hinter den Diezer Gefängnismauern zu verbringen. „Man denkt von Tag zu Tag und Woche zu Woche nicht an ein mögliches Ende der Haft“, erzählt der Mann, „sonst würde man ja wahnsinnig“. Fünf Jahre lebt er bereits hinter den Diezer Gitterstäben; die Mitarbeit an der Gefängniszeitung „Der Weg“ und die Hausarbeit bestimmen seinen Tagesablauf. Frühestens nach 15 Jahren könnte seine Akte möglicherweise noch einmal vor einem Gericht in Augenschein genommen werden.

Pfarrer im Gefängnis

Matthias Metzmacher, Pfarrer für gesellschaftliche Verantwortung der evangelischen Kirche Rhein-Lahn, hatte die Begegnung in der Anstalt mit der Gefängnisseelsorgerin Pfarrerin Klaudia Ehmke-Pollex sowie einigen Gefangenen vorbereitet. Vollzugsbeamter Dieter Hörle empfing die Theologen aus dem Westteil des Kreises zu einem Rundgang durch das Gefängnis, in dem 600 Gefangene mit langjährigen Haftstrafen untergebracht sind. Im Diezer Vollzug befinden sich Personen, die mindest zu fünfjährigen Haftstrafen verurteilt wurden. 300 Bedienstete arbeiten in der JVA Diez. Hörle zeigte den Gästen die Besuchsräume, Krankenstation, Sporteinrichtungen und Zellentrakt, bevor die Pfarrer Gelegenheit bekamen, mit einigen Gefangenen persönlich zu sprechen.

Gefängnisseelsorgerin als Lebensbegleiterin

„Hier geht es nicht nur um Krisen- sondern auch um Lebensbegleitung“, erklärte Gefängnisseelsorgerin Klaudia Ehmke-Pollex ihren Kollegen. Sie machte den Theologen die Herausforderungen ihres Dienstes deutlich. „Was geht in einem Menschen am Todestag der Ehefrau vor, die er vielleicht selbst umgebracht hat?“, machte die Seelsorgerin deutlich, in welch sensiblem Umfeld sie ihren Dienst tut. Andere Jahrestage oder auch bei Familienfeiern wie Kommunion, Konfirmation oder Hochzeit erlebten die Inhaftierten „Ohnmacht pur“. „Ganz schwierig wird die Situation, wenn draußen jemand ins Krankenhaus muss oder stirbt“, so Ehmke-Pollex. Teilnahmen seien aus Sicherheitsgründen nur ganz selten möglich. „Oft verzichten die Inhaftierten auch darauf, einen entsprechenden Antrag zu stellen, weil sie in Hand- oder Fußfesseln an der Beerdigung teilnehmen müssten.“

Angehörige fühlen sich allein gelassen

Nicht nur Gefangene und Bedienstete der Einrichtung schütten der Seelsorgerin ihr Herz aus. „Auch die Angehörigen der Täter, die ebenso Opfer einer Tat werden, fühlen sich in ihrer Gemeinde oft allein gelassen“, so Ehmke-Pollex. Es sei leider oft so, dass ein Kind, dessen Vater in der JVA sitze, im Kindergarten anders angeschaut wird.

Kontakt zur Außenwelt erwünscht

Die Gefängnisseelsorgerin schlug den Gemeindepfarrern vor, in ihrer Gemeinde einmal nachzuhören, ob es nicht Menschen gebe, die den Gefangenen einmal einen Brief schreiben würden oder zu Besuchen bereit seien, eine konkrete Hilfe, die vielen Gefangenen als Kontakt zur Außenwelt  gut tue. „Manchmal trifft sich die Sehnsucht der Gefangenen mit dem, was jemand draußen vielleicht gerade sucht“, so Ehmke-Pollex. Auch durch Besuche von Sport-, Musik- und Theatergruppen oder mit Vorträgen könne ihre Arbeit unterstützt werden.

Mit einer Teilnahme am Abendgebet endete der eindrucksvolle und erkenntnisreiche Besuch in der JVA Diez.

Bernd-Christoph Matern / RD